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„Wir müssen uns der Zukunft stellen“
Wird 2017 Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen: Martin Roth. Foto: laif
Interview

„Wir müssen uns der Zukunft stellen“

Der aufkommende Nationalismus alarmiert den international tätigen Kulturmanager Martin Roth. Er fordert, kreative Köpfe müssten klar Position beziehen.

03.12.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Ulm. Einen langen Skiurlaub hatte er sich vorgenommen – und ja, ein bisschen Skifahren sei er inzwischen gewesen, erzählt Martin Roth. Im Herbst hatte er seinen Posten als Direktor des Victoria and Albert Museums in London niedergelegt, diese Woche erreichte man ihn in Kanada, wo er einen Teil des Jahres wohnt. Während des Telefonats kommen Möbelpacker, und auch sonst hört es sich so an, als könne im Leben des 61-jährigen gebürtigen Stuttgarters noch einiges passieren. Kampfeslustig jedenfalls ist der Museumsmann, der 2017 Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart wird.

Seinen Abschied aus London begründete er auch mit dem Brexit, vor einigen Wochen forderte er die Kollegen in einem Beitrag in der „Zeit“ zum „intellektuellen Widerstand“ gegen den Rechtsruck auf. Es wundere ihn, dass „so gut wie niemand aus der Kultur und Kunst gegen den zunehmenden Nationalismus, den xenophobischen Hass aufsteht“, schrieb Roth und kritisierte, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters sich nicht laut zu Wort melde. Roth hingegen meldet sich zu Wort, sehr gerne sogar.

Wieso sind Sie so gerne in Kanada?

Martin Roth: Das war vor vielen Jahren Liebe auf den ersten Blick. Ich mag dieses Land nicht zuletzt wegen seiner multikulturellen Hintergründe. In Kanada ist man zuerst Ire, Schotte oder Iraker und dann Kanadier. Anders als in den USA, wo man immer zuerst Amerikaner ist. Wenn sie mich fragen, würde ich mit einer gewissen Selbstironie sagen: Ich bin Europäer und dann Schwabe. Neulich allerdings erklärte mir eine junge Frau, sie habe sich nie besonders deutsch gefühlt, aber jetzt finde sie dieses Land absolut verteidigungswürdig. Irgendwie hat sie recht, mir geht es ähnlich.

Apropos USA: Haben Sie die Wahl Donald Trumps kommen sehen und haben Sie den Brexit vorhergesehen?

Leider ja. Vergangenen Dezember haben wir eine Ausstellung zur Geschichte Europas eröffnet, schon damals habe ich gesagt: Wenn der Brexit kommt, bin ich weg. Damals schon mit dem Gefühl, dass das passieren kann. Dann kam der Brexit und man hoffte, dass Trump nicht kommt, nun ist Trump gekommen und man hofft, dass Marine Le Pen nicht kommt . . . Da passt eins zum anderen, so zufällig ist das alles nicht. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber es bestehen viel mehr Verbindungen im ultrarechten Lager, als wir es uns eingestehen. Einerseits geht es da zwar um nationale Abschottung, andererseits arbeitet die Ultrarechte international bestens zusammen. Es ist falsch zu glauben, wir seien geschützt vor autokratischen Systemen. Wir sehen ja gerade, welche Leute Donald Trump beruft.

Wie schnell verändert eine politische Entscheidung die Stimmung in einem Land?

In London hatten wir am Morgen nach dem Brexit schon Zwischenfälle unter Museumsmitarbeitern im eigenen Haus. Wissen Sie, ich war so stolz auf die englische Kulturpolitik, als sie einen Ausländer berufen hat. Und ich war auch stolz auf den Mut, ein Nationalmuseum mit einem Deutschen zu besetzen – aber das würde heute so nicht mehr stattfinden. Und würde ich jetzt gefragt, würde ich den Posten nicht annehmen.

Ist ein neuer Nationalismus in Deutschland denkbar?

Da bin ich mir sehr sicher, es passiert doch schon. Es gibt viele Leute, die schon lange darauf warten. Wer weiß denn schon, was passiert, wenn Marine Le Pen an die Macht kommt und die Theater- und Museumsdirektoren austauscht? Wer weiß, wer dann bereitsteht und gern mit dem Front National zusammenarbeitet? Ich habe meine Doktorarbeit über die deutsche Kulturpolitik der 1920er und 1930er Jahre geschrieben. Die Akten zeigen, wie Leute abwarten, umkippen, opportunistisch sind – oder eben den Job und vielleicht das Leben verlieren, weil sie nicht rechtzeitig aufgestanden sind. Davor sind wir nicht geschützt, und deshalb sage ich: Wartet nicht drauf, dass es sich von alleine richtet.

In Ihrem Beitrag für „Die Zeit“ haben Sie den Kulturbetrieb ja schwer dafür kritisiert, dass er nicht laut genug Stellung bezieht.

Schwer kritisiert habe ich es nicht. Ich habe mich eher verwundert gezeigt. Wer sich mit Geschichte befasst – also jeder, der ein Museum, ein Archiv oder auch ein Theater leitet –, denkt doch über die Zukunft nach, und dieser Zukunft müssen wir uns stellen. Es gab übrigens auch gute Reaktionen auf den Artikel: Der Intendant des Münchner Residenztheaters, Martin Kusej, hat mir geschrieben und neulich selbst einige Interviews gegeben, die in diese Richtung gehen. Wir können in den Theatern und Museen nicht einfach nur Programme machen, die sich mehr mit den erschreckenden Folgen des Nationalismus beschäftigen – das ist katholisch für Katholische. Wir müssen in der Öffentlichkeit deutlich sagen, was wir denken, und wir brauchen Leute, die angesehen sind, denen man zuhört.

Sie waren Chef des Deutschen Hygiene-Museums und danach bis 2011 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden. War mit einer Pegida-Bewegung für Sie zu rechnen?

In gewisser Weise ja, da ich in Sachsen tagtäglich mit Politikern zu tun hatte, die weit rechts außen und trotzdem in der CDU waren. So entsteht eine politische Atmosphäre, die irgendwann Folgen zeitigt.

Wie hätten Sie als Museumschef auf Pegida reagiert?

Ich hätte die Museen geschlossen. Das klingt melodramatisch, aber so ist die Situation ja zum Teil auch. Diese Leute haben symbolische Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel aufgestellt, und zwar vor den Alten Meistern! Das ist die Avantgarde der Geschichte, die von rechts vereinnahmt wird. Das einzige, was man machen kann, ist, die Museen dichtzumachen und zu signalisieren: Das sind geschützte Plätze, hier gehört ihr nicht hin.

Ist das nicht ein möglicherweise fataler Kommunikationsabbruch?

Es geht nicht darum, die Kommunikation abzubrechen, sondern darum, eine Grenze zu setzen. Das ist eine Verrohung der Sitten. Hier wird so etwas wie ein ethischer Kontrakt aufgekündigt, da akzeptieren wir Menschen, die nicht mehr unsere Grundwerte teilen, und das finde ich menschenunwürdig. Das dürfen wir nicht akzeptieren. Wer sowas macht, steht außerhalb unserer Gesellschaft.

Sie hatten angekündigt, sich nun stärker politisch engagieren zu wollen.

Ja, aber ich strebe absolut kein politisches Amt an, so wie das teils dargestellt wurde. Auf keinen Fall will ich Kulturstaatsminister werden, und wenn ich Monika Grütters kritisiere, geht es mir nicht um ihre Person, sondern um das Amt. Man kann in diesen Zeiten nicht Kulturstaatsministerin sein und sich nicht deutlich zu Wort melden.

Wir sprechen die ganze Zeit über die Verantwortung der Institutionen. Was ist mit der Verantwortung der Künstler?

Wissen Sie, ich bin oft enttäuscht worden in meinem Glauben an das Liberale in der Kunst. Kunst geht mit dem Geld, Politik ist eher störend. Verstörend ist hingegen, wenn unabhängige Denker wie Gerhard Richter sich scheinbar gegen die Flüchtlingspolitik positionieren. Sie haben wahrscheinlich gelesen, wie Gerhard Richter die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin kritisiert hat. Ich kenne ihn gut, schätze ihn sehr und glaube zu wissen, was er meint, und natürlich darf er das sagen. Aber mir wäre es trotzdem lieber gewesen, er hätte es nicht getan.

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03.12.2016, 06:00 Uhr

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