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Fast 200 Jahre lang war die Gastwirtschaft „Boulanger“ im Besitz der Familie Kemmler

Wo Hegel am liebsten saß – oder auch nicht

Tübingen. Wann der erste Most in der Tübinger Collegiumsgasse 2 ausgeschenkt wurde, ist unbekannt. Altstadt-Kennerin Brigitte (Ophelia) Schweickhardt hält es für möglich, dass bereits Mitte des 17. Jahrhunderts dort ein Krämerladen Most im Angebot hatte. Bei einem Umbau seien Goldgulden aus dem Jahre 1661 gefunden worden. Kein Beweis, aber denkbar.

27.04.2011
  • Manfred Hantke

Sicher ist, dass im 18. Jahrhundert das Ehepaar Ziller hier die „Zillerei“ betrieb, bevor die Familie Kemmler daraus den späteren Boulanger machte, der erst noch viel später seinen Ruf als „Hegels Lieblingskneipe“ bekommen sollte. Kein geringerer nämlich als der einstige Stiftler und spätere Philosoph des Idealismus soll hier am liebsten seinen Schoppen Wein getrunken haben.

Nun hat der Boulanger wahrscheinlich eine ganze Reihe studierter und nicht-studierter Philosophen gesehen, da kommt es auf einen Hegel nicht an. Denn wie heißt es so schön selbstbewusst im Ländle: „Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff, das ist bei uns die Regel, das fällt uns gar nicht auf.“ Das wird wohl auch der Grund gewesen sein, weshalb die Hegelsche Einkehr zu dessen Stiftszeiten nicht bemerkt worden ist – wenn er denn dort war.

Die Legende von der Lieblingskneipe wurde erst gut 150 Jahre nach dessen Tod (1831) in einem Buch veröffentlicht, war jedoch völlig frei erfunden, was die Verfasserin am Schluss auch angemerkt hat. Doch aufgefallen ist es keinem, und wissen wollte es wohl auch niemand. So schlossen am Boulanger noch vor Jahren die Stadtführungen zu den Spuren Tübinger Philosophen mit dem Hinweis auf Hegel ab, was gleichzeitig einer Aufforderung nahekam, es dem Idealisten gleichzutun.

Bekanntlich ziehen sich Gaststätten und Studentenverbindungen magisch an. Anfang des 19. Jahrhunderts kneipten im Boulanger das Corps Rhenania und die Königsgesellschaft Roigel im ersten Stock. Gleich drei Verbindungen haben sich hier gegründet: 1870 die Borussen (unter den Gründungsmitgliedern war auch ein Sohn von Theodor Storm), 1874 die Saxonia und 1878 die Gothland, die spätere Hohenstaufia. Bevor der Sport gesellschaftsfähig wurde, hatte die Hohenstaufia das Turnen auf ihre grün-weiß-rote Fahne geschrieben.

Historische und nationale Werte

Weil Sport durstig macht, scheint es häufig hoch her gegangen zu sein. Jedenfalls bürgerte sich bald die Redewendung „Hohenstaufia – Hohensaufia“ ein, wie Wolfgang Zeh 1968 in den Tübinger Blättern berichtet. Viel geändert hat sich bis heute wohl wenig. Auf der Homepage werben die Hohenstaufen damit, modernen Studenten alles zu bieten, was sie brauchen: „Vom Internet-Anschluss bis zur Zapfanlage.“ Noch heute feiern die Hohenstaufen ihre Gründung alljährlich Anfang Dezember im Nebenzimmer des Boulanger.

Doch zurück zu den Kemmlers. Sie betrieben die Kemmlerei seit 1796. Überliefert ist ein Carl, der Mitte des 19. Jahrhunderts zugleich Wirt und – wie damals durchaus üblich – Bäckermeister war. 1889 übernahm dessen Sohn, ebenfalls Bäcker und Wirt – Karl Wilhelm Kemmler im Alter von 44 Jahren die Schankwirtschaft.

Laut Konzessionsakten war er beim Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 dabei. Als er 1923 wegen des drastischen Rückgangs des Bierverbrauchs seine Konzession um Obstmost ausweiten wollte, hob der Rat Kemmler auch als „Veteran“ hervor und begründete seine Zustimmung außerdem mit dessen Alter (immerhin war er schon 78 Jahre alt), in dem er sonst nichts mehr verdienen könne. Zudem seien mit der Wirtschaft historische, Gefühls- und nationale Werte verknüpft.

Für Kemmler setzte sich auch der spätere Oberbürgermeister Adolf Scheef ein. So wurde das Gesuch befürwortet. Kurz darauf starb Kemmler, dessen Ehefrau Mathilde schenkte noch bis zu ihrem Tod im Dezember 1928 aus. Mehr als zwei Jahre später stellte Sohn Ernst im Februar 1931 seinen Antrag auf Schankerlaubnis, obwohl er bis dahin fleißig ausgeschenkt hatte. Er habe es nicht absichtlich unterlassen, er sei halt von keiner Seite darauf aufmerksam gemacht worden, argumentierte er.

Einen langen Atem bewies Kemmler, nachdem er am 1. März 1934 den Antrag stellte, das linke Zimmer im ersten Stock „für Wirtschaftszwecke“ bereitzuhalten. Denn abends sei der Andrang in der Kneipe sehr groß. Vereinssitzungen und Besprechungen scheiterten stets an der „Raumfrage“. Die Getränke würden mit einem Aufzug nach oben gebracht (der Aufzugsschacht ist heute noch vorhanden, er ist mit Büchern gefüllt).

Der Hickhack um die Konzessionserweiterung dauerte rund eineinhalb Jahre. Das Tübinger Oberamt und die Polizeibehörde lehnten ab, ebenso die „Konzessionskommission“ (Bezirkswirtsverein) des deutschen Gaststättengewerbes, Gau Württemberg-Hohenzollern. Der „Gesuchssteller“ gehöre keiner Berufsorganisation an, auch sei nichts von einer Beteiligung am Winterhilfswerk (Eintopfgericht) oder an der nationalen Spende bekannt. Die Bedürfnisfrage existiere nicht, zumal die Zahl der Studenten zurück gehe. Auch sei das Wirtsgewerbe bereits überbesetzt und eine "Schankerlaubnissperre" verhängt, so die aus hiesigen Wirten bestehende Kommission.

Aber Kemmler blieb hartnäckig und verfasste mehrere Eingaben. Er beklagte Verdienstausfall, weil er seine Zimmer in den oberen Stockwerken nicht mehr an Studenten vermieten dürfe. Sogar billigeres „auswärtiges Bier“ (Münchener Hackerbräu) müsse er ausschenken, damit er seine fünfköpfige Familie ernähren könne. So habe er seine Wirtschaft „wieder in die Höhe“ gebracht. Das Zimmer im ersten Stock werde von verschiedenen Formationen wie Motor SA, den Fliegern oder der Standarte Kreisleitung gewünscht. Gleichzeitig wies er auf die lange Tradition des Betriebes hin, der bereits 138 Jahre mit seinem Namen verbunden sei.

Und schließlich schaffe er durch seinen Ausbau auch Arbeit für die „Volksgenossen“. Schlitzohrig bemühte er sogar Hitler: „Es ist bestimmt nicht im Interesse unseres Führers, wenn sich ein so kleines Geschäft nicht in die Höhe arbeiten dürfte“, schrieb er im April 1935 an die Polizeidirektion. Der inzwischen zum Bürgermeister aufgestiegene Adolf Scheef und der Stadtrat unterstützten Kemmler. Um das „dringende öffentliche Bedürfnis“ zu untermauern, legte Kemmler die Unterschriften der NSKK Motorstaffel, des Segelfliegertruppführers, des Obermeisters der Buchbinder- und der Elektroinnung, des Radfahrvereins Pfeil und der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Gau Württemberg, bei.

Am 30. Juli 1935 hatte es der Wirt geschafft. Das Württembergische Wirtschaftsministerium gab seinen Segen. Im Streit um die Konzessionserweiterung wird 1934 zum ersten Mal der Name „Boulanger“ in den Akten gebraucht, zunächst vom Bezirkswirtsverein, dann von Kemmler selbst. Wie Tübingens Kulturamtsleiter Wilfried Setzler bei seinen Stadtführungen erzählte, soll einer der Kemmlers in Paris gewesen sein. Als er wieder zurück kam, sei er als Franzose verspottet worden, was ihm den Namen „Boulanger“ („Bäcker“) eintrug. Man beachte jedoch, dass sich die hiesige Aussprache am Deutschen orientiert: Bulanger.

Ende 1940 verließ Kemmler den Boulanger, pachtete die Wirtschaft „Zum neuen Schützenhaus“ im Feuerbachtal in Stuttgart und suchte nach einem Pächter für seine Tübinger Wirtschaft. Vorübergehend übernahm seine Kellnerin das Lokal, doch schon im Mai des folgenden Jahres wurde ihr die Stellvertretungserlaubnis entzogen. Sie habe die Sperrstunde überzogen. Auch bestand der Verdacht, es handle sich um ein Animierlokal. Die Ehefrau eines ertappten Kneipengängers sagte aus, ihr Mann habe erst mit der Kellnerin „gesoffen“, dann hätten sie sich „verküsst“.

Im September 1941 fand sich eine Pächterin, die im Boulanger bis zum Kriegsende ausschenkte. Deren Mann übernahm nach dem Krieg das Lokal und beherbergte im einst hart umkämpften Zimmer im ersten Stock eine Zeit lang die „Junge Bühne Schwaben“. Ende 1945 kam er mit dem Gesetz in Konflikt, weil er „bezugsbeschränkte Waren“ (Zigaretten) zu überhöhten Preisen bezogen und verkauft habe.

Wegen Todesfall geschlossen

Ernst Kemmler kehrte 1952 aus Stuttgart zurück und übernahm wieder seinen Boulanger. Seine erste Frau war 1937 gestorben. Die zweite Frau Theresia (Resi) aus München (noch heute hängt das Bild der bayerischen Landeshauptstadt an der Wand) wurde zur legendären Boulanger-Wirtin, von der heute noch ältere Tübinger schwärmen. Ihre Tagebücher soll ein früherer Wirt haben, der heute in Paris lebt.

Seit 1972 verpachtete Resi Kemmler den Boulanger. Bis in die 90er Jahre hinein hatte die Kneipe in der Collegiumsgasse mehrere Wirte. Als Resi 1990 starb, verkaufte der Sohn das Haus ein Jahr später an die Tübinger Notärztin Lisa Federle. Sie bediente im Boulanger seit den frühen 80er Jahren, verdiente sich dort als Wirtin neben ihrem Medizinstudium den Lebensunterhalt.

1993 stieg Federle aus, aber die Verbindung zur Medizin blieb dem Boulanger erhalten. Der jetzige Pächter Andreas Marx hat noch einen 50-Prozent-Job als Pfleger in der Psychiatrie. Er wollte zwar „nie Wirt werden“, sagt er, aber er erhielt 1999 „einen Ruf“ von Federle.

An Anekdoten fehlt es dem Boulanger freilich nicht. Marx und Federle wissen einige zu berichten. Etwa von dem Mann, der einmal eine Tasse Tee bestellte. „Tut mir leid“, sagte der Wirt, „die Tasse ist gerade woanders.“ Und als der Wirtschaftskontrolldienst (WKD) in den 80er Jahren im Keller eine tote Ratte fand, musste die Kneipe für ein paar Tage schließen. Der damalige Wirt heftete einen Zettel an die Tür: „Wegen Todesfall geschlossen“.

Wahr ist auch, dass Ende der 80er Jahre ein splitternackter Mann abends in die Kneipe hereinstürzte und ein Bier verlangte. Er bekam nichts. Denn er habe ja keinen Geldbeutel dabei, sagte ihm der Wirt.

Wo Hegel am liebsten saß – oder auch nicht
Die alte Kemmlerei

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27.04.2011, 12:00 Uhr

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