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Wirbel um Niqab-Auftritt bei Anne Will
Nora Illi fiel als vollverschleierter Talk-Gast bei Anne Will auf. Besonders frühere Aussagen der Frauenbeauftragten des so genannten „Islamischen Zentralrats der Schweiz“ riefen Kritik hervor. Foto: dpa
Islam

Wirbel um Niqab-Auftritt bei Anne Will

Nach der Talkrunde mit einer vollverschleierten Muslima erntet die ARD Kritik: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen dürfe keine Plattform für IS-Propaganda sein. Der Sender verteidigt sich.

08.11.2016
  • KRISTINA BETZ

Der „Heilige Krieg“ in Syrien eine „Langzeitprüfung“, die Vollverschleierung ein Zeichen von „Selbstbefreiung und Freiheit.“ Aussagen der 32-jährigen Schweizerin Nora Illi, die am Sonntagabend mit einem Niqab, der nur die Augen frei lässt, in der ARD-Polittalkrunde bei Anne Will saß. Ihre Äußerungen und ihr Auftritt ernteten heftige Kritik in und nach der Sendung. Der NDR verteidigte die Einladung Illis auf Anfrage unserer Zeitung als „vertretbar und richtig“.

Was zieht Jugendliche in die Radikalität, zum Islamismus – der Tatort um 20.15 Uhr zum Thema war Quotensieger des Abends mit 22,6 Prozent. Anne Wills anschließende Talkrunde kam auf 16,7 Prozent – ein Zeichen, dass sie mit dem Thema „Mein Leben für Allah – Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?“ richtig lag.

Nora Illi, Ex-Punkerin, Ex-Katholikin, Ex-Buddhistin, vor 15 Jahren zum Islam konvertiert, provozierte die Mitgäste mit verharmlosenden Aussagen zum radikalen Islam und dem Jihad – zum Teil mit früheren Aussagen, die die Redaktion einblendete. So hatte sie den Weg in den Jihad in einem 2014 veröffentlichten Essay als eine Form von Zivilcourage bezeichnet. Der „Heilige Krieg“ in Syrien sei keine Wunschträumerei, sondern eine „Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs“.

Außerdem forderte sie in dem Schriftstück Verständnis für junge Muslime: Die fühlten sich diskriminiert und zögen deshalb in den Krieg nach Syrien.

„Das kann man in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht machen!“, schimpfte der israelisch-arabische Psychologe und Autor Ahmad Mansour, der ihr gegenüber saß. Er kritisierte die Ausstrahlung solcher Behauptungen scharf: „Das ist offene Kriegspropaganda.“

Anne Will verteidigte sich: Sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen gehöre zu unserem Werteverständnis. Aber Bosbach, zur Linken Illis sitzend, fand: „Das geht gar nicht.“

Illi selbst fühlt sich missverstanden. Sie schrieb gestern auf Facebook, es sei ihr mit ihrem Essay keinesfalls darum gegangen, auf irgendeine Art für Reisen in den Jihad zu werben.

Die 32-Jährige nennt sich Frauenbeauftragte des „Islamischen Zentralrats der Schweiz“, was trotz des Namens bloß eine kleine, der saudi-arabisch-wahabitischen Islamrichtung verbundene Gruppe ist. Dennoch nannte sie den Islam in der Talk-Show eine freiheitliche Religion.

Und die Verschleierung? Illi: „Für mich bedeutet das erstens Selbstbestimmung und zweitens auch Freiheit“, sagte sie in der Talkshow. Im Islam könne sie bestimmen, ob sie ein Kopftuch trage, das Gesicht verschleiere oder wie sie leben wolle.

Illi wiederholte, mit Verboten wie einem Verschleierungsverbot würden Muslime aus der Gesellschaft ausgeschlossen und in die Radikalisierung getrieben. Widerspruch von Mansour: „Sie tragen ein politisches Symbol.“

Nach der Sendung hagelte es Kritik: „Dass man im Fernsehen dem radikalen Islam eine solche Plattform bietet, finde ich abenteuerlich!“, twitterte der CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke. Und die CDU-Vize Julia Klöckner twitterte, wer einen Niqab trage, mache Werbung für den fundamentalistischen Islam. „Und der sollte nicht vom Öffentlich-Rechtlichen eine Plattform bekommen.“

Auch die frühere baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) meldete sich via Twitter zu Wort: „Zustimmung. Provokation. Und Quote. Morgen redet jeder darüber. Medienkrise zu Zeiten von Talkshow-Overkill …“ Bosbach verteidigte seine Teilnahme an der Sendung. „Sitzenbleiben und argumentieren ist die bessere Form des Protests!“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

So sieht es auch der NDR. „Die Zusammensetzung der gesamten Diskussionsrunde und deren Leitung durch Anne Will hat zu einer ebenso angemessenen wie notwendigen Auseinandersetzung geführt“, teilte die verantwortliche Redakteurin des NDR, Juliane von Schwerin, unserer Zeitung mit. „Die umstrittene Haltung von Frau Illi zum Beispiel zur Problematik der Ausreise von Jugendlichen nach Syrien ist deutlich zu Tage getreten und heftig debattiert worden.“

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08.11.2016, 06:00 Uhr

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