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Interview

„Wir sägen am eigenen Ast“

Die Digitalisierung wird Arbeitsplätze kosten, davon ist Buchautor Jens-Uwe Meyer überzeugt. Profitieren wird vor allem der Konsument.

12.11.2016

Von SIMONE DÜRMUTH

In der Landwirtschaft ist die Digitalisierung bereits sehr weit fortgeschritten. Andere Branchen folgen diesem Beispiel. Diese Entwicklung gefährdet Arbeitsplätze, bietet aber auch Chancen. Foto: dpa

Ulm. Wir nutzen Onlinebanking, Fitness-Apps und unsere Autos gehen ins Internet – doch das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Digitalisierung. Diese These stellt Jens-Uwe Meyer in seinem neuen Buch „Digitale Disruption“ auf.

Wir lesen Zeitung auf dem Tablet, kaufen Fahrkarten mit der App und lassen uns online vom Arzt eine Diagnose stellen – wo stehen wir auf dem Weg zur Digitalisierung?

Jens-Uwe Meyer: Wir sind mitten drin in dem Prozess. Die Entwicklung hat vor zehn, fünfzehn Jahren eingesetzt und wird in etwa zehn Jahren abgeschlossen sein. Wir werden irgendwann zurückblicken und sagen: Das war das Zeitalter der Digitalisierung. Das begann mit dem Aufkommen des Internets und den ersten Breitbandanschlüssen. Dann wurde immer mehr digitalisiert.

Innovationen gab es schon immer. Was ist jetzt anders als zum Beispiel an der Industrialisierung?

Die Geschwindigkeit. Industrialisierung war im Vergleich ein sehr planbarer Prozess. Um Fabriken aufzustellen und zum Laufen zu bringen brauchte man fünf Jahre – das war unglaublich kapitalintensiv und es war nicht so einfach, Grenzen zu überwinden. Wenn heute in Indien morgens um drei eine Anwendung zur künstlichen Intelligenz fertig entwickelt wird, dann ist diese kurz danach auf einen Server hochgeladen und weltweit einsetzbar.

Aber große Umbrüche in der Wirtschaft sind an sich nichts Neues ...

Dass sich die Wirtschaft umkrempelt, haben wir häufiger erlebt. Wir haben die Automatisierungswellen in der Automobilindustrie und in der Schwerindustrie erlebt, aber jetzt haben wir es mit einer massiven Veränderung zu tun, die irre schnell geht. Schauen wir uns das Beispiel Commerzbank an. Da wird nicht verkündet, wir haben einen langen Transformationsprozess vor uns, da wird verkündet: 20 Prozent unserer Mitarbeiter müssen gehen, wir werden ein Technologieunternehmen. Punkt. Diese Geschwindigkeit, diese Härte, das ist die neue Dimension.

Ist das der Grund, warum Sie den Begriff „Disruption“ verwenden und nicht „Innovation“?

Ja. Auch im Bereich der Digitalisierung gibt es verschiedene Arten. Wenn ein Anwalt eine Online-Beratung anbietet, dann verändert das nichts am Geschäftsmodell. Der einzige Unterschied ist, der Mandant muss nicht mehr zum Anwalt kommen. Wenn aber Digitalisierung so weit geht, dass Teile der anwaltlichen Kompetenz durch digitale Services ersetzt werden, ist das eine neue Dimension. Und das ist Disruption.

In welchen Branchen ist dies bereits besonders weit vorangeschritten?

Sehr weit vorangeschritten ist zum Beispiel die Landwirtschaft. Die Lösungen, die wir in diesem Bereich in den nächsten Jahren sehen werden, sind bereits alle da und stehen kurz vor der Markteinführung. Betroffen sind auch beratende Berufe, wie der Anwalt oder der Arzt. Ein Beispiel: Ein Architekt schreibt auf, wie ein Haus auszusehen hat. Das wurde bislang auf Papier ausgedruckt, an die zuständigen Gewerke gegeben. Dann ging der Handwerker zum Großhändler und füllte dort Bestellformulare aus. Diese Systeme werden im Moment mit einer hohen Geschwindigkeit miteinander vernetzt. Und je mehr diese Systeme miteinander kommunizieren, desto mehr könnten Sachbearbeiter überflüssig werden.

Und welche Branchen sind als nächstes dran?

Ich würde das gar nicht so sehr in Branchen sehen. Ich würde eher die Funktionen sehen, die ein Mensch hat. Zum Beispiel dass jemand irgendwo Daten sammelt und die von einem System ins andere überträgt. Das kann der Versicherungssachbearbeiter sein, das kann jemand sein, der die Bonität eines Kunden als Banksachbearbeiter prüft. Das kann aber genauso jemand sein, der als Verkäufer in einem Großmarkt steht und Bestellformulare ausfüllt. Das sind auch für die Unternehmen zunächst einmal die stärksten Hebel, weil hier Kosten gespart werden können.

In Baden-Württemberg bedroht die Digitalisierung jetzt schon Arbeitsplätze. Wie wird das weitergehen?

Es gibt typische Regionen, wo produktionsintensive Betriebe sind. Da gehört natürlich Baden-Württemberg dazu. Baden-Württemberg lebt klassisch sehr viel von mittelständischen Maschinenbauern oder Automobilzulieferern. Aber bis es so weit ist, dass der Automobilzulieferer entlassen muss, das wird noch dauern. Da müssen Robotersysteme entwickelt werden, komplette Anlagen neu geplant werden. Das ist deutlich schwieriger als einen Verwaltungsberuf zu digitalisieren.

Je komplexer meine Tätigkeit, desto geringer also die Wahrscheinlichkeit, dass ich meinen Job verliere?

Ja. Überall dort, wo jemand sehr einfache Hilfstätigkeiten durchführt, die jemand in einer anderen Branche genauso macht, also zum Beispiel Belege buchen oder den Rechnungseingang überwachen, kann digitalisiert werden. Und je einfacher die Tätigkeit, desto früher ist man dran. Von daher gibt es von mir den Ratschlag, sich weiter zu spezialisieren.

In welchen Bereichen kann man von dieser Entwicklung profitieren?

Man sollte dieser Entwicklung vor allem nicht abwehrend, sondern offen gegenüberstehen. Dieses digitale Geschäftsmodell braucht im Prinzip zwei Arten von Menschen. Die einen, die die Branche verstehen und die anderen, die die Digitalisierung verstehen. Da geht es nicht darum, Programmierung zu lernen, sondern sich damit auseinanderzusetzen, wie gute Portale funktionieren, welche Firmen erfolgreich sind, welche Trends es gibt.

Wie profitiert der Verbraucher von dieser neuen Entwicklung?

Der Verbraucher profitiert in der Regel dadurch, dass bestimmte Dinge im Leben einfacher werden. Früher ist man zur Bank gegangen, stand Schlage beim Kassierer, wenn man Geld haben wollte. Heute gehen Sie an den Geldautomaten. Warum nehmen Menschen solche Lösungen an? Die wenigsten sind bereit, Zeit zu verlieren, dadurch dass ein anderer Mensch Tätigkeiten macht, die man schneller selbst erledigen könnte. So gesehen tragen wir alle durch unser Verhalten zu dieser Entwicklung bei. Wer zum Beispiel bei Amazon seine Weihnachtsgeschenke bestellt und sagt, ich habe keine Lust, mich bei Karstadt in die Schlange zu stellen, der sägt am Job der Verkäuferin. Und wenn das noch die Verkäuferin selbst tut, dann sägt sie an ihrem eigenen Ast. Und da wir als Menschen nun mal so gestrickt sind, wird sich das über kurz oder lang nicht verhindern lassen.

privat Foto: privat

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Erstellt:
12. November 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. November 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. November 2016, 06:00 Uhr

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