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Diesel-Skandal

Winterkorn will von nichts gewusst haben

Der Ex-VW-Chef zeigt vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages erstaunliche Wissenslücken.

20.01.2017
  • ANDRé BOCHOW

Berlin. Die Befragung braucht mehr Platz. Mehr Platz als üblicherweise für den 5. Bundestagsuntersuchungsausschuss nötig ist. Aber nun hat sich im Anhörungsraum 3101 des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses ein Fotografenpulk gebildet, der sich vor einem rechteckigen Tisch zu verklumpen scheint. An den Tischen, die im Kreis darum aufgebaut sind, haben sich die untersuchenden Bundestagsabgeordneten versammelt. Alle warten auf „Prof. Dr. Martin Winterkorn.“ Das Schild für den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG steht schon da.

Winterkorn kommt gemessenen Schrittes in den Saal und sitzt nach dem Blitzlichtgewitter zwischen zwei Rechtsanwälten, die darauf achten, dass der einst mächtige Mann nichts Falsches sagt. Also nichts, was ihm selbst oder VW irgendwie schaden könnte. Denn gegen Martin Winterkorn und weitere VW-Größen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der 69jährige spricht leise. Man könnte auch sagen, er nuschelt. Nur gelegentlich, wenn es um unverfängliches Ingenieurwissen geht, wird Winterkorn lauter und auch ein wenig lockerer. Da ist er in seinem Element.

Aber erst einmal trägt Winterkorn etwas vor, was man ein Bekenntnis nennen könnte. Wenn auch ein unkonkretes. Von den „dramatischen Ereignissen“ ist die Rede. Von der „schweren Krise“, deren Ende für VW „nicht absehbar“ ist. Und, klar, die Straf-und Entschädigungszahlungen in den USA „kosten eine Unmenge Geld.“ Viele Milliarden Euro.

Wer ist verantwortlich?

Noch schlimmer ist natürlich der „Verlust des Vertrauens“ und es stellt sich „die Kardinalfrage: Wer ist dafür verantwortlich?“ Ja wer? Winterkorn hat „die politische Verantwortung“ übernommen und den Job an den Nagel gehängt. Es war „die schwerste Entscheidung meines Lebens.“ Das heißt nicht, dass er wirklich schuld ist an der Katastrophe. Sicher, er habe „Signale überhört“.

Welche, kann er jetzt nicht sagen. Er bitte um Verständnis. Andererseits sagt Winterkorn, alle wüssten doch, „dass die Liebe zum Detail so etwas wie das Markenzeichen von mir und meiner Mannschaft war.“ Und was immer entwickelt wurde, sollte „unter Einhaltung der Gesetze und stets zum Wohle des Kunden auf den Markt kommen“. Die nun bekannt gewordenen Manipulationen hätte der ehemalige Konzernchef „nicht für möglich gehalten.“ Das Gebot der Stunde sei nun „lückenlose Aufklärung.“

Die Aufklärung, die Winterkorn zu bieten hat, sieht nicht ganz so lückenlos aus. Als 2014 in den USA 500 000 Fahrzeuge wegen Problemen mit den Abgaswerten zurückgerufen wurden, habe man ihn lediglich „informiert“. Von Abschalteinrichtungen, die dem Motorschutz dienen sollen und für die Vergiftung der Umwelt sorgen, hat er „auch erst aus der Zeitung erfahren.“

Dabei stehen die „Defeat Devices“ seit Jahren in EU-Papieren. Oliver Krischer, der für die Grünen im Ausschuss sitzt, will wissen, ob möglicherweise manipulierende Software, die in den USA illegal eingesetzt wurde, in Deutschland gar nicht verboten ist. Der Ex-Konzernchef hält das für eine juristische Frage, wusste bis zum seinem Rücktritt im Herbst 2015 nicht einmal was ein „Thermofenster“ ist und kann nicht mehr dazu sagen.

Das gilt erst recht für Fragen nach abstimmenden Gesprächen mit der Politik. Als Arno Klare (SPD) vorrechnet, dass bei Einhaltung der US-Abgaswerte die Diesel-VW so gebaut hätten werden müssen, dass sie keiner mehr hätte haben wollen, murmelt Winterkorn etwas, das klingt, als ob es doch irgendwie funktionieren könnte, er aber „die Werte jetzt nicht mehr im Kopf habe“.

Der Ausschussvorsitzende Herbert Behrens (Linke) stellt nach dem Auftritt Winterkorns fest, dass der Befragte „in weiten Teilen hinter dem zurückgeblieben ist, was er wirklich weiß“. Das klare „Nein“, hinsichtlich der Frage, ob Winterkorn von den Manipulationen wusste, sei „ein klein bisschen aufgeweicht“. Winterkorn hatte zuvor die „polemische und manchmal unsachliche Kritik an meiner Person“ beklagt, dann aber hinzugefügt: „Ich bin Realist. Mein Name wird mit Dieselaffäre verbunden bleiben.“

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20.01.2017, 06:00 Uhr

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