Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Geht es ohne Mäuse?

Wissenschaftler diskutieren Für und Wider von Tierversuchen in der Forschung

Viele Tierversuche in der Medizin sind unnötig, sagt der Konstanzer Forscher Marcel Leist. An der Uni Ulm erntet er mit dieser These Widerspruch: Grundlagenforschung ohne Maus und Co. sei unmöglich.

05.11.2015
  • CHRISTOPH MAYER

Ulm Tierversuche finden die meisten Menschen entsetzlich. Man hat vielleicht Bilder von gefesselten Affen mit Elektroden am Kopf oder von Hasen mit abgezogenem Fell vor Augen. Doch seit den 1980er Jahren sind Tierversuche in der industriellen Forschung, auch dank strengerer Tierschutzgesetze, um mehr als 90 Prozent zurückgegangen.

Anders in der Medizin: Millionen von Mäusen und Ratten werden Jahr für Jahr zu Forschungszwecken geopfert, bekommen Krebszellen eingepflanzt oder werden - besonders scheußliches Beispiel - mit Eisengewichten platt gemacht, um ein Polytrauma zu simulieren. Tierversuche geschehen nicht an anonymen Orten, sondern auch in Baden-Württemberg, etwa auf dem Oberen Eselsberg in Ulm.

Die medizinische Forschung ist ein Pfund, mit dem die Uni Ulm wuchert. Sie hält sich sogar ein Tierforschungszentrum. Muss das sein? Die meisten Forscher mögen diese Frage bejahen, nicht aber Marcel Leist. Der Wissenschaftler der Uni Konstanz ist Inhaber eines Stiftungslehrstuhls für "Alternativen zu Tierversuchen". Dass die Medizinische Fakultät der Uni Ulm ihn - und obendrein die Landestierschutzbeauftragte Cornelie Jäger - zu einer Podiumsdiskussion eingeladen hatte, ist da fast schon mutig zu nennen. "Bitte keinen polemischen Schlagabtausch", erbat sich der Kinderonkologe Christian Beltinger als Initiator vor Beginn der Diskussion und gestand ein, "etwas Angst" vor der Veranstaltung zu haben.

Leist, selbst Mediziner mit Forschungserfahrung, ist kein strikter Tierversuchsgegner. Doch er vertritt die Überzeugung: Viele Experimente sind verzichtbar. So würden für wissenschaftliche Veröffentlichungen oft Tierversuche verlangt. "Sonst wird gar nicht erst publiziert." Ergo hängten Mediziner einen sinnlosen Tierversuch an ihre Studie dran. Denn Karriere macht nur, wer viel publiziert.

Freilich streifte Leist auch ethische Aspekte. Vor allem aber wollte er aufzeigen, dass der Nutzen von Tierversuchen vielfach geringer sei als angenommen, da eine Übertragbarkeit der Ergebnisse vom Tier auf den Menschen oft nicht gegeben sei. Dem stellte er In-vitro-Forschungen an künstlich erzeugten Lymphknoten gegenüber. Ein neues Alzheimer-Medikament "wäre nie auf den Markt gekommen, wenn man es an Ratten erprobt hätte. Denn die werden davon dumm."

Vereinter Widerspruch kam da von der Ulmer Medizinerschaft. Beltinger kritisierte die von Leist genannten Beispiele, die fast ausnahmslos aus der Medikamentenforschung stammten. In Ulm betreibe man aber vor allem biomedizinische Grundlagenforschung - und da seien Tierversuche unverzichtbar.

Beltinger, der vor allem kindliche Leukämiepatienten behandelt, berichtete von Labormäusen, die Leukämien von mehr als 100 seiner kleinen Patienten in sich tragen. "Das gibt uns die Möglichkeit spezifisch zu schauen, welche Medikamente wirken - am echten Tumor eines jedes einzelnen Kindes." Alternativen dazu gebe es bisher nicht.

Das sieht auch Klaus-Michael Debatin so, der Leist "Ideologisierung" vorwarf. "Ohne Tierversuche wüssten wir wenig über Krebsgene", sagte der Ärztliche Direktor der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Jeder Forscher wäge ab, ob ein Tierversuch sein müsse, ergänzte Thomas Wirth, Dekan der Medizinischen Fakultät. "Aber die Funktion eines Gens für einen Organismus kann man nur am Tiermodell klären."

Für Leist dagegen werden übergeordnete Fragestellungen vom Gros der Mediziner zu oft ignoriert. "Sie stecken alle in ihrem Fachgebiet drin." Schützenhilfe bekam er von der Tierschutzbeauftragten Jäger: In jedem Beruf gebe es so etwas wie Betriebsblindheit - "auch Ärzte sind eben mitunter in ihren eigenen Methoden gefangen", sagte Jäger. Leists Credo für eine weitgehend tierversuchsfreie Medizin sei wohl eher als Plädoyer zu werten, den Blick zu weiten. Oder, wie Leist es abschließend mit einem Zitat des britischen Ökonomen John Maynard Keynes ausdrückte: "Die Schwierigkeit besteht nicht darin, neue Ideen zu entwickeln, sondern den alten zu entfliehen."

Wissenschaftler diskutieren Für und Wider von Tierversuchen in der Forschung
Eine Ulmer Labormaus, die als Forschungsobjekt diente. Mittlerweile ist sie längst im Mäusehimmel - wie viele andere Versuchstiere auch. Foto: Maria Müssig

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball