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Wieder Ärger mit dem Artenschutz
Die kleine Zauneidechse (Lacerta agilis) sorgt der Bahn zufolge für neue Terminnöte beim Großprojekt Stuttgart-Ulm. Foto:Vitalii Hulai-fotolia.com
S-21-Chef Manfred Leger meldet Probleme mit Eidechsen auf einem Bauplatz für das Bahn-Großprojekt

Wieder Ärger mit dem Artenschutz

Erneut hat die Bahn Probleme mit Eidechsen beim Großprojekt Stuttgart-Ulm. Eine Population bei Wendlingen bedrohe den anvisierten Baufertigstellungs-Termin 2021. Der BUND reagiert skeptisch.

08.04.2016
  • FABIAN ZIEHE

Stuttgart. Grün-braun der schuppige Tarnfleck, das Maul aufgerissen, die Krallen einen Zeigefinger packend: Eine Eidechse schmückt das Magazin "Bezug", das Bahnmitarbeiter am Mittwoch am Hauptbahnhof Stuttgart an die Reisenden verteilten. "Kleine Tiere, großer Aufwand" lautet die Überschrift zum Schwerpunkt des Hochglanz-Produkts, das Themen rund um das Bahnprojekt S 21 und die Neubaustrecke nach Ulm vorstellt.

Der Chef des Projekts, Manfred Leger, legte gestern im Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" nach: "Am meisten Sorgen macht uns der Artenschutz", sagte er in Hinblick auf die "Eidechsen-Problematik" und die Schwierigkeiten, Ausweichquartiere zu finden. Pro umzusiedelnden Tier rechne er mit 2000 bis 4000 Euro Kosten. Im Falle der Reptilien beim Bahnhof Stuttgart-Untertürkheim habe es ein Tier gar auf 8600 Euro gebracht; dort mussten die Tiere genetisch getestet werden. "Das ist ein ausuferndes Thema", resümiert Leger.

Worauf "Bezug"-Artikel und Leger hinaus wollen: Auch bei der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm, die anders als das Zwillings-Vorhaben Bahnhofsneubau bisher hinsichtlich Kosten und Baufortschritt glänzte, gibt es massive Probleme. Probleme, die den anvisierten Fertigstellungs-Termin Ende 2021 ins Wanken bringen. Der Grund: Im letzten, erst im März 2015 planfestgestellten Abschnitt der Schnellbahntrasse im Albvorland (PFA 2.1) wurden neue Eidechsenpopulationen entdeckt - nur kurz nach der Baufreigabe.

Das Ausmaß der Misere schildert ein Projekt-Sprecher: Die Eidechsen wurden just in der Baueinrichtungsfläche für den Albvorland-Tunnel bei Wendlingen (Kreis Esslingen) entdeckt. Derzeit liege eine Planfeststellungsänderung beim Eisenbahnbundesamt (Eba). Nur im Frühjahr vor der Brut und bis Herbst vor dem Überwintern dürften Zauneidechsen umgesiedelt werden. Das Umsiedeln im Frühjahr sei schon passé, sogar das nötige Plazet des Eba vor Herbst sei nicht sicher. Im schlimmsten Fall könnten die Mineure also erst ein Jahr verspätet loslegen.

Schon wiederholt hatte das Tiefbahnhof- und Schnellbahnprojekt mit dem Artenschutz Probleme gehabt. Eine Juchtenkäfer-Population im Schlossgarten hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Eidechsen-Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Projekt-Historie, Populationen in Feuerbach, am Nordbahnhof, in Bad Cannstatt und Untertürkheim plus Querelen um Ausweichquartiere in Steinheim (Kreis Ludwigsburg) und auf den Fildern.

Für Christine Fabricius, Naturschutzreferentin des BUND Baden-Württemberg, sind die Komplikationen wenig überraschend. Zum einen, weil das europaweit gefährdete und deshalb durch die FFH-Richtlinie streng geschützte Reptil gerade im Südwesten noch viele Lebensräume findet. Zudem lieben die Tiere warme, lichte Standorte - Gleisanlagen etwa und Wiesenflächen. "Die Bahn wusste, dass es in dem Bereich Eidechsen gibt", sagt Fabricius. Das stehe so in den Planfeststellungsunterlagen. "Und es ist nie ausgeschossen, dass man noch mehr findet."

"Das Problem für die Bahn dürften weniger die Kosten der Eidechsen-Umsiedlungen sein, die im Vergleich zu den Baumaßnahmen kaum ins Gewicht fallen, als vielmehr die Flächenverfügbarkeit für neue Eidechsenhabitate." Fabricius vermutet, dass die Eidechsen als Grund für allgemeine Bauverzögerungen herhalten müssen.

Hinsichtlich der Ausgleichsflächen widerspricht die Projektgesellschaft. "Probleme mit Umsiedlungsflächen haben wir grundsätzlich immer", sagt der Sprecher, "aber in diesem Fall haben wir Flächen." Derzeit hänge alles an der Bearbeitung durch das Eba. Immerhin wurden für dessen Stuttgarter Büro nun Stellen aufgestockt. Auch wegen des S-21-Bauabschnitts auf den Fildern beim Flughafen. Dort hatte die Bahn wegen der zeitlich angespannten Lage infolge der Umplanungen für einen verbesserten Filderhalt (Bauvariante "Drittes Gleis") angeregt, einen "Steuerkreis" zur Beschleunigung der Prozesse zu etablieren. Doch das Eba spielte da nicht mit. Mittlerweile, so der Projektsprecher, treibe eine Arbeitsgruppe von Land, Bahn und Eba moderiert vom Bundesverkehrsministerium die Planungen voran.

Ob trotzdem der Fertigstellungstermin 2021 zu halten ist? Leger erklärte, das könne er beantworten, wenn im Frühsommer der Bescheid des Eba zu den Umplanungen auf den Fildern vorliege. Das Motto der Projektgesellschaft lautet derweil: "Wir befinden uns auf einem kritischen Pfad."

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08.04.2016, 06:00 Uhr

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