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Beuteltier in der Garage

Wieso ein Känguru in Talheim herumhüpfte

Das beschauliche Steinlachtal: ein Ort, an dem sich Fuchs und Känguru gute Nacht sagen. Nach dem Känguru-Fund am Mittwochnachmittag, der mittlerweile auch jenseits der Kreisgrenzen Wellen schlägt, gibt es jetzt auch Stimmen von Experten und Tierschützern.

18.08.2012
  • Eike Freese

Talheim. Als Jörg Schenk am Mittwoch sein Auto in die Garage an der Lindenstraße fuhr, rechnete er mit allem. Nur nicht mit einem Känguru. Direkt neben der Beifahrertür entdeckte der Talheimer den unerhofften Gast aus Australien. Das Beuteltier versteckte sich hinter Hortensien und Geranien.

Doch dass es ein Känguru war, erkannte Schenk auf den ersten Blick: Klein, etwa 60 Zentimeter hoch, aber unverkennbar – und sichtlich verängstigt. „Ich bin zuerst im Auto sitzen geblieben und habe nach draußen telefoniert. Weil ich das Tier nicht verschrecken wollte“, berichtet der Talheimer. Als er niemanden erreichte, stieg er doch aus – und beratschlagte mit Nachbarn, was zu tun sei.

Polizei? Vogelschutzzentrum? Auf Begegnungen dieser Art ist man als Mitteleuropäer im Allgemeinen nicht gut vorbereitet. „Stimmt, mit Kängurus kennen wir uns tatsächlich nicht aus“, räumt auch Hans Noe, Vorsitzender des Tübinger Tierschutzvereins, ein.

Das könnte sich demnächst ändern – wenn man etwa der Tierrechtsorganisation Peta folgt. Peta dokumentiert die steigende Zahl von exotischen Ausreißern in Deutschland, um die Öffentlichkeit hellhörig zu machen. „Im Internet, aber auch vor Ort gibt eine wachsende Branche, die vom Handel mit exotischen Tieren lebt“, sagt Peter Höffken von Peta Deutschland. „Jeder Mensch kann sich heute einen Tiger kaufen, wenn er will.“ Der studierte Zoologe kritisiert, dass die Tiere per definitionem gar nicht artgerecht zu halten sind – und dass sie in Privathaushalten der Kontrolle ihrer Lebensbedingungen entzogen sind.

Auch Herbert Lawo, Vorsitzender des Landes-Tierschutzverbands in Karlsruhe und ehemals Reutlinger Vereinschef, will ein grundsätzliches Verbot exotischer Tiere für Jedermann. „Klar gibt es Leute, die zwei Millionen in ein Gehege für ihre Krokodile investieren“, sagt Lawo. „Aber das ist die krasse Ausnahme.“ Die Ansprüche der Tiere an Klima, soziale Kontakte und Bewegung könnten von Haltern nie eingelöst werden. „Selbst ein Mensch kann 80 werden, wenn man ihn in der Jugend in einem Badezimmer einschließt und ihm etwas zu essen gibt“, so Lawo. „Aber psychische Faktoren wie Stress sind da nicht berücksichtigt. Nur weil ein Tier rumhoppelt, heißt es nicht, dass es ihm gut geht – was soll es denn anderes machen.“

Das Talheimer Känguru war am Mittwoch nach ein paar Stunden wieder bei den Besitzern. Bekannte waren mit dem Auto durch den Ort gefahren und hatten kurz darauf die Menschentraube vor der Garage mit dem Beuteltier entdeckt. Die hatten sich möglichst fern vom Känguru gehalten, um es keinem unnötigen Stress auszusetzen. Die Halterin, eine Frau aus Mössingen, möchte sich derzeit dem TAGBLATT gegenüber nicht öffentlich zu der Sache äußern. Unter anderem, weil sie Vorwürfe von Tierschützern fürchtet, die sie selbst als ungerechtfertigt empfindet. Sie versichert, sich auch mit selteneren Tieren auszukennen, sie legal und artgerecht zu halten und verantwortungsbewusst zu pflegen.

Tatsächlich urteilen Tierschützer auch differenzierter. „Bei aller Kritik: Eine gute private Haltung ist immer noch besser als ein schlechter Zoo“, räumt Peta-Mann Höffken ein. Doch Fachleute wie James Brückner von der Akademie für Tierschutz in München geben zu bedenken: „Wildtiere wie Kängurus haben ein extremes Stressempfinden. Sie sind an Kontakte mit Menschen nicht gewöhnt.“ Die derzeitigen Gesetze zum Umgang mit exotischen Arten empfindet er als völlig unbrauchbar. „Jahr für Jahr gibt es mehr Arten, die für Privathaushalte verfügbar werden. Und wenn man sieht, wie einfach man als Privatperson in Zoos und Tierparks an Tiere herankommt, müssen schnell neue Regelungen her.“

Derzeit steht vor allem das Halten von gefährlichen Tieren unter Kontrolle, zudem gibt es Meldepflicht unter der Maxime des Artenschutzes in verschiedenen Stufen. Doch wenn man den staatlichen Forderungen entspricht, sich an die – interpretierbaren – Regeln zur Haltung hält und ein Tier nicht aus der freien Wildbahn entnimmt, sondern aus einer Zucht, kann man in Deutschland vieles halten.

Das sagt Carsten Dehner vom Regierungspräsidium Tübingen, das im Bezirk den Handel mit exotischen Tieren prüft. Dehner berichtet von großen Mengen an ungewöhnlichen Tieren und von der Praxis, dass angesichts der Menge der Tiere manche Verstöße naturgemäß nur auf Anzeige hin bemerkt werden können. „Auch bei den reinen Zahlen bekommen wir nur das Meldepflichtige mit – und bearbeiten da rund 13 000 Meldungen im Jahr“, berichtet Dehner. „Unter denen gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt.“

Wieso ein Känguru in Talheim herumhüpfte
Artgerecht oder nicht? Das Känguru in der Garage in Talheim.

Wieso ein Känguru in Talheim herumhüpfte

Weißgesichtsseidenaffe für 850 Euro, Stinktierdame für 120 Euro, Zebras und Nasenbären mit Verhandlungspreisen: Auf Seiten wie „exoticanimal.de“ treffen sich Hobbyzüchter und Profis, Tierfreunde und Geschäftemacher. Die Angebote für Primaten, Beuteltiere und Großsäuger gehen jeweils in die Hunderte. Solche Kleinanzeigen heißen „Bennett Wallaby 350 Euro – Kein Versand möglich, nur Abholung“. Tierschützer fordern, die Haltung dieser Arten grundsätzlich zu verbieten und nur noch domestizierte Arten zuzulassen – also Arten, die im Laufe der Jahrhunderte an den Umgang mit Menschen und die Haltung in Käfigen oder Gehegen gewöhnt sind. Auch die in der Region nicht gerade unpopulären Laufvögel wie Nandus (Bild) oder Emus gehören nach Auffassung etwa der Tierrechtler von Peta nicht in Menschenhand.

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18.08.2012, 12:00 Uhr

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