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Banner der Universitätsstadt deutlich älter als gedacht

Wissenschaft hat festgestellt: Stadtfahne ist eine Sensation

Die Tübinger Stadtfahne hat eine weitaus bewegtere Vergangenheit als bisher bekannt: Nach neuesten Untersuchungen ist sie nicht 500 Jahre alt, sondern in Teilen nochmal 400 Jahre älter. Somit stammt nicht aus der Zeit des Tübinger Vertrags, sondern wahrscheinlich aus dem 12. oder gar dem 11. Jahrhundert.

04.07.2014
  • Wilhelm Triebold

Tübinger. Erst im Februar wartete der Tübinger Stadtarchivar Udo Rauch mit einer Entdeckung auf: Die verschollen geglaubte Stadtfahne, die Herzog Ulrich seinen getreuen Tübinger Vasallen noch auf dem Schorndorfer Schlachtfeld nach dem Sieg über den „Armen Konrad“ zusprach, war dank Rauchs kriminalistischem Gespür aus den Tiefen des Stadtmuseum-Depots wieder aufgetaucht, wo es mit der Eingangsverzeichnis-Nummer 2058 unerkannt in einem Schrank schlummerte. „Wie in Dan Bowns Da-Vinci-Code“, so der Archivar, hatte er die Fährte zur Fahne aufgenommen und sie schließlich (das TAGBLATT berichtete) zweifelsfrei identifiziert.

Was Rauch damals nicht ahnte: Die Stadtfahne wurde von den Tübingern offenbar schon im Hochmittelalter hochgehalten, also seit den Zeiten des Pfalzgrafen Hugo. Boris Palmer darf als Urheber des überraschenden Befundes gelten. Der Oberbürgermeister hatte „den richtigen Riecher“, als er das tuchene Stadtwappen mit den beiden gereckten Söldner-Armen samt Hirschhorn-Trophäe einmal genauer in Augenschein nahm.

Da erinnerte sich der Mathematiker in Palmer an eine Untersuchungspraxis, an die chemische C14- oder Radiocarbon-Methode, die zuvor schon das sagenhafte Turiner Grabtuch des toten Jesus als Fälschung aus dem 13. Jahrhundert entlarvte. Diese Kohlenstoff-Analyse einer Stuttgarter Firma ergab, dass die Tübinger Bauernkriegs-Devotionalie sogar deutlich mehr Jahre auf der Stoffbahn hat als die weltberühmte Reliquie in Turin. „Plus minus elfhundert“ – so verortet Udo Rauch jetzt zumindest Teile des Tübinger Fahnentuchs zeitlich.

Ebenfalls untersucht wurden Farbpigmente: Sie stammen aus der Zeit nach 1640. Rauch: „Die Fahne ist immer wieder übermalt worden.“ So halt auch nach Herzog Ulrichs Sieg über die aufmüpfigen Remstalbauern vor 500 Jahren. Neben dem „Tübinger Vertrag“ sprang speziell für das Tübinger Fähnlein die „vermehrte“ (also aufgewertete) Stadtfahne als Insigne des Triumphs heraus. Das erfüllte die Mannen aus Tübingen mit so viel Stolz, dass sie noch im Remstal einen Händel mit Stuttgarter Kämpfern anfingen, wer denn nun mit seiner Fahne vorneweg abmarschieren dürfe.

Rauch zeigt sich „überrascht, wie bedeutungsaufgeladen die Fahne immer war.“ Sie stand für Macht, Entschlossenheit, Zusammenhalt, für „die Aura“ der Stadt. Sogar wenn man zu Felde zog: Das gute Stück musste mit. „Mit Doubletten“, so Rauch, „hat man nicht gearbeitet.“ Das würde allerdings erklären, warum Tübingens bestes Stück gleich zur Hand war, als Herzog Ulrich seine tapferen Tübinger auszeichnen wollte und den adelnden Hirschhorn-Zusatz umgehend auf das bestehende Tuch sticken ließ.

Triumph und Trophäe

Zugleich wurde, davon ist der Stadtarchivar überzeugt, besonders aufmerksam mit der Fahne umgegangen. „Sie muss über Jahrhunderte sorgfältig aufbewahrt worden sein“, glaubt Rauch, das teure Tuch „war sicherlich nicht das Bettlaken von Pfalzgraf Hugo.“ Für die Tübinger könnte es eine vergleichbare Bedeutung gehabt haben wie andernorts die Reichs-Insignien, etwa der Krönungsmantel in der Wiener Hofkammer. „Nur Stoffe von herausragender Bedeutung hatten die Chance, dieses Alter zu erreichen.“

Über den langjährigen Standort der ehrwürdigen Stadtfahne kann indessen nur gemutmaßt werden. Rauch tippt auf die Georgskirche, die jetzige Stiftskirche, die etwa zur gleichen Zeit entstand. „Ein stabiles Gehäuse, und trocken – und somit geeignet, die Fahne über die Jahrhunderte zu bringen.“

Zumindest im 18. und 19. Jahrhundert hing sie dort deutlich sichtbar in der Grablege, und zwar über Herzog Ulrichs Grabmal. Danach verlor sich ihre Spur, bis Rauch heraus bekam, dass die Stadtgarde zu Pferde das Original in den 1950er-Jahren gegen ein frisches Duplikat eintauschte. Der Rest ist Geschichte – auch die eines Irrtums, denn sowohl das Stadtmuseum als auch die Macher der aktuellen Kunsthallen-Ausstellung zum „Tübinger Vertrag“ beurteilten die Depot-Trouvaille wohl etwas zu (fahnen)flüchtig, um ihren Wert zu ermessen. Man hielt sie eher für eine abgenutzte Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert.

Damit ist es jetzt vorbei. Sie sei eine „Sensation“, vermeldet Palmer: Das mit Abstand älteste Fahnentuch in Südwestdeutschland, vermutlich im Kern die älteste württembergische Fahne und schließlich eines der wenigen Fahnentücher weltweit, die aus der Zeit des Hochmittelalters erhalten geblieben sind.

Weitere Untersuchungen sollen sich anschließen. Außerdem, sagt Palmer, kann sie vielleicht noch nachträglich die (schlecht) laufende Kunsthallen-Ausstellung veredeln.

Info: Wer die Fahne zuvor sehen möchte, hat dazu am nächsten Samstag, 12. Juli („Langer Samstag des Tübinger Vertrags“) im Stadtmuseum Gelegenheit.

gsiehe Seite weiter hinten im Blatt

Wissenschaft hat festgestellt: Stadtfahne ist eine Sensation
1511 steht drauf, 1514 wurde vermutet, „plus minus elfhundert“(Udo Rauch) kommt heraus: Die Tübinger Stadtfahne, gesäumt von OB Boris Palmer, Stadtmuseumschefin Wiebke Ratzeburg, Stadtarchivar Rauch und Kulturamtsleiterin Daniela Rathe. Bild: Sommer

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04.07.2014, 12:00 Uhr

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