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100 Jahre Schönbuchbahn

„Wir schicken Ochsen, groß und fett“

Im Oktober vor 100 Jahren dampfte die Schönbuchbahn los. Zuerst bis Weil, im Juli 1911 bis Dettenhausen. Von Oktober bis Juli feiern deshalb die Anrainergemeinden. Start war jetzt in Böblingen mit der Jubiläums-Ausstellung

28.10.2010
  • Wolfgang Albers

Böblingen/Dettenhausen. Zwei Reichsmark kostete sie, Arbeitermonatskarte hieß sie, und ein Schwarz-Weiß-Foto wies ihren Inhaber aus. Eine Rarität, dieses Ticket aus den frühen Zeiten der Schönbuchbahn – und eine Besonderheit in den Vitrinen im Foyer des Böblinger Landratsamtes.

„Wir schicken Ochsen, groß und fett“
1910 wurde die Schönbuchbahn eröffnet. Vom 28. Juli 1911 an fuhr sie dann bis zur heutigen Endstation in Dettenhausen. Das wurde im Dorf natürlich groß gefeiert.

Dort sind Sammlerstücke zur Geschichte der Nebenstrecke zwischen Böblingen und Dettenhausen ausgestellt. Sie wecken die Eisenbahn-Romantik: die petroleumbefeuerte Signallampe, samt Ölkännchen und Putzbürste, die staubkornfreie rote Dienstmütze des Bahnhofsvorstehers und seine Kelle mit dem abgewetzten Holzgriff, und sogar 40 Zentimeter Schiene, mit dem Walzdatum von 1935 und vom Typ S-49: ein Meter Schiene wog 49 Kilo.

Fotos ergänzen die Exponate. Da ist eine Schulklasse samt Lehrer am Bahnhof Dettenhausen angetreten, mit großen Säcken. Das war im Kriegsjahr 1918, und das Sammelgut war Schönbuchlaub, das als Pferdefutter an die Front geschickt wurde. Dann ein Bild von 1957: Eine Dampflok zieht durch eine Kurve, kleine Wagen, die nach Holzklasse aussehen, hintendran.

40 bis 50 Minuten brauchte so ein Zug für die Strecke – eine Art des Reisens, die anmutet, wie aus der Zeit gefallen. Ulrich Hägele, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen und Kurator des Schönbuch-Museums Dettenhausen, hat die Ausstellung zusammengestellt, mithilfe von Sammlern, die aufgehoben haben, was als unmodern aussortiert worden ist.

„Wir schicken Ochsen, groß und fett“
Winter 1936/37: Ernst Hagenlocher, Jahrgang ’34, am Dettenhäuser Bahnsteig. Sein Vater Wilhelm war hier von 1928 bis 1952 Bahnhofsvorsteher.

Und jetzt ein „sentimentales Museum“ ermöglichen, wie Ulrich Hägele die Ausstellung nannte, als sie am Montagabend im Böblinger Landratsamt eröffnet wurde. Seine Einführung nutzte er zu einem Plädoyer für einen achtsameren Umgang mit den Dingen: „Es ist schade, dass soviel auf den Müll geworfen wird.“ Dinge, die so solide gefertigt waren wie die Signallampe: „Die war wie für die Ewigkeit gebaut und hat 60 Jahre ihren Dienst getan. So etwas gibt es heute nicht mehr.“

Hinter der Technikgeschichte stehen Menschen, sagte er: „Die Schiene hat jeden Tag 1500 Arbeiter zu den Fabriken getragen, auch samstags, und sie transportierte auch Soldaten – für viele war die Fahrt zur Front ein Abschied für immer.“

Diesen „Gleisgeschichten“, so der Ausstellungstitel, ist die Böblinger Kreisarchivarin Helga Hager nachgegangen. Zeitzeugen haben ihr erzählt, wie in den 50er Jahren der Zug ein Treffpunkt war: „Da hatte jeder seinen Stammplatz, man hat Karten gespielt, über Fußball geredet, gesungen.“ Etwa „Hoch auf dem gelben Wagen“. „Ein Gassenhauer eben“, hat sich ein ehemaliger Daimler-Arbeiter erinnert.

Auch die schriftlichen Quellen haben einiges hergegeben. Zum Beispiel, wie geschäftstüchtig der Bahnhofswirt von Weil war. Wenn im Winter die Arbeiter aus den Dörfern durchgefroren vom Rad stiegen, hielt er ihnen schon morgens um sechs Uhr ein Schnäpschen hin. Und der Schultes von Weil dichtete zur Eröffnung: „Jetzt endlich glaubt es jedermann, wir haben eine Eisenbahn, wir schicken Ochsen, groß und fett, und dazu Schweine, wirklich nett.“

„Wir schicken Ochsen, groß und fett“
Deutsche und italienische Arbeiter vor 100 Jahren beim Bau der Bahnstrecke.

Der Böblinger Landrat Roland Bernhard, Vorsitzender des Zweckverbands Schönbuchbahn, blickte auf die jüngste Vergangenheit der Bahn zurück: auf die Reaktivierung im Jahr 1996, nachdem die Bahn den Personenverkehr 1966 aufgegeben hatte. Eine Erfolgsgeschichte, mit jetzt 8.000 täglichen Fahrgästen, die auf 10.000 steigen werden.

Deshalb warb der Landrat für die Pläne, die Bahn auszubauen und zu elektrifizieren. Schlecht sieht es damit nicht aus. 2015 soll es soweit sein, das ist immer noch realistisch. In den nächsten Tagen wird ein Gutachten für den Förderantrag vergeben, der im Januar eingereicht werden soll. Wenn das klappt, könnte man schon nächsten Herbst detailliert in die Planung einsteigen.

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28.10.2010, 12:00 Uhr

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