Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Schöne und das Kontrafagott

Winterkonzert des Akademischen Orchesters im Festsaal

Tübingen. Igor Strawinskys „Feuervogel“ und Jean Sibelius' „Schwan von Tuonela“, Maurice Ravels „Mutter Gans“ und Anatoli Ljadows „Verzauberter See“ – das märchenhafte Programm lockte am Sonntag große Publikumsscharen in den fast vollbesetzten Uni-Festsaal.

03.02.2010

Teile aus dem „Feuervogel“ hatte das Akademische Orchester unter Universitätsmusikdirektor Tobias Hiller bereits am Mittwoch in einem Sonderkonzert der Kinder-Uni aufgeführt. Mit Ausnahme von Sibelius' Tongemälde (1900) entstanden alle Werke des Abends in den Jahren 1909 und 1910.

Vor dem Ersten Weltkrieg ließ der Symbolismus im industrialisierten Europa noch einmal Märchen, Mythen und Archetypen aufleben. Das Akademische Orchester musizierte am Sonntag ebenso punktgenau und klangkontrolliert wie gelöst und entspannt. Hiller dirigierte weich modellierend, weit schwingend, in engem Kontakt mit seinem Orchester. Der Gesamtklang war unglaublich rein, leuchtend und feinstofflich.

Ein Wunder gleich zu Beginn der magische Streicherklang in Anatoli Ljadows „Der verzauberte See“. Die atmosphärische Klangfarbenkomposition schildert eine verwunschene, „tote Natur – kalt, böse, aber phantastisch wie im Märchen“. Von den abgrundtiefen Kontrabässen stieg in Wellenbewegungen ein changierendes Streicher-Pianissimo herauf, ein minutiöses Tremolo, mehr Fluidum als Klang. Strawinsky sagte über seinen Lehrer Ljadow, er habe „mit der Lupe komponiert“. Nicht weniger mikroskopisch war der Satz ausgehorcht und durchgearbeitet.

Noch überwältigender war der vollkommen klare Orchesterklang in Sibelius' „Schwan von Tuonela“, auch hier stiegen die Streicher aus der Kontrabasstiefe auf: In schwarzem Gewässer liegt die Toteninsel Tuonela. Über den ganz und gar reinen Streichern, einem Hauch von Pizzicato, zog die Totenklage des Englischhorns (Anne Bausch) dahin. Das Violin-Solo von Konzertmeisterin Ute Niklaus stieg auf wie ein Lichtfaden. Nach dem ausglühenden Schlussakkord war es im Festsaal lange sehr still.

Dann klingelten mit Celesta, Harfe und Xylophon Ravels raffinierte Miniaturen herbei. Ursprünglich hatte er die Kinder-Suite „Ma mère l'Oye“ für vierhändiges Klavier geschrieben. Auch hier war man berauscht vom Schönklang des Orchesters, von den surrealen Vogelrufen, dem schillernden Exotismus. Amüsiert lauschte das Publikum den Unterhaltungen der walzerfreudigen „Schönen“ mit dem Biest, verkörpert durch ein hörbar biestiges Kontrafagott. „Le jardin féerique“ („Der Feengarten“) führte die Zuhörer in ein berückendes künstliches Paradies mit einer faszinierenden räumlichen Tiefe.

All das wurde nach der Pause noch gesteigert in Strawinskys „Feuervogel“ (revidierte Fassung von 1945): In Introduction und Pas de deux eine verfeinerte, zerstäubte Sinnlichkeit, im „Höllentanz“ eine ungeheure rhythmische Schärfe und präzise Härte. Das Orchester agierte als ein einziger, organischer Klangkörper. Meisterhaft waren die Holz- und Blechbläsersoli. Der letzte Akkord des Höllentanzes fiel herab wie abgeschnitten, dahinter dämmerte schon das narkotisch schöne Fagott-Solo (Pirmin Storz), das den bösen Zauberer in ewigen Schlaf singt.

Im Schlusstableau ließ Hiller die Akkorde immer breiter ausstreichen, sich aufstauen und zuletzt in ekstatischen Klangrückungen entladen. Der Applaus im Festsaal war so gigantisch und anhaltend, dass Hiller zuletzt noch einmal den „Höllentanz“ spielen ließ.

achim stricker

Winterkonzert des Akademischen Orchesters im Festsaal
Hier noch bei der „Generalprobe“ am vergangenen Mittwoch vor der „Kinderuni“: Doch in dieser Besetzung spielte das Akademische Orchester, bloß feiner gewandet, das märchenhafte Konzertprogramm auch am Sonntagabend im Festsaal. Bild: Metz

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.02.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball