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„Wir können nicht so weitermachen“
Ein Beispiel für die Schwerpunktbildung von Stuttgarter Kirchen ist „Gospel im Osten“ der größte Gospelchor im deutschsprachigen Raum. Foto: Ludmilla Parsyak Photography
Strukturwandel

„Wir können nicht so weitermachen“

Mit Blick auf den zunehmenden Mitgliederschwund setzen Stuttgarter Kirchengemeinden auf besondere Angebote – ein Instrument, das auf dem Land nicht zieht.

27.12.2016
  • VON CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Der Stuttgarter Osten im Jahr 2005. Wenige evangelische Familien, dafür viele Singles und viele Menschen mit Migrationshintergrund leben schon damals im Stadtteil. Als Albrecht Hoch, der Pfarrer der Heilandsgemeinde, sich überlegt, wie er frischen Wind in sein Gotteshaus bekommen könnte, fällt ihm auf: Wir haben keinen richtigen Chor. Er tut sich mit dem Chorleiter Thomas Dillenhöfer zusammen, richtet die erste Probe aus. Es funktioniert. Die Menschen kommen. Heute wirken 500 Sänger mit, zu Abendgottesdiensten erscheinen bis zu 1000 Zuhörer. Viele müssen stehen. Laut Albrecht Hoch ist „Gospel im Osten“, so der Name des Ensembles, der größte Gospelchor im deutschsprachigen Raum und weicht heute aus Platzgründen in die Friedenskirche aus. Der Keller ist zu einem regelrechten Tonstudio ausgebaut worden.

Umstrukturierung als Muss

„Gospel im Osten“ ist eines von zahlreichen Beispielen für eine Entwicklung, die in Stuttgart zu beobachten ist. Die Kirchengemeinden spezialisieren sich, erklärt Søren Schwesig, evangelischer Stadtdekan in Stuttgart. Die Martinskirche in Stuttgart-Nord etwa hat sich zur Jugendkirche gemausert, in der sich Angebote für diese Zielgruppe konzentrieren. Der Hospitalhof wiederum steht für die Bildungsarbeit in ganz Stuttgart und hat sie „im hohen Maße professionalisiert“, erklärt der Stadtdekan. In einer Gesellschaft, die sich immer mehr aufteile in Milieus, brauche es Konzentrationen.

Ganz selbst gewählt ist die Umstrukturierung nicht. Die Kirchen sind gezwungen, sich selbst zu überdenken, denn sie verlieren Gemeindemitglieder. „Wir haben mehr Todesfälle als Taufen“, erklärt Dan Peter, Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Hinzu kommen die Austritte. Für die Landeskirche ist das nicht nur ein menschlicher Verlust, sondern auch ein finanzieller. Die Kirchensteuer macht etwa die Hälfte der Einnahmen aus, und „jetzt gehen die geburtenstarken Jahrgänge in den Rentenstand“, sagt Schwesig. Und nur wenige neue Mitglieder kommen hinzu. Laut dem Stadtdekan haben evangelische Gemeindeglieder heute relativ weniger Kinder, viele ziehen lieber ins Umland, weil dort Baupreise und Mieten erschwinglicher sind. „Und die, die nachziehen, sind in der Regel nur zu einem kleinen Teil evangelisch“, erklärt er. Sprich: Die Stadtgemeinden bleiben mit einem hohen Anteil älterer Gemeindeglieder zurück.

Vor diesem Hintergrund hat sich die evangelische Landeskirche zum Ziel gesetzt, bis 2030 etwa ein Drittel der Pfarrstellen zu streichen, auch, weil der theologische Nachwuchs fehlt. Dies bedeutet in der Regel, dass der seelsorgerische Stellenumfang reduziert wird. Alle sechs Jahre wird der Pfarrplan, die Personalstrukturplanung, fortgeschrieben. Der aktuelle geht bis 2018. Der Kirchenkreis Stuttgart, in dem die vier Dekanatsbezirke Bad Cannstatt, Degerloch, Stuttgart(-Mitte) sowie Zuffenhausen zusammengefasst sind, verfügt demnach über 102 Pfarrstellen (Landeskirche: 2210 Pfarrstellen). Noch. Søren Schwesig geht nach einer vorläufigen Schätzung davon aus, dass in seinem Dekanatsbezirk bis 2024 vier bis sechs der aktuell 33 Pfarrstellen gestrichen werden. Sein Kollege Dr. Wolfgang Röhl aus Degerloch glaubt, dass von den aktuell 29 Pfarrstellen bis 2024 etwa drei wegfallen könnten. Die abschließenden Zielzahlen werden erst bei der Landessynode im März 2017 bekannt gegeben. Schwesig schmerzt diese Entwicklung, er spricht von einem Trauerprozess.

Stadtkirche kann anders agieren

Doch der Dekan sieht auch Chancen – gerade für Stuttgart, wo die Kirche eine andere Klientel bediene und ganz anders agieren könne als auf dem Land. Der Vorteil der Stadt: Die Christen dort sind mobil und flexibel, besuchen nach Gusto unterschiedliche Kirchengemeinden, um eine bestimmte Predigtreihe oder einen besonderen Organisten zu hören. Die Kirche um die Ecke, die alles anbieten muss, wird zum Auslaufmodell. „Die Zahl derer, die sich auf den Pfarrer vor Ort konzentrieren, sinkt. Heute sind die Leute nicht personen-, sondern angebotsorientiert. Die Leute schauen über die gemeindlichen Grenzen hinweg“, sagt Schwesig und fügt an: „Das wird im ländlichen Bereich aufgrund der räumlichen Trennung nicht möglich sein.“

Tickende Zeitbombe

Diese Mobilität bringt auch etwas anderes mit sich: Neben den Pfarrstellen werden auch Immobilien minimiert. Die Landeskirche hat laut Schwesig einen Immobilienplan aufgelegt, „denn es gibt zu viele Gebäude“: Kirchen, Gemeindehäuser, Waldheime. Was verzichtbar ist, wird nach Faktoren wie geografischer Lage, Bausubstanz oder Auslastung eingestuft. Im Bezirk Stuttgart-Mitte sind seit 2003 bereits etliche Immobilien abgestoßen worden. So hat etwa die Kirchengemeinde Gaisburg das Gemeindehaus Schlüsselwiesen verkauft und Gemeinderäume im Untergeschoss der Kirche integriert, ähnlich verlief es in der Rosenbergkirchengemeinde, die Christophkirche im Norden ging an einen diakonischen Träger.

Das Ziel ist klar: Kosten minimieren. Laut Schwesig kosten allein die Investitionen und Sanierungen im Dekanatsbezirk Stuttgart-Mitte mehr als 2,5 Millionen Euro im Jahr, „das bedeutet für den Haushalt eine tickende Zeitbombe“. Als Marschrichtung soll die Zahl der Immobilien bis 2030 halbiert werden. „Wir können nicht weitermachen wie bisher.“

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27.12.2016, 06:00 Uhr

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