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"Wir hatten gute und weniger gute Momente"
Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, bei der Bilanzvorlage am Stammsitz in Frankfurt. Foto: dpa
Martin Blessing hört nach acht Jahren als Commerzbank-Chef auf - Privatkunden und Mittelstand im Mittelpunkt

"Wir hatten gute und weniger gute Momente"

Die Finanzkrise hatte ihn voll erwischt, dennoch hat Martin Blessing seinen Kurs in der Commerzbank durchziehen können. Jetzt tritt er als Vorstandschef ab - mit der ersten Dividende nach acht turbulenten Jahren.

19.04.2016
  • ROLF OBERTREIS

Frankfurt. Er hat bei der Konkurrenz ein paar Banktürme weiter Chefs kommen und gehen gesehen - und sich selbst trotz erheblicher Probleme und einer Beinahe-Pleite acht Jahre an der Spitze gehalten. Nicht nur das: Martin Blessing (52) hat im November selbst entschieden, dass Schluss sein soll. Morgen auf der Hauptversammlung spricht er zum letzten Mal als Chef der Commerzbank in Halle 11 der Frankfurter Messe zu den Aktionären. Zehn Tage später übergibt er den Job an Martin Zielke.

Donnernden Applaus wird es nicht geben, auch wenn die Bank erstmals seit sieben Jahren wieder eine Dividende zahlt, nachdem das vergangene Jahr einen Gewinn von rund 1 Mrd. EUR gebracht hat. Vier Mal so viel wie 2014.

Andererseits wird auch kein Gewitter über den großgewachsenen, hageren, gebürtigen Bremer aufziehen. In den vergangenen Jahren hatten erboste Aktionäre angesichts dramatischer Verluste nur Hohn und Spott für ihn übrig und lautstark seine Abberufung verlangt, ihn als Totengräber, Hütchenspieler oder Totalversager titulierten.

Die Bilanz, die Blessing nach acht Jahren als Vorstandsvorsitzender ziehen wird, ist eher zwiespältig und keine wirkliche Erfolgsgeschichte. "Wir hatten gute und weniger gute Momente", hatte er im Februar auf seiner letzten Bilanz-Pressekonferenz gesagt. "Wir haben viel Stoff geliefert. Mit uns wurde es nie langweilig."

Die weniger guten Momente gab es Wochen nach der Übernahme der Dresdner Bank im Herbst 2008. Was als genialer Coup Blessings drei Monate nach seinem Amtsantritt ausgesehen hatte, entpuppte sich beinahe als Sargnagel für das traditionsreiche Geldhaus. Der Ausbruch der weltweiten Finanzkrise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September zog die Commerzbank nach unten. Letztlich konnte sie die Übernahme allein nicht stemmen. Der Bund und damit der Steuerzahler mussten die Commerzbank retten- mit einer Geldspritze von 18 Mrd. EUR und dem Einstieg in die Commerzbank. "Strategisch richtig, Timing schlecht", sagt Blessing heute zur Übernahme der Dresdner Bank.

Zu den schlechten Momenten in der Ära Blessing gehört die Talfahrt der Aktie. Mehr als 90 Prozent an Wert hat sie verloren. Im Mai 2008 kostete sie 120 EUR, heute gerade mal 8,30 EUR. Eine Dividende gab es in der Amtszeit des Banker-Sohnes Blessing nur einmal. Für 2015.

Zu den guten Momenten gehört, dass die Commerzbank die Steuermilliarden längst zurückgezahlt hat und dass die Bank heute stabil dasteht. Allerdings ist der Bund mit knapp 16 Prozent immer noch größter Anteilseigner. Weshalb sich Blessing immer noch mitunter als Staatsbanker titulieren lassen muss und unter anderem von den Sparkassen kritisiert wurde, weil er neue Kunden mit ansehnlichen Geldprämien lockt. Staatsgeld sei das, sagen Sparkassen-Vertreter.

Blessing hat Kritik und Häme mit Geduld ertragen, gestützt auch von Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller. Und er hat seine Strategie konsequent durchgezogen. Auch das gehört wohl zu den guten Momenten, von denen Blessing spricht.

Privatkundengeschäft und der Mittelstand waren Blessings Prioritäten. Seit 2012 hat das Geldhaus mehr als 800 000 neue Kunden gewonnen und steht in den Augen von Experten heute im Privatkundengeschäft besser da als die Deutsche Bank. Auch im Mittelstandsgeschäft kann das "gelbe" Institut dem von Rechtsstreitigkeiten, Prozessen und Milliarden-Verlusten gebeutelten "blauen" Konkurrenten das Wasser reichen. Blessing lässt das Fußball-Nationalteam der Männer und Frauen für sein Haus trommeln - offensichtlich mit Erfolg.

Der Noch-Bank-Chef gilt als intellektuell und als scharfer Analytiker. Nicht umsonst saß er nach einer steilen Karriere schon mit 45 auf dem Chefsessel der Commerzbank. Trotzdem eilt ihm nicht der Ruf vieler anderer Banker voraus, überheblich und hochnäsig zu sein. Blessing ist umgänglich, schottet sich auch in der Commerzbankzentrale nicht ab, schlendert durch die Gänge und die große Empfangshalle, geht auch mal auf einen Kaffee in der Cafeteria. Zumindest noch bis Ende April.

Dann ist Schluss für den 52-Jährigen. Was auf die Commerzbank folgt, hat er bislang nicht verraten. Im Sommer will er erstmal eine Pause einlegen, dann geht es weiter. Irgendwo an der Spitze. Mit einem Job in der zweiten Reihe wird sich Blessing nicht zufrieden geben.

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19.04.2016, 06:00 Uhr

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