Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ungleich ärmer und reicher

Wirtschaftswissenschaftler Martin Biewen belegte die wachsende Einkommens-Schere mit Zahlen

Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und im Steuersystem sind die Hauptursachen der wachsenden Ungleichheit in Deutschland, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Martin Biewen. Die Umstellung auf Hartz IV dagegen habe sich kaum ausgewirkt.

18.10.2012
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Fast 200 Zuhörer kamen am Vorabend des Weltarmutstages zum Auftakt der Studium-Generale-Reihe „Armuts(selbst)zeugnisse“ in den Kupferbau. Der Vortragstitel des Tübinger Wirtschaftswissenschaftlers Martin Biewen versprach sachliche Grundlageninformation: „Armut und Ungleichheit in Deutschland. Was sagt die ökonomische Analyse?“

Der Statistikprofessor am Tübinger Wirtschaftswissenschaftlichen Seminar befeuerte die Zuhörer denn auch mit Zahlen, Kurven und Excel-Tabellen, die allerdings allesamt ein Handicap hatten: Die Zahlen reichten größtenteils lediglich bis ins Jahr 2007. Wer sich Einsichten in aktuelle Entwicklungen und die Folgen der derzeitigen Krise erhofft hatte, wurde enttäuscht. „Das ist eben so“, sagte Biewen – die Wissenschaft sei auf Erhebungen und Datensätze angewiesen. Bis diese gesammelt und veröffentlicht werden, daure es ein paar Jahre.

Im Mittelpunkt seiner Analyse standen die Jahre 1999 bis 2006. Dort dokumentiert eine jüngst von Biewen und seinem Kollegen Andos Juhasz veröffentliche Studie deutliche Veränderungen in der Einkommensverteilung. Die Studie belegt, dass in dieser Zeit die Einkommensschere sichtbar auseinanderging. Und die Autoren benennen auch Gründe dafür.

Hauptursache sind für Biewen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt: Technologische Fortschritte hätten dazu geführt, dass Arbeitsplätze vor allem für Geringqualifizierte rarer wurden. Die wachsende Arbeitslosigkeit in den Krisenjahren seit 2000 habe sich hauptsächlich auf die unteren Einkommensgruppen ausgewirkt („Qualifikationsschere“).

Dieser Effekt wurde auch nicht gemildert, als die Arbeitslosigkeit wieder sank. Ein Grund dafür ist laut Biewen die Veränderung bei den Beschäftigungsverhältnissen: Vollzeitbeschäftigungen wurden seltener, Teilzeit-Anstellungen nahmen ebenso zu wie prekäre Beschäftigungsverhältnisse: Minijobs, befristete Verträge und Arbeitsverhältnisse mit Löhnen, von denen man nicht leben kann.

Sichtbar im statistischen Material waren auch die Folgen der Steuerreform des Jahrs 2000 und der Senkung des Spitzensteuersatzes von 53 auf 42 Prozent, die „merkwürdigerweise von einer rot-grünen Regierung“ verantwortet worden sei.

Die nicht ganz neue These, dass diese Steuerpolitik die Reichen reicher gemacht hat, wurde gestern in den Schaubildern belegt. Bis zu 25 Prozent der wachsenden Ungleichheit sei auf die Steuerpolitik zurückzuführen, so der Statistiker. Dagegen widersprach Biewen der ebenfalls häufig geäußerten These, dass die Einführung der Hartz IV-Gesetze die Armut gesteigert habe. Die Zahlen würden das nicht belegen, im Gegenteil: Es habe bei den Hartz IV -Gesetzen auch Gewinner gegeben. Es seien mehr Menschen berechtigt gewesen, diese Sozialleistung zu beziehen.

Zudem betonte Biewen: Der Armutsbegriff, wie er meist verwendet werde, sei relativ. Die Armutsgrenze wird bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens aller Deutschen angesetzt. Danach liege die Armutsgrenze derzeit bei einem Einkommen von 881 Euro, die Armutsquote, also der Anteil der Betroffenen, bei 14 Prozent. Biewen: „Wenn man aber alle Einkommen verdoppeln würde, wäre immer noch der gleiche Prozentsatz an Menschen arm.“ Dazu würden vermutlich auch die meisten Studenten zählen.

Wirtschaftswissenschaftler Martin Biewen belegte die wachsende Einkommens-Schere mit Zahlen
Der Ökonom Martin Biewen veröffentlichte eine Studie über Armut und Ungleichheit in Deutschland. Archivbild: Metz

Wirtschaftswissenschaftler Martin Biewen belegte die wachsende Einkommens-Schere mit Zahlen

Eine Studium-Generale-Reihe im Wintersemester widmet sich dem Thema Armut: „Was wissen die Wissenschaften von der Armut der Armen – und was wissen sie von deren Sicht der Dinge?“, so der Untertitel der Reihe. An den folgenden Terminen geht es unter anderem um „Soziale Ungleichheit im Bildungssystem“ (23. Oktober), um „Armutsrisiken am Arbeitsmarkt“ (6. November) , die „Lebenswelt der Armut“ (27. November) oder das Thema „Macht Armut krank?“ Die Vorlesungen, die vom katholischen Sozialethiker Prof. Matthias Möhring-Hesse organisiert wurden, sind immer dienstags, 18.15 Uhr, in Hörsaal 22, Kupferbau, Hölderlinstraße 5.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.10.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball