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Wirtschaftsforum zeichnet Afrika als Kontinent der ungenutzten Chancen

Liegt es nun an übertriebener Vorsicht oder an zu viel Eigenwillen, dass deutsche Unternehmen nicht so viel in Afrika investieren? Auch dieser Frage ging am Rande des Afrika-Festivals ein hochrangig besetztes Wirtschaftsforum nach.

18.07.2014
  • Mario Beisswenger

Tübingen. Das Bild war fast leuchtend, das auf dem Afrika-Wirtschaftsforum über die Möglichkeiten des Kontinents gezeichnet wurde. Der Verein Afrikaktiv, der auch das Afrika-Festival organisiert, hatte sich nun schon zum dritten Mal mit der Industrie- und Handelskammer zusammengetan, um neben Kunst und Kultur auch die Ökonomie zu fördern.

Dazu luden die Initiatoren ins Zelt auf dem Tübinger Festplatz am Freitagnachmittag gehörig viel Prominenz ein: Günter Nooke, Afrika-Beauftragter der Kanzlerin, Hans-Joachim Fuchtel, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, eine Reihe von afrikanischen Botschaftern sowie Unternehmensberater und in Afrika tätige Unternehmen.

Christian Erbe begann als Präsident der IHK Reutlingen mit dem Aufzählen der Vorzüge des Kontinents: „Die maßgeblichen Potenziale sind die Ressourcen, die wir nicht haben.“ Da sei vor allem die junge Bevölkerung, die einen Ausgleich schaffen könne zu alternden Gesellschaften, dazu der wachsende Mittelstand und natürlich die Rohstoffe. Fuchtel wies darauf hin, dass unter den zehn wachstumsstärksten Ländern der Erde sechs in Afrika liegen.

Marcel van Eck von der Beratungsfirma Ernst & Young strich heraus, dass die südlich der Sahara gelegenen Länder Afrikas zusammen klar bessere Wirtschaftsdaten hätten als die nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainer. „Nur diejenigen, die nicht in Afrika unterwegs sind, sind verhalten in ihren Prognosen.“

Joachim Fuchtel bekannte sich offen dazu, gerne über das Positive zu reden. Denn: „Das Schlechte spricht sich schnell herum. Über die guten Dinge erfährt man zu wenig.“ Er zog aber immerhin, wenn auch vorsichtig, eine Linie zur Flüchtlingswelle aus Afrika. „Wir müssen die Kette aus Hunger, Krieg und Flucht durchbrechen“, meinte er. Es komme beim Blick nach Afrika darauf an, was man sieht: „Sind das Partner, Lieferanten oder Flüchtlingsströme.“

Auch Günter Nooke war nicht nur euphorisch und kritisierte eine nur auf reinen Export ausgerichtete Wirtschaft. Es sei nicht sonderlich innovativ, in Lagos einen Porsche zu verkaufen: „Wir müssen lernen mit Armen ein verantwortliches Geschäft zu machen. Das ist das innovativ Anspruchsvolle.“

Klartext redete bei der Talkrunde der afrikanischen Botschafter Akua Sena Dansua, die Ghana in Deutschland vertritt. „Qualitätsprodukte aus Deutschland kaufen wir sehr gerne.“ Wichtiger wäre ihr aber, die gute Infrastruktur ihres Landes wahrzunehmen, die stabilen Verhältnisse und die Zentralität, weil Ghana gleich weit von Europa, dem Mittleren Osten und Südafrika entfernt ist. Sie lud deshalb Unternehmen ein, nicht nur zu verkaufen: „Bauen sie Fertigung auf, transferieren sie Technologie, schließen sie sich mit lokalen Unternehmen zusammen.“

Warum das die deutschen Betriebe, gerade kleine oder mittlere, doch nicht in so großer Zahl tun, erklärte Reinhard Buchholz, früher deutscher Botschafter in acht afrikanischen Ländern: „Deutsche Unternehmer sind es gewohnt, alles selbst zu erledigen.“ Französische oder amerikanische Firmen hingegen verließen sich auf die Unterstützung durch Regierungsstellen oder Organisationen. Aus seiner Erfahrung als Berater wisse er, dass ihn deutsche Firmen nur im Notfall um Rat fragen.

Diese Einschätzung deckte sich allerdings nicht mit der Analyse des kamerunischen Botschafters Jean-Marc Mpay. Er betonte, sein Land sei offen für jede Art von Investition. Deutschland habe noch einen guten Ruf aus der kurzen Kolonialzeit, aber deutsche Unternehmer hätten ein Problem: „Sie fürchten sich zu sehr.“

Wirtschaftsforum zeichnet Afrika als Kontinent der ungenutzten Chancen
Beim Afrika-Wirtschaftsforum auf dem Tübinger Festplatz war gestern viel Prominenz zu sehen – in der ersten Reihe von links: der tansanische Botschafter Christopher H. Mvula, die Botschafterin Akua Sena Dansua aus Ghana und Mpay Jean Marc, der Botschafter aus Kamerun. Bild: Faden

Zwei Unternehmen aus dem Kreis Tübingen stellten sich auf dem Afrika-Wirtschaftsforum mit ihrem Engagement auf diesem Kontinent vor. Christian Erbe, der als IHK-Präsident das Treffen eröffnete, ist mit seiner Medizintechnik-Firma in Ghana, Burkina Faso und Angola präsent. Allzu viel Geschäft mache das Unternehmen dort zwar nicht – „aber wir bleiben da.“ Langfristig rechnet Erbe mit einem wachsenden Markt. Firmen müssten für Schulungen bleiben, nicht nur Produkte verkaufen wollen, war sein Tipp. David Hain sprach für seine in Nehren ansässige Firma Hain Lifesciences. Die entwickelt vor allem Testsysteme, mit denen sich Bakterien oder Viren nachweisen lassen. In Kenia und Süd afrika hat Hain Repräsentanzen. In Südafrika hat er auch zusammen mit einem örtlichen Investor eine Produktion aufgebaut. Das basierte auf einer gesetzlichen Vorgabe und der Überlegung: „Die Leute in Südafrika kaufen lieber südafrikanische Produkte.“ Außerdem spare das die teure Luftfracht.

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18.07.2014, 12:00 Uhr

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