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US-Wahlkampf

Wird Gary Johnson zum Zünglein an der Waage?

Clinton gegen Trump: Auf dieses Duell wird der Präsidentschafts-Wahlkampf reduziert. Doch es gibt weitere Kandidaten. Und einer könnte eine entscheidende Rolle spielen.

06.10.2016
  • PETER DETHIER

Vor 24 Jahren entschied der texanische Milliardär Ross Perot die US-Präsidentschaftswahl. Der politische Paradiesvogel brachte es 1992 auf fast 20 Prozent der Stimmen – und das als dritter Kandidat. Weil sein Anteil fast ausschließlich zulasten des amtierenden Präsidenten George H. W. Bush ging, katapultierte Perot den Senkrechtstarter Bill Clinton ins Weiße Haus.

Perot ist heute fast vergessen, doch auch dieses Jahr könnte wieder ein Außenseiter zum Zünglein an der Waage werden: Gary Johnson, Kandidat der Libertären Partei. Auf ein Fünftel der Stimmen wird es der ehemalige Gouverneur von New Mexico nicht annähernd bringen, doch sein steter Aufstieg in den Umfragen lässt die Demokratin Hillary Clinton und den Republikaner Donald Trump aufhorchen. Und obwohl Johnson durchaus konservative Prinzipien vertritt, scheint es, als schade seine Kandidatur vor allem Clinton. In einem knappen Rennen könnte er sie den Sieg kosten.

Nicht sattelfest bis ahnungslos

Der 63-Jährige ist kein geschliffener, routinierter Politiker. Bei TV-Auftritten mit seinem Vizepräsidentschafts-Kandidaten William Weld, Ex-Gouverneur von Massachusetts, wirkt es oft, als spiele der Spitzenkandidat die zweite Geige. In den Themen ist er nicht immer sattelfest, gelegentlich gar ahnungslos. Neulich etwa konnte er keinen einzigen ausländischen Regierungschef nennen. Zuvor schon hatte er sich vor Reportern, die wissen wollten, was er gegen die humanitäre Krise in Aleppo unternehmen würde, mit der Gegenfrage blamiert, „Was ist denn Aleppo?“

Doch wie auch bei Trump scheinen Fehltritte und Blauäugigkeit Johnson keineswegs um Wählersympathien zu bringen. Im Gegenteil: „Er wirkt echt und hat Ideen, die politikverdrossenen, vor allem jungen Wählern, absolut zusagen“, erklärt der demokratische Stratege Paul Begala Johnsons Erfolg.

Gegen jede Militärintervention

Der libertäre Kandidat will die Einkommensteuer abschaffen und durch eine Verbrauchssteuer ersetzen. Militärische Interventionen lehnt er ab. Vor allem bei jüngeren Amerikanern kommt er mit der Forderung nach einer kompletten Legalisierung von Marihuana gut an und gibt freimütig zu, selbst regelmäßig zu kiffen.

Johnson kommt, wie Trump, aus der Privatwirtschaft. Er hat eines der größten auf mechanischen Anlagenbau spezialisierten Unternehmen der USA gegründet. 1995 bewarb er sich – damals noch Mitglied der Republikaner – erstmals um ein politisches Amt und wurde gleich zwei Mal mit Erdrutschsiegen zum Gouverneur seiner Wahlheimat gewählt. Nach der Devise „mit dem gesunden Menschenverstand eines Managers die Politik anpacken“ wollte er durchsetzen, dass sich der Staat weitgehend aus der Wirtschaft heraushält. 200 Mal legte Johnson sein Veto gegen Gesetze und Ausgabenprogramme ein, die ihm zu teuer erschienen – und verhinderte so fast die Hälfte aller legislativen Vorstöße, die seinen Schreibtisch erreichten. Immerhin drückte er damit massiv New Mexicos Haushaltsdefizit.Mit der Mentalität, dass „weniger Staat besser ist“, die Bürgerrechte jedes Amerikaners sakrosankt sind und die Antiterror-Gesetze diese eindeutig verletzen, will er auch die Geschäfte in Washington führen.

Nach acht Jahren verließ Johnson die Politik und ließ sich auf neue Abenteuer ein. „Weil ich große Herausforderungen mag“ bestieg er den Mount Everest, mittlerweile hat er die sieben höchsten Gipfel der Erde erklommen. Doch vor vier Jahren kehrte er auf die politische Bühne zurück, um sich um das höchste Amt im Land zu bewerben – und zwar als Republikaner. Doch bald danach verließ er die Partei und trat den Libertären bei.

Laut Umfragen kann Johnson etwa acht Prozent erreichen. Gerade genug, um Clinton und Trump wachzurütteln, die beide Wähler an ihn verlieren werden. Trump deswegen, weil Johnson auch republikanische Positionen vertritt. Doch Clinton wird laut Wählerbefragungen deutlich höhere Einbußen hinnehmen müssen. Denn Johnson verkörpert genau das Gegenteil jener politisch Etablierten, die Clinton mehr personifiziert als jeder andere Bewerber. Deshalb versuchen alle Unterstützer Hillary Clintons, bis hin zum Präsidenten selbst, Wählern klarzumachen, dass „eine Stimme für einen dritten Kandidaten eine verschwendete Stimme ist.“

Gary Johnson sieht das anders. Er trägt seine Pläne nicht mit der Konditionalität vor, „wenn ich Präsident werde, . . .“ sondern stellt mit uncharakteristischem Selbstbewusstsein fest, „Sobald ich Präsident bin, . . .“

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06.10.2016, 06:00 Uhr

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