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Absicherung

„Wir sind schon mittendrin“

Deutschland braucht angesichts der Veränderungen durch Industrie und Arbeitwelt 4.0 eine Rentenreform. Wie die aussehen soll, erklärt Verdi-Vorstand Eva Welskop-Deffaa.

17.12.2016
  • CAROLINE STRANG

Ulm. Die Thesen in der Ideensammlung „Die Rente 4.0 – das Konzept der dynamischen Rente für die Arbeitswelt der Zukunft“ von Peter Weiß, Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Rentenpolitik, und Eva Welskop-Deffaa, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand und Chefin der Arbeitsgruppe Rente in der CDU, bieten einigen Zündstoff. Das Konzept sieht unter anderem vor, die Rentenreserve zu erhöhen, Selbstständige in die Pflichtversicherung mit aufzunehmen und die Beitragsbemessungsgrenze dynamischer zu gestalten. Eva Welskop-Deffaa erklärt, warum eine Rente 4.0 nötig wird und wie sie aussehen sollte.

Warum brauchen wir ein Konzept für eine Rente 4.0?

Eva Welskop-Deffaa: Die letzte große Rentenreform liegt jetzt sechzig Jahre zurück. Damals wurde die dynamische umlagefinanzierte Rente eingeführt als Antwort auf die veränderte Arbeitsmarktwirklichkeit der Wirtschaftswunderzeit. Wir stehen heute am Anfang einer ähnlich tiefgreifenden Veränderung der Produktionsprozesse. Deswegen spricht viel dafür, dass wir gründlich auf das Rentensystem schauen – über die Stabilisierung des Rentenniveaus hinaus.

Welche Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt meinen Sie?

Die Organisation der Arbeit in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen vermischt sich mit neuen Formen der Selbstständigkeit. Der Anteil der Menschen, die in ihrem Leben phasenweise Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit erwirtschaften, steigt. Es wird immer einfacher, Arbeitsaufträge über Plattformen zu organisieren. Es entstehen neue Formen der Selbstständigkeit wie Freelancer, Crowd- oder Clickworker. Im Lebenslauf wechselt immer öfter abhängige mit selbstständiger Tätigkeit, teilweise wird beides auch zur gleichen Zeit kombiniert. Da wäre es fahrlässig, weiterhin die Versicherungspflicht nur an abhängige Beschäftigung zu koppeln.

Also sollten Selbstständige mit in die Pflichtversicherung?

Man sollte Erwerbseinkommen unabhängig davon, ob es sich aus einem Arbeits- oder aus einem Werkvertrag speist, in die Versicherungspflicht einbeziehen. Die meisten Menschen denken beim Begriff Selbstständige an den alten Typus, den Inhaber eines Betriebes. Aber die traditionellen Bilder passen immer schlechter zu dem, was wir heute als hybride Selbstständigkeit erleben.

Sie schlagen ein Mindestrentenniveau bis 2070 vor. Wo liegt das?

Darüber wird heftig diskutiert. Andrea Nahles hat als untere Haltelinie 46 Prozent genannt und als weniger verbindliche Ziellinie 48 Prozent. Uns als Gewerkschaften ist das zu wenig. Verdi spricht von 50 Prozent.

Wie wird das finanziert?

Verdi hat intensiv gerechnet und geht davon aus, dass man mit einem Beitragssatz von 24 Prozent ein Rentenniveau von 50 Prozent finanzieren kann. Wir hatten in der Vergangenheit schon Beiträge, die über 20 Prozent lagen. Dass wir jetzt deutlich weniger bezahlen, hat zur Folge, dass die Jungen nicht mehr wissen, was sie am Ende für ihre Beiträge herausbekommen. Das ist für mich der eigentliche Skandal: Menschen, die heute 30 Jahre alt sind, werden verpflichtet, noch 37 Jahre ins Rentensystem einzuzahlen, aber die Zusicherung, was mindestens herauskommt, endet 2030 – lange vor ihrer Rentenzeit. Ein System, das so stark auf Generationensolidarität beruht, braucht langfristige Sicherheit.

Wie kann man Geringverdiener unterstützen?

Wer ein Leben lang wenig verdient, wird eine niedrige Rente haben – das ist im beitragsbasierten Rentensystem angelegt. Darum muss unsere erste Anstrengung weiter auf gute Arbeit und gute Löhne gerichtet bleiben. Mit der Einbeziehung aller Erwerbseinkommen, auch aus selbstständiger Tätigkeit, geben wir aber durchaus eine Antwort: Wer als Clickworker wenig verdient, hat häufig gleichzeitig eine Teilzeitarbeit in abhängiger Beschäftigung, in der er oder sie auch nicht toll verdient. Werden nur aus letzterer Beiträge gezahlt, wird das für eine gute Rente nicht reichen. Zahlt man aber auch Beiträge aus dem Cloudeinkommen, wird die Perspektive schon besser. Man muss das Gesamtlebenseinkommen versichern.

Das gilt auch in der „schönen neuen digitalen Welt“?

Absolut. Ich halte es für fahrlässig zu meinen, dass in der digitalisierten Welt plötzlich die Altersvorsorge von der Arbeit entkoppelt wird. Da spricht nichts dafür. Ob ein Mensch sein Geld am Fließband verdient oder beim Programmieren, ändert nichts daran, dass er am Ende des Monats Erwerbseinkommen bezieht. Die Rente ist eine Absicherung des Ausfalls von Erwerbseinkommen. Das bleibt in der digitalen Arbeitswelt unverändert wichtig.

Warum ist es sinnvoll, die Rentenreserve zu erhöhen?

Es gibt zwei Aspekte: Setzt man an der Untergrenze der Reserve an und erhöht diese, vermeidet man, dass die gesetzliche Rentenversicherung in Zahlungsschwierigkeiten kommt. Das ist wichtig, um das Vertrauen zu erhalten. Die Obergrenze zu erhöhen führt dazu, dass die demografisch bedingten Ausgabeschwankungen der nächsten Jahre abgefedert werden können.

Sie wollen auch an der Beitragsbemessungsgrenze ansetzen?

Ich halte die Diskussion für überfällig. Im Moment bezahlt man in Jahren, in denen man richtig gut verdient, nur von einem Teil des Einkommens Beiträge – von dem Teil unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze. Das heißt, dass bei volatilen Lebenseinkommensverläufen größere Teile des Einkommens beitragsfrei bleiben, die für die Rente fehlen. Deswegen haben wir vorgeschlagen, die Beitragsbemessungsgrenze der „Rente 4.0“ zu dynamisieren und gleichzeitig die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt für die Rentenversicherung an die Zahlungen unterhalb der alten Beitragsbemessungsgrenze zu koppeln. Das würde die Rentenanwartschaften von Geringverdienern aus dem Bundeshaushalt stützen. Ich hoffe, dass wir auch an dieser Stelle weiter nachdenken, um unsere Rente fit zu machen für die Arbeitswelt 4.0.

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17.12.2016, 06:00 Uhr

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