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Tübinger Islamzentrum wächst

Wiedergewählter Direktor für Bewegung gegen Extremismus

Prof. Erdal Toprakyaran ist für zwei weitere Jahre zum Direktor des Islamzentrums an der Universität Tübingen gewählt worden. Das Zentrum wächst stetig und vernetzt sich immer mehr mit anderen Einrichtungen innerhalb und außerhalb der Universität. Das Ziel, einmal Imame für die Moscheen in Deutschland auszubilden, ist aber noch weit entfernt. Gegen extremistische Fehldeutungen des Koran fordert Toprakyaran eine breite koordinierte Bewegung von Muslimen, Politik und gesellschaftlichen Gruppen.

27.11.2014
  • Gernot Stegert

Tübingen. Im Jahr 2011 wurde das Islamzentrum als eines von nur vier in Deutschland gegründet, vor allem um Lehrer für einen islamischen Religionsunterricht und auch Imame auszubilden. Ziel war, die Religion Mohammeds wissenschaftlich zu verankern, einen modernen Islam in den Schulen zu lehren und auch in den Moscheen zu predigen. Nach nur wenigen Jahren hat das Zentrum bereits viel erreicht, außer bei den Imamen, sagte Toprakyaran beim Tübinger Presseclub.

Wiedergewählter Direktor für Bewegung gegen Extremismus
Mittlerweile studieren am Tübinger Islamzentrum in der Villa Köstlin in der Rümelinstraße 150 junge Leute, zu 95 Prozent Muslime. Archivbild: Metz

Der Professor für Islamische Geschichte und Gegenwartskultur berichtet von einem großen Interesse am Zentrum: mehr Studierende, mehr Mitarbeiter und mehr Anfragen aus Wissenschaft und Öffentlichkeit. Als sehr gut beschreibt der studierte Islamwissenschaftler und Ethnologe die Zusammenarbeit mit den evangelischen und katholischen Theologen, mit den säkularen Islamwissenschaftlern, den Historikern und Politikwissenschaftlern an der Universität und weit über Tübingen hinaus. Auch mit Vereinen und Parteien pflege man enge Kontakte. Ungezählte Anrufe einzelner Bürger beispielsweise zum sogenannten Islamischen Staat (IS) hätten allerdings zu einer Überlastung geführt. Daher habe man die persönlichen Telefonnummern von der Internetseite genommen.

Auch zu den Islamverbänden, die größtenteils im Beirat sitzen, pflege man Kontakte, erklärt Toprakyaran. Aber dass diese für ihre Moscheen Imame am Tübinger Zentrum ausbilden ließen, soweit sei man noch nicht. „Die Verbände haben ihre eigene Ausbildung“, sagt der Direktor zur Begründung: „Dabei geht es natürlich um Einfluss.“ Die Frage sei, wer bestimme, was in den Moscheen gepredigt werde. Aber der Wissenschaftler will sich nicht in Verhandlungen der Landesregierung oder in die „Streitereien zwischen den Verbänden“ einmischen. Umgekehrt tue das der Beirat auch nicht. Grenzen der Befugnisse seien klar gezogen. „Unsere Lehre ist zu 100 Prozent frei. Da lasse ich mir nicht reinreden“, sagt Toprakyaran entschieden. Der Beirat könne zwar theoretisch ein Veto bei der Berufung eines Professors einlegen, habe das aber noch nicht getan.

Überhaupt vertritt der Sohn türkischer Eltern aus der Pfalz einen wissenschaftlich fundierten aufgeklärten Islam. Und verteidigt diesen: „Natürlich lasse ich mir von einem Kollegen in der Türkei oder in Saudi-Arabien nicht vorschreiben, wie ich den Koran zu deuten habe.“ Dabei unterscheidet der Professor zwischen orthodox-konservativen, salafistischen und gewalttätigen Interpretationen des Koran.

Wiedergewählter Direktor für Bewegung gegen Extremismus
Prof. Erdal Toprakyaran, Direktor des Islamzentrums an der Uni Tübingen

Der IS-Terror und seine scheinheiligen Begründungen rufen auch bei Muslimen Entsetzen hervor. „Wir tun uns schwer, daran nicht zu verzweifeln“, sagt Toprakyaran. „Wir sind sehr traurig über das, was im Namen des Islam geschieht.“ Mit dem Koran habe das nichts zu tun: „Jeder von uns am Zentrum kann in 30 Minuten Studierenden umfassend erklären, warum das geistiger Schrott ist.“ Auch populäre extremistische Prediger wie der Salafist und ehemalige Boxer Pierre Vogel würden der Religion Gewalt antun: „Pierre Vogel geht mit dem Islam um wie ein Boxer im Ring.“ Junge Leute, die für solche Lehren anfällig seien, hätten meist wenig Bildung. Sie könnten ihre Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Selbstbestätigung und Gewalt auch bei nichtreligiösen Gruppen stillen.

Gegen radikale Islam-Deutungen fordert Toprakyaran eine breite Bewegung. Es gebe viele Tagungen und Projekte. Vieles sei aber Stückwerk. Eine bundesweite Koordinierungsstelle könne helfen. Auch fehle auf islamische Seite eine Organisation der Undogmatischen: „Man hat genug vernünftige Muslime in Deutschland. Die muss man zusammenbringen zu einer Gegenbewegung und fördern.“

Die Zahl der Studierenden am Islamzentrum ist auf 150 gestiegen. Damit ist laut Direktor Prof. Erdal Toprakyaran die Obergrenze erreicht. Schließlich gebe es mittlerweile zwar 30 Mitarbeiter, aber davon nur vier Professoren. Eigentlich sollten es mal sechs sein, doch fehlen qualifizierte Bewerber: „Im Idealfall wären es in Deutschland aufgewachsene Muslime auf höchstem theologischen Niveau. Die gibt es bisher aber kaum.“ Folge: Die Hälfte aller Bewerber müsse abgewiesen werden. 50 Prozent der Studierenden schlagen den Weg ins Lehramt ein, so Toprakyaran, die übrigen 50 Prozent studierten Theologie. Und wer kommt? „Größtenteils sind das türkischstämmige junge Frauen, die in der Region groß geworden sind.“ Das Islamzentrum ist bisher als Modellprojekt vom Bund finanziert. Alle Verträge laufen aber 2016 aus. Bis dahin muss eine Nachfolgefinanzierung gefunden werden. Dies ist Aufgabe des Landes.

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27.11.2014, 12:00 Uhr

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