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Erstmal kein Bioenergiedorf

Wirtschaftlich (noch) nicht vetretbar: Stockach will neue Entwicklungen abwarten

Es wird vorerst nichts mit dem Traum vom Bioenergiedorf in Stockach: Die Energiepreise lägen so hoch, dass sich nicht genügend Kunden fänden, erfuhren Ortschafts- und Gemeinderäte am Dienstag. Das „Aus“ ist ein vorläufiges.

15.11.2012
  • Gabi Schweizer

Stockach. „Das Mauenheim war so verführerisch. Ich dachte, vielleicht blauäugig: ,Wenn’s bei denen funktioniert, muss es bei uns auch klappen!‘“ Ortsvorsteher Wolfgang Braun war sichtlich desillusioniert, als er – nach langer nichtöffentlicher Debatte – das vorläufige Ende des Bioenergiedorfs auch öffentlich für Besucher und Presse kommentierte. Allerdings befand er sich in guter Gesellschaft: „Mir ging es auch so“, gestand Bürgermeister Steffen Heß.

Drei Jahre ist es her, dass Ralf Keller, einer der Initiatoren des Bioenergiedorfs Mauenheim, in einer Ortschaftsratssitzung voller Begeisterung von seinem Projekt erzählte. Allerdings hatten Keller und seine Mitstreiter damals einen ganz entschiedenen Vorteil: Es gab reichlich Fördergelder für Kraft-Wärme-Kopplung bei Biogasanlagen – und diese sind in den meisten Ortschaften, die sich zum Bioenergiedorf weiterentwickeln, ohnehin schon da.

In Stockach hätte man erst eine bauen müssen. Prinzipiell kein Problem – Landwirt Martin Junger, der auch Mitglied im Ortschaftsrat ist, hatte sich dazu bereiterklärt. Im März 2011 allerdings stockte das Projekt: Es war klar, dass das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) novelliert würde. Auf Grundlage der neuen Zahlen berechnete Junger, was eine Biogasanlage ihn kosten würde – zusätzlich hätte er einen Spitzenlastkessel bauen und betreiben müssen. Sein Schluss: Die Investition sei im Moment nicht zu rechtfertigen.

Für die Nahwärmeleitung und die Wärmeverteilung an die Kunden wäre die Reutlinger Firma Fair-Energie zuständig gewesen. Die rechnete auch, ließ ihre Zahlen nochmal von der Klima- und Energieschutzagentur Baden-Württemberg prüfen. Aber so sehr die Fachleute auch rechneten: Der Wärmepreis war deutlich höher als bei konventionellen Ölheizungen. Und so befürchtet die Reutlinger Firma, dass es schlicht nicht mehr genügend Bürger gibt, die mitmachen würden. Grundsätzlich hatten sie in Kooperation mit dem Unternehmen Clean Energy gut die Hälfte der Stockacher überzeugt – aber die damals Befragten gingen nicht von höheren Kosten aus.

Wenn das Bioenergiedorf endgültig keine Option mehr ist, möchten die Stockacher von der Fair-Energie prüfen lassen, ob eine Erdgasleitung Sinn macht. Davor allerdings wollen sie zwei Jahre abwarten, wie sich die Energiepreise und die Förderungen weiterentwickeln. „Es kann ja sein, der Ölpreis schnellt auf zwei Euro hoch“, meinte Norbert Betz von Fair Energie. „Es wäre ein schönes Aushängeschild gewesen“, bedauerte Steffen Heß: „Ich denke, es ist gut, dass wir die Sache nicht abschließend auf die Seite schieben. Wir warten die Bundestagswahl noch ab.“

Wirtschaftlich (noch) nicht vetretbar: Stockach will neue Entwicklungen abwarten
Klein, kompakt, von Wald und Feldern umgeben: So sah Stockach im Juni 2011 aus. Dieses Bild hat sich seither nicht wesentlich geändert, auch wenn im Neubaugebiet Kreuzäcker mittlerweile mehr als eine hufeisenförmige Straße zu sehen ist. Das ideale Bioenergiedorf, dachten viele. Aber es klappt nicht so, wie es soll.

Ein Ort darf sich Bioenergiedorf nennen, wenn er ebenso viel Strom erzeugt, wie er verbraucht, und die Hälfte seines Wärmebedarfs. Dies gelingt insbesondere bei kleinen, ländlich geprägten Gemeinden. Denn eine wesentliche Grundvoraussetzung sind Rohstoffe und ein Landwirt (oder mehrere), der eine Biogasanlage betreibt. Ein solches Bioenergiedorf ist nur realisierbar, wenn mindestens die Hälfte der Haushalte mitmacht. Und das wiederum ist nur realistisch, wenn der Energiepreis unter jenem liegt, den sie für eine konventionelle Heizung bezahlen würden. Aussagekräftige Vergleichswerte gibt es übrigens nur, wenn auch die Kosten für einen Heizkessel und dessen Wartung einbezogen werden (auf diesen können die Bürger dann verzichten). Laut Berechnung der Fair-Energie hätte die Kilowattstunde in Stockach allerhöchstens 15,3 Cent kosten dürfen. Mit 13 Cent hatte sie zunächst gerechnet – nach der Novellierung des Erneuerbare Energien-Gesetzes jedoch lag der Preis bei rund 19 Cent.

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15.11.2012, 12:00 Uhr

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