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Homosexualität

„Wir müssen weiter kämpfen“

Wie lebt es sich als schwuler Mann in Stuttgart? Menschen aus der Szene ziehen ein gemischtes Fazit. Mit dieser Frage befasst sich auch das Kunstmuseum heute Abend.

14.03.2018

Von BARBARA WOLLNY

Einer von zwei „schwulen“ Buchläden in Deutschland ist der Erlkönig ein wichtiger Treff für die Community. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Die großen Themen sind geklärt. Letztes Jahr haben wir den Durchbruch erzielt“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann. Er setzte sich stark dafür ein, dass seit Oktober 2017 auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Der Jurist aus Stuttgart macht keinen Hehl aus seiner Homosexualität, geht aber auch nicht offensiv damit hausieren. „Ja, ich bekomme mal einen Schmähbrief oder einen blöden Kommentar auf Facebook. Aber als Politiker spielt die sexuelle Orientierung heute keine große Rolle mehr.“

Das war vor einigen Jahrzehnten noch anders. Die aktuelle „Patrick Angus“-Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum illustriert das Leben der Homosexuellen in den 70er und 80er Jahren in den USA, die vielfach unter Diskriminierung litten und sich in private Räume zurückzogen. 1992 starb der Künstler 38-jährig an Aids. An diesem Mittwochabend zeigt das Museum die thematisch passsende Dokumentation „Queer Life in Stuttgart“ von den zwei Stuttgarter Filmemachern Claudius Gädeke und Sven Tomschin. Beide arbeiten in Agenturen, stecken aber ihre Freizeit in Produktionen zu Schwulenthemen für ihren Filmkanal mit dem ironischen Titel „Sissy That Talk“ – was man in etwa als „Quatschende Tunten“ übersetzen kann.

In dem Film kommen vier Zeitzeugen zu Wort. Diese beschreiben drastisch, wie gefährlich das Leben für sexuell anders orientierte Männer („Damals hätte man einen wie mich am liebsten aufgehängt“) in den 70er und 80er Jahren auch in Stuttgart war und wie sich seitdem gesellschaftliche Veränderungen auf Minderheiten wie Homosexuelle ausgewirkt haben.

„Heute muss man sich nicht mehr verstecken“, sagt Claudius Gädeke. „Es gibt aber nach wie vor Treffpunkte, in denen man sich exklusiv als Community trifft. Diese Szenetreffs sind nach wie vor wichtig.“ Doch die meist finsteren Clubs im Rotlichtmilieu wurden von offenen Treffpunkten abgelöst – wie beispielsweise dem Buchladen Erlkönig. Zunehmend mischen sich Hetero- und Homosexuelle zudem. „Durch das Internet ist die Partnersuche für Homosexuelle einfacher geworden. Früher konnte man sich nur in speziellen Bars kennenlernen“, so Gädecke.

„Geschätzt drei bis zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind nicht heterosexuell, sondern gleichgeschlechtlich orientiert. Genaue Zahlen gibt es nicht“, sagt Christoph Michel, Geschäftsführer des Vereins, der den Christopher-Street-Day in Stuttgart ausrichtet. Die jährliche Veranstaltung ist die größte nach Köln, bis zu 200 000 Zuschauer säumen im Juli die Straßen und feuern das wilde Treiben an. Doch gäbe es immer wieder Jugendliche, die nicht auf den Wagen mitfahren wollten, aus Sorge, erkannt und von Kollegen und Bekannten gehänselt zu werden, sagt Michel. „Wobei inzwischen fast alle großen Unternehmen wie Bosch, Daimler oder EnBW den Umzug unterstützen und damit ein Zeichen für Vielfalt im Unternehmen setzen“, erklärt er.

Weiterhin Vorbehalte

Heute also alles kein Problem mehr? Es habe sich Elementares verändert, sagt Michel, aber Vorbehalte gäbe es weiterhin. Bei einer Umfrage 2017 waren zwar 80 Prozent für die Ehe für alle. Dennoch fanden parallel 38 Prozent Homosexualität unmoralisch und 18 Prozent unnatürlich. „Es muss nicht immer so gut weitergehen. Die Geschichte zeigt, wenn die Gesellschaft wieder Sündenböcke braucht, kommt sie schnell auf Minderheiten.“

Das treibt auch Laura Halding-Hoppenheit um. Die langjährige Stuttgarter Wirtin und Gemeinderätin betreibt mit ihrem Kings Club („Alles immer noch wunderbares rot-goldenes Tuntenbarock“) seit 44 Jahren das älteste Gay-Lokal in Stuttgart. „Schwule waren schon immer meine Freunde“, sagt sie. Die Frau mit den auffälligen roten Haaren hat in ihren Anfangsjahren in Deutschland als gebürtige Rumänin selbst Ausgrenzung erfahren, wurde aber in der Schwulenszene sofort akzeptiert. „Diese waren vor 40 Jahren in Stuttgart nicht geliebt und erwünscht, nur toleriert. Dabei will doch jeder dazugehören.“

Heute könnte die errungene Freiheit, anders leben zu können, wieder schnell infrage gestellt werden, sagt Halding-Hoppenheit. Es gäbe neue Formen der Diskriminierung durch die AfD oder durch Einwanderer und Flüchtlinge, die aus Ländern kämen, in denen gleichgeschlechtliche Liebe als schweres Verbrechen gelte. „Was machst du immer noch auf der Straße, fragen mich meine zwei Kinder immer wieder“, sagt Halding-Hoppenheit, deren genaues Alter ihr Geheimnis bleibt. „Es ist noch nicht alles in Ordnung“, antworte sie dann. „Wir müssen weiter kämpfen und politisch aktiv bleiben.“

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Erstellt:
14. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 06:00 Uhr

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