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Wladimir der Wütende
Angela Merkel und Wladimir Putin bei einem ihrer letzten Treffen. Foto: B3055/_Mikhail Metzel
Moskau

Wladimir der Wütende

Wladimir Putin wird heute mit wenig Freude zu den Ukraine-Verhandlungen in Berlin erwartet. Der Kremlchef hat sich zum Angstgegner des Westens gemausert.

19.10.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Ob es nicht doch möglich sei, Russlands Gegensanktionen zu mildern, fragte ein Journalist des Kreml-Pools Wladimir Putin. „Fig im“, antwortete der russische Staatschef leicht grinsend. „Fig im“ ist ein nicht salonfähiger Zweisilber, vorsichtig könnte man ihn „Die können uns mal“ übersetzen, der Kreml strich die Antwort vorsichtshalber aus dem offiziellen Protokoll der Pressekonferenz Putins vom Gipfel der Brics-Staaten in Goa.

Besagter Ausspruch ist nicht die einzige Grobheit, die Russlands starker Mann in jüngster Zeit in Richtung des Westens abgeschossen hat. Seit Wochen bewegt sich Wladimir Putin nicht nur an der Grenze der politischen Korrektheit sondern der Politik überhaupt. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Françoise Hollande und sein ukrainischer Amtskollege Petro Poroschenko erwarten ihn mit wenig Vorfreude in Berlin zu Gesprächen über den festgefahren Friedensprozess in der Ukraine. Putin hat vorher bei den Treffen des „Normandie-Quartetts“ gepokert, gedroht und geblufft. Nächtelang. Und nicht nur dort. Er ist so etwas wie der Angstgegner des Westens geworden. Aber inzwischen schimmern seine Nerven durch – ziemlich blank.

Einerseits scheint Putin die USA, die Nato und die EU zu narren wie ein zauberkräftiger Kobold, ein Tausendsassa, den keine Sanktion bremsen kann. Putins Wörtchen „Ja“ auf die Frage, ob er die Ölförderbeschränkung der Opec unterstützen würde, reichte Anfang September, um den Rohölpreis Anfang September in wenigen Stunden um drei Prozent zu heben. Er amüsiert sich über die Ängste des politischen Establishments der USA, die Attacken russischer Staatshacker könnten die Präsidentschaftswahl manipulieren. Putin piesackt den Westen, gibt ihm immer neue Rätsel auf. Auch, weil er sich selbst oft nicht der Ziele seiner Offensiven gewiss zu sein scheint. Der hybride Einmarsch in der Ostukraine, die Intervention in Syrien, aber auch das jüngste russisch-türkische Pipeline-Projekt wirken improvisiert wie die Schlachtpläne des jungen Napoleons: Erst mal losschlagen und dann schauen, was passiert.

Nur ist Putin nicht der junge Napoleon. Der 63-Jährige zeigt im Clinch mit der westlichen Welt selbst vermehrt Wirkung. Anfang Oktober kündigte er das Abkommen mit den USA über die Vernichtung waffenfähigen Plutoniums. Laut Hillary Clinton geht es um Material für immerhin 17 000 Atomsprengköpfe. Putin kehrt damit in die Zeiten zurück, als atomare Abschreckung und Overkill zum politischen Alltagsvokabular gehörten.

Dazu aber listete er in einem von ihm persönlich in der Staatsduma eingebrachten Gesetzentwurf Bedingungen auf, die die Amerikaner erfüllen müssten, um das Abkommen zu retten. Sie grenzen an Reparationsforderungen: Den Abzug sämtlicher US-Streitkräfte, die nach dem Jahr 2000 in Osteuropa stationiert wurden, die Aussetzung von „unfreundlichen“ Maßnahmen, wie dem Magnitzki-Gesetz von 2012 und dem Gesetz zur Unterstützung der Freiheit der Ukraine von 2014, außerdem Entschädigungen für die Verluste, die Russland durch amerikanischen Ukraine-Sanktionen sowie die russischen Gegensanktionen erlitten habe. „Eher ein Wutschrei als ein Gesetzentwurf“, schreibt die Internetzeitung gazeta.ru.

Putin hat durchaus Ängste. Wie der Moskauer Journalist Michail Sygar in seiner Putin-Biographie „Endspiel“ schreibt, fürchtet der Kremlchef so um seine Gesundheit, dass er niesende Untergebene aus seinem Kabinett jagt. Aber seine Hauptphobie gilt dem Westen.

Im Gegensatz zu Europa und Nordamerika, für das Putins Russland jahrzehntelang nur zweitrangig war, konzentrierte er seine Aufmerksamkeit von Anfang an auf den Westen. Laut Putin „legten „unsere geopolitischen Gegner mit Hand an“ beim Zusammenbruch der Sowjetunion, nutzten diesen danach skrupellos aus, um prowestliche Regime und Antiraketensysteme an der russischen Grenze zu installieren. „Amerika ist immer ein Feind und will Russland vernichten“, formuliert Alexander Baunow vom Moskauer Carnegie-Zentrum das Credo des gelernten KGB-Beamten. Der selbst bemüht gern das Klischee vom russischen Bären, den der Westen erst an die Kette legen wolle, um ihm dann Krallen und Zähne – also seine Atomwaffenarsenal – zu ziehen. „Danach stopft man ihn als Trophäe aus.“

So abgezockt Putin sich gibt, seine innersten Motive sind emotional. Hinter seiner Entschlossenheit gegenüber dem Westen, steht auch sehr persönliche Existenzangst. Putin glaubt, die USA steckten hinter den Rebellen in Tschetschenien, hinter der Maidan-Revolution in der Ukraine, sie finanzierten auch die liberale Opposition in Russland, um ihn mit einer Straßenrevolution zu stürzen. Den juristisch trockenen Ermittlungsbericht der niederländischen Staatsanwälte zum Abschuss der malaysischen Boeing über dem Donbass sieht Putin als Vorbereitung eines Kriegsverbrecherprozesses gegen ihn persönlich, ähnlich wie die westlichen Vorwürfe wegen der russischen Bombardements auf Aleppo.

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19.10.2016, 06:00 Uhr

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