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"So wichtig wie die Dampfmaschine"

Wirtschaftshistoriker Jörg Baten: Digitalisierung könnte frühere Umwälzungen in Schatten stellen

Wirtschaftshistoriker arbeiten die großen Entwicklungen heraus, welche die Wirtschaft bestimmen. Der Tübinger Professor Jörg Baten begründet, warum die Digitalisierung zweifelsohne mit dazu gehört.

14.11.2015
  • HELMUT SCHNEIDER

Herr Professor Baten, die Digitalisierung wird in wirtschaftlicher Bedeutung fast mit der Erfindung der Dampfmaschine oder des elektrischen Stroms gleichgesetzt. Übertreiben wir da nicht ein bisschen?

JÖRG BATEN: Wir können momentan nicht genau sagen, was für Gesamteffekte die Digitalisierung hat. Aber das Potenzial einer viel umfassenderen Revolution, die die anderen Umwälzungen in den Schatten stellen könnte, ist da. Die Digitalisierung ist dabei, unser Leben in allen Bereichen zu verändern. Wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie sich die Wirtschaft entwickelt, wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen, sogar unsere Partnerwahl oder die Familienplanung - das alles wird aktuell neu bewertet, neu geordnet, von der Digitalisierung direkt oder indirekt beeinflusst.

Digitalisierung ist zunächst nur Datenaustausch. Damit allein kann kein Laib Brot und kein Liter Wasser mehr produziert werden.

BATEN: In der Industrie liegen die besonderen Stärken der Digitalisierung tatsächlich weniger auf der Steigerung des Produktionsvolumens, sondern in der Optimierung der Produktionsabläufe, zum Beispiel durch weniger Vergeudung. Nach wie vor verderben enorme Mengen an Lebensmitteln und anderen Gütern. Durch die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung von unterschiedlichen Bereichen wird es möglich sein, die Produktion auch in bisher ärmeren Ländern besser zu koordinieren, so dass die Energie, die Arbeit und andere Inputs nicht verschwendet werden. Die Ausbildung dafür kann zum Teil in Online-Kursen erworben werden. Ich halte diese Umwälzung auch deshalb für so bedeutsam, weil die ökologischen Herausforderungen den sparsamen Umgang mit allen Ressourcen notwendig machen.

Die Welt wird damit ökologischer und gerechter?

BATEN: Die Digitalisierung reduziert drastisch das Problem der Verschwendung, weil Informationen leicht transportiert werden können. Wenn irgendwo in der Welt Getreide gerade zu verrotten droht, kann diese Ressourcenvernichtung mit Hilfe der Digitalisierung verhindert werden. Es spielen mehrere Effekte eine Rolle. Die Dampfmaschine, die Sie erwähnen, bewirkte natürlich eine Erhöhung der Produktion in Westeuropa, aber sie bewirkte vor allem auch eine weltweite Umverteilung. Indien und China, die vor dem 19. Jahrhundert auf den Exportmärkten für Textilien wichtig waren, verloren ihre Stellung und fielen im Lebensstandard deutlich zurück.

Daran ist die Dampfmaschine aber nicht schuld?

BATEN: Natürlich nicht. Wesentlich war die vorangegangene Bildungsrevolution in Europa, vor allem im Umgang mit Zahlen. Zwischen 1500 und 1800 stieg der Anteil der Westeuropäer, die einfache Zahlenoperationen durchführen konnten, von unter 50 Prozent auf über 90 Prozent der Bevölkerung.

Bei der Digitalisierung wird Bildung keine geringere Rolle spielen?

BATEN: Das Bildungsniveau der Menschen ist hier ganz wichtig. Umgekehrt kann auch die in der Geschichte bisher nie da gewesene Verfügbarkeit von Informationen die Bildungschancen der Menschen verbessern - auch weil es schlichtweg für den Einzelnen notwendig ist, digitale Fähigkeiten zu erwerben. Andererseits sind natürlich auch die Anforderungen an den Datenschutz enorm, weil Informationen so leicht missbraucht werden können.

Wie verändern sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, wenn alle möglichen und unmöglichen Nachrichten sekundenschnell auf der Welt verbreitet werden können?

BATEN: Die Wirkung auf Politik und Gesellschaft sind entscheidend. Leider sind sie aber auch besonders zweischneidig. Beim "Arabischen Frühling" zum Beispiel hofften viele, dass die Digitalisierung dem demokratischen Aufschwung hilft und letztlich auch wirtschaftliche Verbesserungen beim Lebensstandard nach sich ziehen kann. Aber das Internet diente auch den Gegnern einer solchen Entwicklung. Jede Umwälzung führt dazu, dass sich einige Gruppen als Verlierer empfinden. Die weltweite Verfügbarkeit von Bildern und Informationen kann dazu führen, dass die Frustrationsgefühle der sich als benachteiligt empfindenden Menschen hoch kochen und kriegerische Konsequenzen nach sich ziehen. Genauso gut kann sie aber auch positive, neue Perspektiven eröffnen. Welche Reaktionen überwiegen werden, wird erst die Zukunft zeigen.

Wiederum ganz naiv: Google und Facebook verdienen Milliarden mit Werbung. Außer Daten produzieren beide aber keine realen Werte. Auch Amazon hat lediglich die Verteilung von Gütern perfektioniert.

BATEN: Die Produktion von materiellen Gütern und immateriellen Dienstleistungen sind beide geeignet, menschliches Wohlbefinden zu erhöhen. In unserer Volkswirtschaft können sich heute die meisten Bürger mit den notwendigsten materiellen Basisgütern versorgen, wobei Wohnraum noch am häufigsten ein Problem darstellt. Ich finde es spannend, wie sich die Digitalisierung in diesem Bereich auswirkt, zum Beispiel über Wohnungsangebote im Internet (also Mitwohnzentralen, Airbnb und ähnliche Angebote). Dies führt dazu, dass materielle Güter in der Zukunft wahrscheinlich noch effizienter genutzt werden können. Nicht nur beim Wohnen: Sogar Obstbäume werden ja teilweise über Internetseiten gemeinsam genutzt, für manche Neckarschwaben eine erlösende Vision.

Werden irgendwann nur noch Roboter produzieren? Geht dann dem Mensch die Arbeit aus?

BATEN: Ganz ohne Menschen wird keine Fabrik funktionieren, aber natürlich werden es immer weniger und meist hochqualifizierte Menschen sein. In der Wirtschaftsgeschichte wurden immer wieder Befürchtungen laut, ob dies fatale Auswirkungen hat. Zwar verschwinden im Laufe der Digitalisierung manche Arbeitsplätze, aber es tun sich auch immer wieder neue Tätigkeitsfelder auf. In den letzten Jahrzehnten beispielsweise im Gesundheitswesen.

Welche Unternehmen oder Länder werden Länder werden die Digitalisierung besonders nutzen? Sehen Sie Deutschland unter ihnen?

BATEN: Die Furcht vor einer "digitalen Inkompetenz" treibt heute viele, nicht nur deutsche Unternehmer um. Sicher sind aber Länder mit einer großen Bildungstradition wie Deutschland besonders geeignet, von der Digitalisierung zu profitieren. Die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft hat bisher deutlich gewonnen. Zum Beispiel wurden sichtbare Fortschritte beim Umbau der Energieversorgung erreicht. Das digitale Management von Windparks und Sonnenkraftanlagen könnte zu einem Exportschlager werden.

Und wie ist die Lage in Baden-Württemberg mit seinen traditionellen Industriezweigen?

BATEN: Die Produktion von Computerchips, Mobiltelefonen und Software mag teilweise in Asien und Nordamerika stattfinden, aber die hiesigen Stärken im Bereich von Sensorik, Messgeräten und deren Kombination mit Maschinen und Automobiltechnik haben von der digitalen Revolution klar profitiert. Die Produktion dieser Branchen scheint recht stabil weiter zu funktionieren.

Wo sehen Sie die größten Risiken?

BATEN: Eine Kernfrage für die Zukunft unserer Exportstärken lautet, ob es im nächsten Jahrzehnt zu einer umfassenden Deglobalisierung kommt. Die erste Phase der Globalisierung im späten 19. Jahrhundert war mit Beginn des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst zu Ende, exportorientierte Länder litten besonders darunter. Die gegenwärtige Zunahme an Gewaltbereitschaft und Abgrenzungsverhalten weltweit könnte so eine zweite Phase der Deglobalisierung einläuten. Ob die digitale Revolution dies dämpft oder im Gegenteil sogar verstärkt, ist schwer zu sagen. Wir stecken mittendrin in der Entwicklung. Es bleibt spannend.

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14.11.2015, 12:00 Uhr

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