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In Albanien fanden Juden während des Holocaust einen Ort, der sie bedingungslos willkommen hieß

„Wir haben es einfach getan“

Sie halfen, weil es für sie selbstverständlich war, ihre Gäste zu schützen. „Besa – ein Ehrenkodex“ heißt die Ausstellung am Karl-von-Frisch-Gymnasium. Gezeigt werden Porträts und Geschichten von Muslim(inn)en, die Juden vor den Nazis versteckten. Besa bedeutet „ein Versprechen halten“.

14.06.2012
  • Gabi Schweizer

Dußlingen. „Es gibt keine Ausländer in Albanien, es gibt nur Gäste. Unser Moralkodex verlangt von uns Albanern, dass wir Gästen gegenüber gastfreundlich sind, in unserem Haus ebenso wie in unserem Land“: So erklärte Refik Veseli einmal, weshalb er während des Nationalsozialismus sein eigenes Leben in Gefahr brachte, um andere zu retten. Refik Veseli hatte bei einem jüdischen Fotografen namens Moshe Mandil seinen Beruf erlernt. Als die Nazis Albanien besetzten, versteckte die Familie Veseli Moshe Mandil, dessen Frau und Kinder sowie drei weitere Menschen.

So wie die Veselis handelten viele andere Albaner – oftmals taten sie es aus ihrem muslimischen Glaubensverständnis heraus. Der Fotograf Norman Gershman hat ihre Geschichten gesammelt und Porträts von Helfer/innen gemacht, die nun von der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt wurden.

„Gerechte unter den Völkern“: Das sind zum Beispiel Bessim und Higmet Zygma, die einem älteren jüdischen Mann aus Polen Zuflucht gewährten, ihn, mit einbandagiertem Gesicht, in ihrer Arztpraxis versteckten: „Wir haben es einfach getan. Es war das, was zu tun war“, wird Higmet Zygma in der Ausstellung zitiert: „Schließlich war unser jüdischer Gast ein Freund unseres Freundes.“ Destan und Lime Bella waren so arm, dass sie nicht einmal einen Esstisch besaßen. Trotzdem weigerten sie sich, Geld von den Brüdern Lazar zu nehmen. Diese und 14 weitere jüdische Flüchtlinge waren in das kleine albanische Dorf gekommen, in dem die Bellas lebten, und hatten dort Schutz gefunden.

1934 hatte der amerikanische Botschafter Herman Bernstein geschrieben: „Es gibt keine Spur von Judendiskriminierung in Albanien, denn Albanien ist heute eines der seltenen Länder in Europa, in denen es weder religiöse Vorurteile noch Hass gibt, obwohl die Albaner selbst sich aus drei verschiedenen Glaubensgruppen zusammensetzen.“ 600 bis 1800 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich, Serbien, Griechenland und Albanien sind während des Zweiten Weltkriegs nach Albanien gekommen, um von dort aus nach Israel oder in andere Länder zu gelangen, erfährt man im Katalog. Besonders bemerkenswert: Als die Nazis 1943 Listen mit den Namen in Albanien lebender Juden anforderten, weigerte sich die Bevölkerung, diese herauszugeben.

Das Karl-von-Frisch-Gymnasium ist ein Ort, der zum Gedenken besonders verpflichtet ist. Rektor Fritz Gugel erinnerte bei der Ausstellungseröffnung daran, dass es dort, wo nun die Schule steht, das „schauerliche Projekt Wüste“ gab, bei dem Kriegsgefangene und Juden unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten. Die Nazis wollten aus Schiefer Öl gewinnen, um die Kriegsmaschinerie zu befeuern.

Schüler und Lehrer nutzen regelmäßig den Austausch mit Israel, um die Vergangenheit zu reflektieren. „Looking back – moving forward“ – „mit der Vergangenheit im Blick die Zukunft gestalten“ lautete dieses Mal das Motto. Die Elftklässler/innen besuchten gemeinsam mit ihren Austauschpartnern die KZ-Gedenkstätte Dachau. Und sie fragten sich, was es bedeutet, heute ein Leben als „illegaler Einwanderer“ in Deutschland zu führen. „Kann ein Mensch überhaupt illegal sein?“ fragte ein Mädchen – sie und ihre Mitschüler/innen präsentierten, was sie in diesem Schuljahr alles gemacht haben. Sich mit Flüchtlingen unterhalten, zum Beispiel, und den jüdischen Friedhof in Wankheim hergerichtet. Vorgestern besuchten sie ein Seminar über die Gedenkkultur in Yad Vashem. Referent war, wie auch bei der Vernissage, der evangelische Pfarrer Hans-Joachim Scholz vom Freundeskreis Yad Vashem. „Geschichte lehren heißt Geschichten erzählen“, zitierte Scholz den früheren Direktor von Yad Vashem. Scholz sprach über die „Gerechten der Völker“ (siehe Infokasten).

Eine Kooperation des Landes und der Bundeszentrale für politische Bildung mit Yad Vashem hilft Geschichtslehrern, sich im Unterricht mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. So bekam das Karl-von-Frisch-Gymnasium die Wanderausstellung angeboten, berichtete Lehrer Reiner Limbach. Als „Zeugnisse großer menschlicher Courage und Gerechtigkeit“ empfand er die Porträtsammlung: „Das zeigt, dass nicht alles käuflich ist“ – anders als in Dürrenmatts „Besuch der Alten Dame“, den die Jugendlichen eben gelesen haben.

Info Die Ausstellung ist bis zum 25. Juli jeweils zu Schulzeiten zu sehen.

„Wir haben es einfach getan“
„Ich hebe mein Glas Raki zu Ehren all meiner jüdischen Freunde“: Kasem Jakup Kocerri, ein einfacher albanischer Schäfer, hat während des Zweiten Weltkriegs seinen Freund, den Rabbiner Jakov Solomoni, und Angehörige seiner Familie sechs Monate lang versteckt: „Muslime und Juden sind Cousins“, sagt er. Auf dem Foto ist er als Zweiter von links zu sehen. „Besa – ein Ehrenkodex heißt die Wanderausstellung aus Yad Vashem, die das Karl-von-Frisch-Gymnasium zeigt.

25 000 Menschen sind in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt. Diese Menschen, selbst keine Juden, haben während des Holocausts Juden geholfen.
Vier Bedingungen müssen erfüllt sein, damit jemand diesen Titel bekommt: Die Helfer/innen begaben sich durch ihren Einsatz selbst in Lebensgefahr; sie nahmen kein Geld für ihre Hilfe; sie haben sich so stark persönlich engagiert, dass sie sich, wären sie aufgeflogen, nicht hätten herausreden können; es gibt Zeugen. Ein 35-köpfiges Komitee befindet über die zahlreichen Anträge, die in Yad Vashem noch vorliegen.

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14.06.2012, 12:00 Uhr

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