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Umwelt

Wildes Deutschland

Biber zernagen Dämme und unterhöhlen Straßen. Wölfe reißen Schafe und spazieren durch Dörfer. Wildschweine pflügen Gärten und fühlen sich sogar in Städten immer heimischer. Wie soll der Mensch damit umgehen? Von André Bochow

22.02.2019

Von ANDRé BOCHOW

Am Oberen Ausee in der Friedrichsau hat der Biber auch an diesem Baum ganze Arbeit geleistet. Der bleibt jetzt liegen als Ablenkfutter Foto: Volkmar Könneke

Berlin/Stuttgart. Traurige Kinderaugen blicken uns aus der BILD-Zeitung entgegen. Sie gehören Jette. Jette ist acht Jahre alt und sagt: „Der böse Wolf hat meine Schafe gefressen.“ Andere Überschriften lauten: „Es muss wohl erst ein Kind sterben.“ Oder: „Das Verbot, Wölfe zu schießen, ist verantwortungslos.“ Keine Frage, der Wolf ist zur größten Bedrohung für Deutschland geworden. Oder ist es doch der Biber? Der war in Deutschland praktisch ausgerottet. Sein Fell und sein Fleisch waren einfach zu begehrt. Im Mittelalter half sogar der Papst dabei, die Population des Nagers zu dezimieren. Um bei seinem Verzehr keine Fastengebote zu brechen, erklärte der Vatikan den Biber zum Fisch.

Im 20. Jahrhundert wurden die restlichen Biber dann geschützt und neue ausgewildert. Mittlerweile soll es 30 000 Exemplare in Deutschland geben. Weil sie sich durch Deiche wühlen und Baumstämme bis zu einem Meter Dicke mühelos fällen, häufen sich besorgniserregende Meldungen.

Im Brandenburger Landkreis Oder-Spree, in der Ziltendorfer Niederung, musste eine Straße gesperrt werden, weil sie abzurutschen drohte, nachdem ein Biber dort gegraben hatte. Der zuständige Amtsdirektor Danny Busse erklärte im RBB-Fernsehen, in den vergangenen drei Jahren 110 000 Euro für die Beseitigung von Straßenschäden ausgegeben zu haben. Unnötig findet Busse die Zerstörungen, weil man den Biber jagen könnte, es aber nicht dürfe. Das untersagt europäisches Recht. Danach ist es verboten, dem Biber nachzustellen oder seine Wohn- oder Zufluchtsstätten zu beschädigen oder zu zerstören. Im Prinzip. Ausnahmen sind möglich.

So können Biber mehr oder weniger ungestört Bäume fällen und Deiche errichten. Im Berliner Tiergarten senkten sie die Pegelstände der dortigen Gewässer im vergangenen Sommer um bis zu 40 Prozent. Experten gehen davon aus, dass die Tiere auf den gesunkenen Wasserstand der Spree reagierten und sich Flächen sichern wollten.

Die Bedürfnisse der Menschen sind Bibern bei ihrem Wirken offenbar egal. In Baden-Württemberg leben zum Beispiel laut BUND 3000 bis 3500 der Breitschwänze. Sie rückten aus Bayern und der Schweiz kommend über die Donau Richtung Rhein vor. Grund genug für die Staatliche Naturschutzbehörde im Südwesten schon 2005 eine „Handreichung zum Umgang mit dem Biber“ zu veröffentlichen. Kurz gesagt: Er soll geschützt werden. An staatlichem Engagement fehlt es nicht. „Bibermanagement“ ist in vielen Bundesländern so selbstverständlich wie es Wolfsmanagement, Wolfsbeauftragte oder Bundestagsdebatten über den Wolf sind.

Angesichts der tierischen Bedrohung erwacht allerorten die Jagdleidenschaft. Im brandenburgischen Stahnsdorf etwa will man Wildschweine künftig mit Pfeil und Bogen jagen. Auf den „Schwarzwild-Infoseiten“ der Gemeinde heißt es zwar, das zwischen dem 1. April 2017 und dem 30. März 2018 „so viele Wildschweine geschossen wurden, wie nie zuvor“, nämlich 90 000 Tiere, aber das reicht den Stahnsdorfern nicht. Da die Wildschweinrotten gern auch am helllichten Tag durch den Ort spazieren, die Bejagung mit Schusswaffen dort aber nicht möglich ist, hat Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger) beim Landesumweltministerium eine Sondergenehmigung für die Pfeil- und Bogen-Jagd beantragt. Ausgang offen. In Deutschland wäre sie ein Novum.

Ob Wildschwein, Biber, Wolf, Luchs, Kormoran, Kegelrobbe oder Fischadler – die Natur scheint mit Macht zum Wiedergutmachungsschlag ausgeholt zu haben. Dabei gerät die Tierwelt mit den Menschen immer öfter in Konflikt. Kormorane und Robben fressen zu viel Fisch, Kraniche fallen über die Saaten her, Biber sorgen für Überschwemmungen. Aber kein Tier beschäftigt uns so sehr wie der Wolf. „Das hat mit Geschichte, Märchen und Mythen zu tun“, sagt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtierstiftung. Früher allerdings habe es eine ganz reale Basis für die Angst gegeben. Im 17. und 18. Jahrhundert hätten Wölfe viel häufiger ungeschützte Nutztiere rissen.

Die Schweizer Psychologin Uta Jürgens, die sich mit Konflikt zwischen und Koexistenz von Mensch und wilden Tieren befasst hat, sieht ein Problem in dieser komplizieren Beziehung darin, dass viele Menschen glauben, die Natur müsse sich ihnen anpassen. „Die meisten Menschen in der westlichen Welt verstehen sich als Mittelpunkt“, sagte sie „National Geographic“. Und deswegen würden sie Grenzübertretungen, zum Beispiel Wildschweine im Stadtpark, nur schwer ertragen.

Für Andreas Kinser von der Wildtierstiftung spielt auch die mangelnde Erfahrung im Umgang mit Wildtieren eine Rolle. „Vielfach wird zum Beispiel behauptet, die Wölfe hätten die Scheu vor den Menschen verloren“, sagt Kinser. „Das stimmt nicht. Allerdings sind vor allem junge Wölfe sehr neugierig. Das ist einer der Gründe warum aus dem Wolf der Hund domestiziert wurde.“

Grundsätzlich hält Kinser aber ein Zusammenleben mit Wildtieren für möglich. Man müsse nur wollen. Es wollen aber nicht alle. In Baden-Württemberg gibt es beispielsweise die sogenannten „Rotwildbezirke“, in denen dieses Wild leben darf. In den anderen Landesteilen müssen die Tiere ausgerottet werden, damit es dem Wald gut geht. Im Südwesten auf 96 Prozent der Landesfläche. Grüner Ministerpräsident hin oder her. In Brandenburg, Niedersachsen oder Mecklenburg gibt es diese Ausrottungs-Gesetze nicht. Dem Wald geht es dort trotzdem ganz gut.

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Erstellt:
22. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 06:00 Uhr

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