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Ausbildung

„Wir brauchen gute Schaffer“

Viele Unternehmen denken um und geben Kandidaten mit schwachem Abschluss eine Chance.

19.11.2016
  • DPA

Horb. Wie viele Bewerbungen sie geschrieben hat? Die junge Auszubildende weiß es nicht mehr so genau. Viele, sagt sie. „Es kamen nur Absagen - oder es gab gar keine Rückmeldung.“ Die 20-Jährige steht im Autohaus Daub in Horb am Neckar unweit von Stuttgart. Mit lockerem, selbstsicherem Lächeln berichtet sie von damals, als sie nach der mittleren Reife die Schule abbrach und bei einem Notenschnitt von „so 3,3 oder 3,4“ auf Lehrstellensuche ging. Seit September ist sie Azubi in dem Autohaus - weil der Firmenchef Noten für nachrangig hält. „Wir brauchen gute Schaffer“, sagt Unternehmer Michael Daub. Die 20-Jährige steht daneben und strahlt.

Die junge Frau ist ein Beispiel für den Azubi-Nachwuchs, der immer wichtiger wird für die deutsche Wirtschaft: Bewerber mit schwachen Noten. Die Zahl der Anwärter auf Lehrstellen nehme wegen des demografischen Wandels und des Drangs junger Leute hin zu Universitäten ab, sagt Arbeitsmarkt-Experte Clemens Wieland von der Bertelsmann-Stiftung. Dementsprechend bessere Karten haben Bewerber, die in ihrer Schulzeit nicht glänzen konnten.

Azubis bleiben im Betrieb

Christian Rauch, Arbeitsagentur-Chef in Baden-Württemberg, sieht großes Potenzial in dieser Gruppe. „Auch wenn der Bewerber auf den ersten Blick nicht der Wunschkandidat war – ihn anfangs intensiver zu betreuen, zahlt sich auf lange Sicht aus: Häufig bleiben die Auszubildenden dem Betrieb treu.“ Die Arbeitsagentur bietet diverse Hilfen an, darunter Einstiegsqualifizierungen – also vor allem die Finanzierung von Praktika.

Bertelsmann-Experte Wieland sieht das ähnlich. „Der Klebeeffekt bei solchen Azubis ist größer“, sagt er. „Sie bleiben nach der Lehre viel häufiger im Betrieb, während der Azubi mit Abi nach dem Ausbildungsabschluss oft noch auf die Uni will.“ Bei deutschen Firmen findet nach Wielands Einschätzung allmählich ein Umdenken statt. „Die meisten Unternehmen konnten jahrzehntelang aus dem Vollen schöpfen, bei der Auswahl ihrer Azubis nur die besten nehmen – diese Zeiten sind vorbei“, sagt der Bertelsmann-Experte. „Anstatt Bewerber wegen schwächerer Noten sofort abzulehnen, gucken die Unternehmen inzwischen lieber zweimal hin.“

Der Einstieg ins Autohaus erfolgte über ein halbjähriges Praktikum. Die Auszubildende hätte sich als kommunikativ starke, gut motivierte Mitarbeiterin bewiesen, sagt Daub. Und die schwachen Schulnoten? „Die Rechtschreibung muss ordentlich sein, aber die Noten in Bio oder Physik sind nicht so relevant – da war ich in meiner Schulzeit früher auch nicht so der Held““, meint der 38-Jährige.

Die Mitarbeiter dürften nicht zimperlich sein, auch bei Regen müsse man raus auf den Parkplatz. „Es bewerben sich auch junge Leute mit guten Noten auf die Ausbildung, aber die sind oft schlechte Schaffer.“ dpa

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19.11.2016, 06:00 Uhr

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