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Wilde Unschuld

Julianne Moore in einem psychologisch fundierten Drama über den Zerfall einer Jet-Set-Familie.

Julianne Moore in einem psychologisch fundierten Drama über den Zerfall einer Jet-Set-Familie.

Wilde Unschuld

© null 02:02 min

SAVAGE GRACE
USA

Regie: Tom Kalin
Mit: Julianne Moore, Stephen Dillane, Eddie Redmayne, Elena Anaya

- ab 16 Jahren

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23.11.2015
  • ST

Ben taucht täglich in die fiktive Welt des Onlinespiels „Archlord“ ab. Das ist die Überlebensstrategie des 17-jährigen Schülers in „Ben X“, dem ersten Spielfilm von Nic Balthazar. Am frühen Morgen schlägt sich Ben als virtueller Ritter durch eine Fantasiewelt, dann muss er sich der Realität des Familienlebens und Schulalltags stellen. Ben ist Autist – hochintelligent, aber nicht fähig, auf „normalen“ Wegen mit seiner Umwelt zu kommunizieren.

So wird jeder Gang in die Schule zum Horrortrip, der den Jugendlichen denDemütigungen seinerMitschüler aussetzt. Seine alleinerziehende Mutter ist geduldig und bringt ihn allmorgendlich mit den gleichen guten Wünschen auf den Weg. Den Jungen auf eine Sonderschule zu schicken, käme für sie nie infrage.

Welche Qualen ihr Sohn erleiden muss, erfährt sie auf Umwegen – denn Ben kann nicht erzählen. Als die Demütigungen überhandnehmen, rastet Ben aus und beschließt, auszusteigen: „2 late 2 heal“ schreibt er im Chat mit seiner Gefährtin aus dem Onlinespiel. „Ben X“, inszeniert von dem 1964 in Gent geborenen Nic Balthazar, der seit 20 Jahren für das belgische Fernsehen Kultursendungen produziert und vor allem als Filmkritiker bekannt ist, hat eine lange Vorgeschichte. Vor fast zehn Jahren hatte sich in Gent ein 17-Jähriger in den Tod gestürzt – ein Junge, der unter einer leichten Form von Autismus litt und wie Ben im Film von Gleichaltrigen gemobbt und gepeinigt worden war. Balthazar verarbeitete den Fall zunächst zu einem Jugendbuch, dann zu einem Ein-Personen-Stück, das multimediale Elemente aufnahm. 2007 konnte er die Filmversion realisieren, die auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet wurde.

„Ben X“ ist ein bemerkenswerter Kinofilm, der kritisch ist, aber nicht hoffnungslos, empathisch, aber nicht pädagogisierend, der Technik gegenüber aufgeschlossen, aber nicht blind. Es ist ein Off-Erzähler, der dem Zuschauer das Erleben des Helden nahebringt. Ben analysiert seine Situation dabei durchaus treffend. Da er sich jedoch seiner Umgebung nicht mitteilen kann, versucht er über das Spiel, mögliche Verhaltensweisen einzustudieren. In einer dem Spieldesign ähnlichen Ästhetik werden Einblicke in die Struktur von Bens Denken vermittelt.

In Parallelmontagen, Überblendungen und mithilfe des Tons werden die reale Ebene und die virtuelle „Archlord“-Welt immer wieder miteinander verlinkt. Regisseur Balthazar hat Szenen mit Schauspielern drehen und diese dann in Computerspielgrafik umwandeln lassen, um die beiden Sphären optisch kurzzuschließen. Der Zuschauer erlebt intensiv, in welcher Not Ben steckt und wie dramatisch sein Unvermögen ist, sich adäquat zu äußern.

Bens Abhängigkeit von der interaktivenWelt macht ihn zugleich angreifbar durch Cybermobbing, also dem Mobbing in der virtuellen Welt. Aufnahmen einer besonders quälenden Szene, die seine Klassenkameraden johlend per Handy gefilmt haben, erreichen Ben per E-Mail und SMS, kommentiert und mit Karikaturen versehen. Der Film hinterfragt sowohl die Rolle derMedien als auch die des gesellschaftlichen Umfelds. Beklagt wird, dass erst etwas Schreckliches geschehen muss, bevor Mobbing sichtbar wird. Letzt geht es um eine Welt, die auf einer weit tieferen Ebene gestört ist, der es grundlegend an Solidarität und Empfindung mangelt.

Spielplan

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23.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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