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Aids-Skandal

„Wir waren Aussätzige“

Vor rund 40 Jahren wurden rund 1800 Bluter durch ein Medikament mit HIV infiziert. Die Überlebenden kämpfen um die Hilfszahlungen.

05.11.2016
  • Sabine Lohr

Stefan Mayer ist einer von 550, die noch leben. Einer von ehemals über 1800 Menschen, die, weil sie Bluter sind, in den späten 1980er-Jahren durch ein mit HIV verseuchtes Gerinnungsmittel infiziert wurden. Die mit einer relativ geringen Abfindung abgespeist wurden, aber kein normales Leben führen können. Die meisten von ihnen sind inzwischen an Aids gestorben. Diejenigen, die noch leben, kämpfen jetzt dafür, dass die Entschädigungszahlungen, die sie seit acht Jahren bekommen, auch nach 2018 fortgeführt werden.

Seinen richtigen Namen will Mayer nicht sagen. Das hat gute Gründe. „Ich will nicht schon wieder umziehen“, fasst er sie zusammen. Denn umziehen musste er oft – immer, wenn herauskam, dass er HIV hat.

Aber von Anfang an: Stefan Mayer wurde 1962 in Reutlingen geboren. Er litt unter Hämopholie, war also ein so genannter Bluter. Bei Hämophilen gerinnt das Blut nicht – Wunden bluten einfach immer weiter. Darum muss Gerinnungsmittel gegeben werden, das aus Blutplasma hergestellt wird. Müller bekam dieses Mittel schon als Kind, allerdings nicht sehr oft. „Ich hatte nur eine leichte Form der Hämophilie.“

Nach der Schule lernte er das Bäckerhandwerk und arbeitete danach auch als Bäcker. Kurz nach der Ausbildung wurde er mit 19 Jahren zum ersten Mal Vater und heiratete. Das Paar bekam ein zweites Kind, aber die Ehe hielt nicht. Nach vier Jahren ließ er sich scheiden. Kurz darauf lernte er seine zweite Frau kennen und zog mit ihr nach Tübingen. Sie brachte zwei kleine Kinder mit.

Der Bäckerberuf gefiel Mayer, aber weil er einen Rückenwirbel zu viel hat und deshalb nicht lange stehen kann, musste er 1985 den Beruf aufgeben. Das Arbeitsamt bot ihm eine Umschulung zum Informationselektroniker an und schickte ihn an ein Umschulungszentrum in Bayern.

„Das war wie ein Internat, man wohnte dort auch“, sagt Mayer. Dort wurden alle Umschüler zunächst untersucht – unter anderem wurde Blut abgenommen. Kurz darauf wurde Mayer aus dem Unterricht zum Rektor zitiert. Der teilte ihm mit: „Sie haben Aids und nur noch ein Jahr zu leben.“ Die Umschulung sei also sinnlos. Er solle zusammenpacken und gehen. „Ich hab gepackt, da kam dann schon so ein Seuchenschutzkommando in Schutzoveralls und desinfizierte alles“, erinnert sich Mayer. Doch was um ihn herum passierte, berührte ihn nicht. „Es raste in meinem Kopf. Aber ich hab das alles gar nicht auf mich bezogen, ich hab ja nie Drogen genommen und war auch nicht schwul.“

Irgendjemand habe ihn nach Hause gefahren. Als er dort ankam, begrüßte ihn seine Frau freudig. Dann sagte er ihr, warum er da war. „Sie wurde blass und sagte: ‚Ich bin schwanger‘. Von den nächsten drei, vier Tagen weiß ich von nichts mehr.“

Als der erste Schreck verdaut war, ließ er sich in der Uni-Klinik untersuchen und bekam die Bestätigung. Der Arzt stellte fest, dass Aids kurz vor dem Ausbruch war und verschrieb ihm ein Medikament.

Er bestellte es in der Apotheke in seinem Wohnviertel. „Als ich es abholte, klebte ein Zettel daran, auf dem stand, dass die Schachtel geöffnet worden war. Vielleicht kannte der Apotheker das Präparat nicht und wollte schauen, was genau das ist.“ Zwei Tage später kam ein Anruf aus dem Kindergarten: Er solle sofort seine Kinder rausnehmen wegen Ansteckungsgefahr.

Der Apotheker also hatte herumerzählt, dass Stefan Mayer HIV-infiziert war. Von da an sprach sich das auch in der Nachbarschaft herum. Im Briefkasten steckten Zettel: „Hau ab!“, jemand schmierte das auch an seine Wohnungstür. Dann kam die Wohnungskündigung.

„Wir waren Aussätzige“, sagt Mayer. Die Leute dachten, sie könnten sich durch einen Händedruck mit HIV anstecken und mieden ihn. Auch die Freunde „waren plötzlich alle weg“.

Mayers Frau hielt zu ihm. Sie war gesund, wie die Kinder auch. „Wir waren halt vorsichtig: kein Sex, kein Zungenkuss. Am Anfang hieß es ja sogar, man dürfe sich nicht mal umarmen.“

Die Familie zog nach Walddorf-Häslach, seine Medikamente holte Mayer in einer Apotheke in Tübingen. „Man lernt ja dazu.“ 1988 kam Dennis auf die Welt – ein gesunder Junge. Die Familie lebte von Sozialhilfe, denn Mayer fand keine Arbeit. Er litt unter Rheuma und Arthrose – Folgen der Hämopholie, bei der sich Blutgerinnsel an die Gelenke setzen. „Und wenn Sie dann noch angeben, weil Sie’s müssen, dass Sie HIV-infiziert sind, stellt Sie eben keiner ein.“

Aber er lebte noch – und zwar schon länger als ein Jahr. „Am Anfang hatte ich keine Perspektive mehr. Ich plante nur die einzelnen Stunden und vielleicht den Tag. Ich tat immer das, was am allerwichtigsten war.“ Denn: „Entweder, man will weitermachen oder man schaltet ab und stirbt. Wie mein Bruder.“

Mayers Bruder, fünf Jahre jünger als er, war ebenfalls Bluter und durch ein Präparat mit HIV infiziert worden. Nachdem 1988 die Pharmafirmen den Patienten Abfindungen angeboten hatte, nahm Mayers Bruder sie an. „Er war aus der Firma geworfen worden, aus seinem Sportverein und er hatte alle Freunde verloren. Von dem Geld machte er zwei Reisen. Danach legte er sich hin und starb.“

Auch Stefan Mayer bekam nach langen Auseinandersetzungen eine Abfindung über 20000 Euro. Davon kaufte er sich ein gebrauchtes Auto, machte den ersten Familienurlaub an der Nordsee – „eine ganze Woche lang, das war richtig toll“ – und lebte noch eine Zeitlang davon . Bis das Geld aufgebraucht war.

1995 trat das HIV-Hilfegesetz in Kraft, nachdem ein Untersuchungsausschuss festgestellt hatte, dass viele HIV-Infektionen hätten verhindert werden können, wenn die Medikamente für die Bluter nicht verseucht gewesen wären. „Dabei wussten schon Anfang der 1980er-Jahre die Ärzte, dass die Medikamente aus infiziertem Plasma hergestellt worden waren.“ Um es zu reinigen, hätte ein teures Hitzeverfahren angewendet werden müssen. Darauf hatten die Pharmafirmen verzichtet. Zu diesem Schluss kam 1994 ein Untersuchungsausschuss.

Mit dem Hilfegesetz wurde die Stiftung „Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierter Personen“ gegründet. Die Bundesregierung und betroffene Pharmaunternehmen zahlen in die Stiftung ein, die jedem noch lebendem Betroffenen 3000 Euro im Monat bezahlt. Auch Mayer lebt von diesem Geld, denn arbeiten kann er nicht. Längst ist er als schwerbehindert anerkannt.

Die Stiftung zahlt diese Monatsrente bis 2018. „Die sagten, sie zahlen zehn Jahre lang, dann ist eh jeder tot, der diese Hilfe braucht“, sagt Mayer. Aber er lebt noch. Und er kämpft dafür, dass er und die anderen Kranken auch nach 2018 noch ihr Geld bekommen. „Sie müssen doch zahlen, solange wir leben“, findet Mayer.

Er und seine Frau leben inzwischen in einem Reutlinger Vorort. Seine Kinder sind erwachsen, er hat drei Enkel. Keiner davon ist Bluter, keiner ist mit HIV infiziert. Bis auf die Schmerzen geht es ihm gut. Aids übrigens ist nie bei ihm ausgebrochen. Die Werte sind inzwischen so niedrig, dass die Krankheit nicht mehr nachgewiesen werden kann. „Ich bin ein Glückskind“, sagt er. Ganz ohne Ironie.

Unterschriften für lebenslängliche Entschädigung

Der Ulmer Michael Diederich, der ebenfalls von einem HIV-verseuchten Blutprodukt infiziert wurde, und seine Frau Lynn Sziklai sammeln Unterschriften für eine Petition, mit der die lebensängliche Entschädigungs-Zahlung erkämpft werden soll. Stefan Mayer unterstützt sie dabei. Am Samstag, 5. November, machen sie einen Infostand auf dem Holzmarkt, um Unterschriften zu sammeln. Mayer wird eine Zeitlang dabei sein – solange es seine Schmerzen zulassen.

Das Ziel der „Blutskandal-Kamapgne“ sind 50000 Unterschriften. Rund 5000 sind inzwischen zusammengekommen. Informationen gibt es auf Diederichs Homepage www.michaeldiederich.de. Dort kann man auch die Petition unterschreiben.

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05.11.2016, 01:00 Uhr

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