Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Windstrom aus dem Wasserspeicher
Baustelle der Windenergieanlage 4. Auf dem kleinen Ring wird der Aktivspeicher errichtet, der direkt mit dem Pumpspeicher verbunden wird. Auf ihm wird später der Windturm stehen. Foto: Naturspeicher GmbH
Gaildorf

Windstrom aus dem Wasserspeicher

Bis Ende 2018 soll der Naturspeicher in Gaildorf in Betrieb gehen. Die Kombination aus riesigen Windrädern mit einem modernen Pumpspeicher könnte ein zentraler Schlüssel zum Gelingen der Energiewende sein.

20.10.2016
  • RICHARD FÄRBER

Gaildorf. Wir verlassen die Komfortzone“, sagt Alexander Schechner. Der Ingenieur, der lange Jahre für die Wasserkraftsparte bei Voith aktiv war und nun maßgeblich den Naturspeicher Gaildorf entwickelt hat, hat die Folgen der Energiewende im Blick: Die derzeit noch günstige Brennstoffenergie wird sich verteuern, je höher der Anteil der regenerativen Energien wird. Diese wiederum, er nennt sie die „Fluktuierenden“, werden maßgeblich günstiger, nicht zuletzt auch wegen der technologischen Innovationen, die mit ihrem Ausbau einhergehen.

Schechner hat Gäste: Mitglieder der Fachgruppe Transportbeton im Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg sind gestern nach Gaildorf (Kreis Schwäbisch Hall) gekommen, um sich vor Ort ein Bild vom Naturspeicher zu machen, der derzeit im Bau ist. Zu holen gibt's für die Betonlieferer zwar einstweilen wenig, weil die wirklich großen Bauteile beim Naturstrom-Gesellschafter Max Bögl im bayerischen Sengenthal vorgefertigt werden. Dennoch sei das Projekt auch für die Baustoffbranche von größtem Interesse, sagt Dr. Michael Aufrecht, geschäftsführender Referent der Fachgruppe. Entwicklung und Bau des Naturspeichers würden konsequent lösungsorientiert und lösungsoffen vorangetrieben, und „die Baustoffbranche“, betont Aufrecht, „hat Lösungen“.

Die Fachgruppe interessiert sich aber auch grundsätzlich. Denn in Gaildorf wird Neuland betreten, mit dem Naturspeicher könnte an einem zentralen Schlüssel zum Gelingen der Energiewende gedreht werden. Die krankt derzeit schlicht am Wetter. Denn Windkraft- und Solaranlagen liefern ihre Energie witterungsabhängig. Weht der Wind und scheint die Sonne, entstehen Überschüsse, ist's trüb und windstill, müssen konventionelle Kraftwerke zugeschaltet werden. Und je höher der Anteil der Erneuerbaren wird, umso dringlicher stellt sich das Speicherproblem.

Die Gaildorfer Lösung ist kleinräumig und überaus flexibel. Die Füße der vier bis zu 178 Meter hohen Windräder stehen auf großen Wasserspeichern, die mit einem 200 Meter tiefer gelegenen Pumpspeicherkraftwerk in der Kocheraue und einem Unterbecken verbunden sind. Ihr Kernstück ist die Pumpspeichertechnologie: Die drei Turbinen können, je nach Bedarf, binnen Sekunden von Liefer- auf Speichermodus umschalten.

Um die Dimension zu verdeutlichen: Das Wasser wird sich mit einer Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde durch das Druckrohr bewegen. Das ist eine Last von 8000 Tonnen, deren Fließrichtung umgedreht werden muss. „Schaffen wir“, sagt Schechner. Das Polyethlen-Druckrohr mit zwei Metern Durchmesser werde mindestens 50 Jahre lang Drücke von bis zu 20 B´bar aushalten.

Der Pumpspeicher werde, wenn er Ende 2018 fertig ist, angeschaltet und nie wieder abgestellt, kündigt Schechner an. Denn während die Windräder einfach nur zusätzlichen Strom liefern, ist er für die bedarfsgerechte Verwaltung von Netzschwankungen zuständig. Gibt's Überschüsse, wird Wasser in die Speicher gepumpt, herrscht Bedarf, laufen die Turbinen. Hunderte Bewegungen werde es geben, pro Tag, kündigt Schechner an: „Das ist die komplexeste Anlage, die je gebaut wurde.“

Und das ist – auch – ein Geschäft: Überschüssigen Strom gibt's günstig. Lokale Gegner des Projektes werfen dem Unternehmen daher auch vor, es wolle auf diesem Weg einfach nur herkömmlich erzeugten Strom zu teurem Ökostrom „veredeln“. Das könne man so auch nicht abstreiten, sagt Bauleiter Johannes Kaltner, als er den Besuchern die Anlage zeigt. Allerdings handle es sich um eine Momentaufnahme. Je höher der Anteil der Erneuerbaren an der Gesamtenergiemenge werde, umso weniger seien solche Argumente haltbar.

Der Bau des Naturspeichers wird insgesamt etwa 75 Millionen Euro kosten. Aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gibt's 7,15 Millionen Euro. Die vier Windräder haben eine Leistung von jeweils 3,4 Megawatt, der Pumpspeicher bringt 16 Megawatt – insgesamt genug, um eine 12 000-Einwohner-Stadt wie Gaildorf zu versorgen. Und weil man auch das Unterbecken nicht ungenutzt lassen möchte, sollen dort künftig auch Wärmespeicher-Module schwimmen.

Bau und Entwicklung des Naturspeichers sind gesäumt von Neuentwicklungen, Kooperationen und Patenten. Vieles, etwa die PE-Druckleitung und die Wärmespeichermodule, wurde eigens entwickelt. Dabei geht es auch um die Serienproduktion solcher Anlagen. Im Grunde entsteht mit dem Gaildorfer Großprojekt ein Portfolio für den Markt der Erneuerbaren. Künftig, sagt Alexander Schechner, werde man solche Anlagen binnen eines Jahres errichten können.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball