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Kabinett

Wird er jetzt diplomatisch?

Sigmar Gabriel ist neuer Außenminister. Die Erwartungen sind groß, die Sorgen nicht minder.

28.01.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Viel Eingewöhnungszeit bleibt Sigmar Gabriel nicht. Schon heute geht es zum Antrittsbesuch nach Paris, am 6. Februar treffen sich die EU-Außenminister in Brüssel, zehn Tage später empfängt der Genosse als Vorsitzender seine G-20-Kollegen in Bonn, vielleicht auch den neuen US-Außenminister Rex Tillerson, anschließend geht es zur Münchner Sicherheitskonferenz. Beim Stabwechsel im Auswärtigen Amt wurde Gabriel, begleitet von Frau Anke und Tochter Marie (4), gestern Zeuge der außerordentlichen Wertschätzung seines Vorgängers – die nahezu vollzählig versammelten Mitarbeiter verabschiedeten Frank-Walter Steinmeier im proppenvollen Weltsaal mit minutenlangem Beifall. Sichtlich gerührt sagte der designierte Bundespräsident: „Ihr seid ein großartiger Laden, ich werde Euch vermissen.“

Ob der Nachfolger es schafft, sich ähnlich große Zuneigung und Anerkennung zu erwerben? Viele trauen dem neuen Mann an der Spitze des Amtes den dafür erforderlichen Mentalitätswechsel nicht zu. Steinmeier, der Gabriel seit Jahrzehnten aus nächster Nähe kennt, riet dem impulsiven SPD-Boss unverblümt: „Du musst jetzt diplomatischer werden.“ Und Jürgen Chrobog, Ex-Staatssekretär im Außenministerium, warnt: „Gabriel muss aufpassen, sonst bekommt er Ärger mit Leuten und Ländern.“ Auch der Koalitionspartner blickt skeptisch auf das künftige Regime des Steinmeier-Nachfolgers. Jürgen Hardt, Außenexperte der Union, spöttelt: „Der Vizekanzler ist mit allen Wassern gewaschen, aber seine diplomatischen Fähigkeiten sind uns bisher verborgen geblieben.“

„Ausgewiesener Problembär“

Einige Berufsdiplomaten im Ministerium waren regelrecht entsetzt über den Amtswechsel des „unberechenbaren Polterers“. Während Steinmeier ein bedächtiger Konfliktlöser sei, komme mit Gabriel jetzt ein „ausgewiesener Problembär“, heißt es im AA. Der Neue werde versuchen, mit der Außenpolitik Punkte zu sammeln – persönliche Sympathiewerte wie Vorteile für seine Partei. Das könne angesichts der schwierigen Weltlage – ein Populist im Weißen Haus, Autokraten im Kreml und in der Türkei – ins Auge gehen. Schon als Wirtschaftsminister trat Gabriel im Ausland in manches Fettnäpfchen.

Hinzu kommt sein selten tadelloses Betragen. So bricht Gabriel schon mal Interviews abrupt ab, wenn ihm Fragen oder Fragesteller nicht passen, auch erscheint er aus keineswegs immer überzeugenden Gründen kurzfristig nicht zu lange vereinbarten Terminen. Vor so viel Unkalkulierbarkeit graut es jetzt Gabriels neuem Umfeld im Auswärtigen Amt. Diese Sorgen versuchte der frisch gebackene Hausherr vor der Belegschaft gewohnt flapsig zu zerstreuen: „Man kann sich an alles gewöhnen, und ich bin nicht halb so schlimm, wie geschrieben wird.“ Gunther Hartwig

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28.01.2017, 06:00 Uhr

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