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Ein Hybrid wie ein Maultier

Wissenschaftler ziehen kontroverse Zwischenbilanz der Exzellenzinitiative

Seit zwei Jahren darf die Uni Tübingen sich mit dem Elite- Etikett schmücken. Ob die sogenannte Exzellenzinitiative eher Vor- oder Nachteile gebracht hat, war beim Professoren- Podium mit Uni-Rektor Bernd Engler im Großen Senat am Mittwochabend umstritten.

10.07.2014
  • Dorothee Hermann

Tübingen. „Vom Nutzen und Nachteil der Eliteuniversität für die Wissenschaft“ lautete frei nach Friedrich Nietzsche das Thema der Debatte vor etwa hundert Interessierten. Eingeladen hatte die Professorenliste „Transparenz und Modernisierung“. Der Medizinethiker Prof. Urban Wiesing moderierte. Die Exzellenzinitiative habe die Einrichtung von Graduiertenschulen und Exzellenzclustern ermöglicht, so Wiesing. „Wie wirkte sie sich auf die Arbeitsbedingungen der Wissenschaftler aus? Wo sind die Gewinner, wo sind die Verlierer?“

Für den Historiker Dieter Lange-wiesche hat der Wettbewerb um die Eliteförderung an den Unis einiges in Bewegung gebracht. „Das ist gut.“ Doch der damit verbundene Geldsegen verdecke ein gravierendes Problem, betonte er: „Eine dramatische Unterfinanzierung der Hochschule(n)“, wie er sie in seiner gesamten Berufszeit nicht erlebt habe. Universitäten verfügten mittlerweile nur noch über kurze Finanzierungszeiträume – mit den entsprechenden Risiken, kritisierte er. „Eine Forschungseinrichtung, die sich zur Elite zählen will, braucht eine verlässliche Förderung“, insistierte der Emeritus für Neuere Geschichte. Ohne eine solche Basis seien Spitzenleistungen nicht möglich.

Der Entwicklungsbiologe Andrei Lupas vom Tübinger Max-Planck-Institut (MPI) sieht hinter dem Konzept der Elite-Unis den Versuch, deutsche Hochschulen „in herausragende Universitäten angelsächsischen Typs zu verwandeln“. Lupas kommt das so vor, als wolle man aus einem in 50 Jahren gewachsenen System „ein Hybrid“ konstruieren. „Ob das so vernünftig ist?“, gab der Direktor des MPI für Entwicklungsbiologie zu bedenken. „Maultiere sind steril“, warnte er. „Man kann nicht A mit B verheiraten und hoffen, dass daraus ein viel leistungsfähigeres C entsteht.“

Das Verhältnis von Grundfinanzierung und Drittmitteln sei aus dem Lot, sagte auch Lupas. In den USA hätten „die Wettbewerber“ auf seiner Ebene vergleichsweise mehr Geld. „Aber sie wissen nicht, ob das in zwei Jahren auch noch so ist.“ Für die Hochschulen sieht er Entscheidungsspielräume bei der Berufungspolitik, denn „die Köpfe“ seien das Wichtigste. „Das ist in den Händen der Universität. Da spielen die Geldgeber eine geringere Rolle.“ Lupas empfahl, den ständigen Druck zur Begutachtung zu lockern: „Es reicht auch alle drei oder alle sechs Jahre.“

Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer beobachtet „eine Zwei-Klassen-Struktur“, die sich über die Elite-Uni herausbilde: Die Ebene, „wo die großen Entscheidungen fallen, und andererseits der teilweise jämmerliche Alltagsbetrieb, in dem die Studierenden zu Pünktchenjägern degradiert sind“. Statt des individuellen Forschungsinteresses dominiere die Frage „Wie viele Punkte gibt es dafür?“ Gesamtgesellschaftlich drohe „die Preisgabe einer gut ausgebildeten Mitte“.

Die Notwendigkeit, Drittmittel einzuwerben, bestehe seit den neunziger Jahren, sagte Uni-Rektor Bernd Engler. Doch es gebe unterschiedliche Fördermöglichkeiten, „von Bund, Land, EU, Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG). „Die DFG hat keinen Cent umgeleitet von der Einzelforschung zur Exzellenzinitiative“, so Engler. Wer kein Geld aus dieser Quelle erhalte, gehe deshalb nicht leer aus. Damit verwahrte sich der Uni-Rektor gegen den Einwand, die Geisteswissenschaften würden abgehängt. Die Exzellenzmittel ermöglichten es, bei Berufungen endlich international mithalten zu können. „In Deutschland gibt es keine Physikerinnen. In Frankreich oder Spanien schon.“

Der Erziehungswissenschaftler Ulrich Trautwein – „Wir haben eine Graduiertenschule für empirische Bildungsforschung eingeworben“ – erkennt auch Nachteile: „Der Abteilung geht es nicht besser.“

Ein Ungleichgewicht zwischen den geförderten Fächern beobachtete der Slawist Tilman Berger, der sich als Zuhörer zu Wort meldete. Deutschlandweit profitierten geisteswissenschaftliche Projekte nur vereinzelt von der Exzellenzinitiative. „Das verändert die Gleichgewichte in den Fakultäten“, sagte er. Wurden die angewandten Wissenschaften bevorzugt, oder haben Sozial- und Geisteswissenschaftler „nur schlechtere Anträge geschrieben“, fragte der Medienwissenschaftler Klaus Sachs-Hombach. Wenn Politik und Gesellschaft nur noch die Disziplinen unterstützten, die unmittelbar einträglich seien, wäre das allerdings eine Richtungsentscheidung.

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10.07.2014, 12:00 Uhr

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