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Winken verboten
Die Rede ist von "Ehre", die zugleich "Herausforderung" sei: Auf solchen Flugblättern steht, was Bürger während des Obama-Besuchs nicht dürfen. Foto: dpa
Hannover bereitet sich auf den Besuch von US-Präsident Barack Obama vor

Winken verboten

Jubel ist untersagt. Wenn US-Präsident Barack Obama am Sonntag Hannover besucht, sollen die Menschen davon nichts mitbekommen. Die Sicherheitsvorkehrungen bereiten vielen Unbehagen.

22.04.2016
  • PETER MLODOCH

Einen kleinen amerikanischen Trost gibt es immerhin. Weil die allermeisten Hannoveraner US-Präsident Barack Obama nicht zu Gesicht bekommen, soll ihnen der prominente Besucher wenigstens symbolisch schmackhaft gemacht werden. Die Messe AG, Gastgeber der Industrieschau und ihres Partnerlandes USA, spendiert 10 000 Donuts mit Schokoguss und bunten Zuckerstreuseln - abzuholen beim sonntäglichen Brötchenkauf in den 28 Filialen einer Bäckereikette.

Den Ärger über die immensen Einschränkungen in der niedersächsischen Landeshauptstadt und die massenhaften Proteste aus Anlass der Obama-Visite und seines Treffens mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wird das süße US-Nationalgebäck allerdings kaum eindämmen können. Mehrere 10 000 Teilnehmer erwartet ein Bündnis von über 130 Gruppen - von Attac bis Verdi - zur Demonstration gegen das transatlantische Handelsabkommen TTIP. 30 Trecker der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landewirtschaft werden am Samstag den Zug durch die City anführen.

Die fünf Hochsicherheitszonen in und um Hannover sind da längst abgeriegelt: der Flughafen Langenhagen, wo am Sonntagmorgen die Präsidenten-Maschine Air Force One landen soll, das Schloss Herrenhausen, wo Merkel Obama mit militärischen Ehren empfängt und zum Vier-Augen-Gespräch trifft, das Congress Centrum im Zooviertel, wo die beiden am Abend die Hannover Messe feierlich eröffnen, der Vorort Isernhagen-Süd, wo Obama voraussichtlich im idyllisch und abseits gelegenen Hotel "Seefugium" sein müdes Haupt betten wird. Und natürlich das Messegelände selbst, wo Präsident und Kanzlerin Montagfrüh einen kleinen Rundgang durch wenige ausgesuchte Hallen absolvieren werden.

Jubel in den betroffenen Stadtteilen und an den potenziellen Fahrtrouten der Präsidentenkolonne ist streng untersagt. Die Anwohner sollen sich auf Anordnung der Polizei sogar von den Fenstern fernhalten und aufs Winken verzichten. Dies könne nämlich zu Missverständnissen führen und heftige Aktionen der Sicherheitskräfte auslösen. Kinder dürfen nicht im Garten spielen. "Bei allem Verständnis, das ist ein Eingriff in unsere Persönlichkeitsrechte", schimpfte der Vater eines geistig behinderten dreijährigen Sohns auf einer Info-Veranstaltung mit Polizei-Einsatzleiter Thomas Rochell. Kaffeebesuch musste bis eine Woche vorher unter Vorlage von Ausweispapieren bei der Polizei schriftlich angemeldet werden. Autos und Fahrräder dürfen nicht draußen stehen bleiben, sie werden notfalls abgeschleppt und entfernt. Mülltonnen und -säcke müssen ebenfalls drinnen bleiben, die Abfuhr in Isernhagen wird verschoben. Auch Papierkörbe und Streusandkisten werden als potenzielle Bombenverstecke vorsorglich abmontiert. "Wir gehen eben absolut auf Nummer sicher", sagt ein Polizeibeamter. Zur Vorsorge gehört auch die Versieglung von 2000 Gullydeckeln in den gefährdeten Bereichen.

Schätzungsweise 6000 bis 8000 Polizisten sind im Einsatz; dazu kommen mehrere hundert Angehörige des Secret Service. Der für Obamas Sicherheit zuständige US-Geheimdienst inspiziert seit Wochen alle neuralgischen Punkte und mischt bei sämtlichen Vorkehrungen kräftig mit. Die Agenten nehmen auch das "Seefugium" genau unter die Lupe, untersuchen Obamas Schlafstätte penibel auf Sprengstoff, giftige Gefahrenquellen und Abhörwanzen. Rund um das Hotel, in dem schon Altkanzler Gerhard Schröder 2009 seinen 65. Geburtstag feierte, ist ein hoher Zaun gezogen, im geräumigen Garten steht ein Funkmast. Zu den genauen Zahlen der Einsatzkräfte und den Kosten des Besuchs schweigen sich alle Beteiligten von Bund, Land und Stadt aus. "Mister President ist immerhin der am meisten gefährdete Mann der Welt", betont ein hochrangiger Polizeibeamter.

So kreiste denn auch schon einer der Hubschrauber des Präsidenten über Hannover, ein Sikorsky VH-60 White Hawk. Offenbar übte der Pilot, schaute sich dem Vernehmen nach mögliche Landeplätze an, darunter auch die Medizinische Hochschule, wo eine Krankenabteilung für eventuelle Notfälle reserviert sein soll. Der Helikopter gehört zu einer Vorhut, die bereits auf dem Flughafen Langenhagen stationiert ist. Wegen des Besuchs sperrt der Airport eine seiner drei Landebahnen, die als Lade- und Parkplatz für die Air Force One und die anderen Maschinen aus Obamas Begleittross benötigt wird. Ein eigener Jet bringt rund 120 Journalisten aus Washington in die Leine-Metropole.

Für den nichtkommerziellen Luftverkehr gilt am Sonntag und Montag im Umkreis von 100 Kilometern eine Flugverbotszone. Die sorgte bei Hobbypiloten und Segelflugschulen für heftige Proteste. "Die Sicherheitsbehörden haben jedes Augenmaß verloren", kritisierte der Chef des Deutschen Aero-Clubs, Udo Beran. Lange geplante Veranstaltungen müssten abgesagt und Prüfungen verschoben werden. Das führe zu erheblichen Verdienstausfällen. Leiden müssen auch die Planespotter, jene Zeitgenossen, die sich dem Fotografieren von Flugzeugen verschrieben haben. Ihr traditioneller Ausguck auf die Landebahnen liegt in der Sperrzone; eine provisorische Tribüne weiter draußen, wie sie der Flughafen vorgeschlagen hatte, lehnte die Polizei-Einsatzleitung aus Sicherheitsgründen ab. Jetzt hoffen die Spotter, die Air Force One wenigstens mit einem Teleobjektiv erhaschen zu können. Urlauber brauchen sich dagegen keine Sorgen zu machen. Zwar sollten sich auf längere Wartezeiten auf dem Weg zum Airport gefasst machen, ihre Flüge sollen aber einigermaßen pünktlich starten und landen.

Bei Obama selbst dürften keine touristischen Gefühle aufkommen. Für Sightseeing in Hannover bleibt dem US-Gast angesichts des dichten Programms kaum Zeit. Selbst ob es für einen Spaziergang durch die weltberühmten Herrenhäuser Gärten reicht, steht noch nicht fest. Ein Abstecher zum Neuen Rathaus mit seiner Capitol-ähnlichen Kuppel ist auf keinen Fall geplant. Das Goldene Buch der Stadt will Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) daher dem Präsidenten hinterher schleppen lassen.

Anfahrt mit Bussen

Kontrollen Während Teilnehmer der Eröffnungsfeier in den Vorjahren direkt zum Veranstaltungsort, dem Hannover Congress Centrum (HCC), gehen konnten, ist dieses Jahr alles anders. Zumindest für einen Großteil der geladenen Gäste. Journalisten etwa werden von der Messe aus mit Bussen an den Veranstaltungsort gefahren. Die Shuttlebusse starten ihre Fahrt rund drei Stunden vor Beginn der Veranstaltung. Zuvor müssen sich alle akkreditieren Pressevertreter ab 12 Uhr einen Sicherheitsausweis abholen. Zugang erhält am Ende nur, wer einen Personalausweis oder Reisepass, einen Sicherheitsausweis und eine Akkreditierung dabei hat. In einem Begleitschreiben der Organisatoren wird darauf hingewiesen, dass Gepäck nicht erlaubt ist, Arbeitsmaterial hingegen schon. Das jedoch werde überprüft. Erst in dieser Woche haben die Pressevertreter erfahren, ob sie bei der Feier dabei sein dürfen. Im HCC finden nur 2500 Menschen Platz. mk

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22.04.2016, 06:00 Uhr

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