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Die „Alte Weinstube Göhner“ war einst Treffpunkt von Handwerkern, Studenten, Bauern und Professoren

Wo Urwaldsrauba auf Schdudendalombabuba trafen

Wer über die Tübinger Unterstadt fachsimpeln will, kommt an ihr nicht vorbei: Die „Alte Weinstube Göhner“ in der Schmiedtorstraße 5 ist eine Institution. Den Namen Göhner trägt das Weinlokal seit 1897, als der Ofterdinger Bäckermeister Jakob Göhner das Wirtshaus samt Bäckerei von seinem Schwiegervater Johann Christian Meinhardt übernahm. Der hatte die Bäckerei, samt „Weinwirtschaft“ und einem „Pferdeverleih mit Stallungen in der Madergasse“ gegründet. Wann genau das war, ist in den Konzessionsakten, die im Tübinger Stadtarchiv erhalten sind, nicht verzeichnet. Spätestens seit Mitte der 1860er Jahre dürfte es den Betrieb aber geben.

28.12.2006
  • Matthias Stelzer

Zu Zeiten Jakob Göhners war die Unterstadt-Weinstube jedenfalls schon eine eingeführte Adresse. Da das Lokal, wie die Bäckerei, schon morgens gegen sechs Uhr öffnete, war es die erste Pausenstation für Postler, Eisenbahner, Straßenreiniger und andere Frühgäste. Vor allem an den Georgie- und Martinimärkten, wenn am Kelternplatz und vor dem Gasthof „König“ (heute Parkhaus) Vieh gehandelt wurde, herrschte bei Göhners Hochbetrieb.

"Kleines Rathäusle"

Endersbacher und Nordheimer Weine sowie Most, den er in einer eigenen Mosterei in der Madergasse 3 presste, schenkte Jakob Göhner aus. Nach 1919, als der Bäcker und Wirt in den Tübinger Gemeinderat gewählt wurde, vor allem auch an seine Ratskollegen. Wegen der lebhaften Nachsitzungen in der Schmiedtorstraße verpasste man der Weinstube damals den Spitznamen „Kleines Rathäusle“.

Im Jahr 1927 übernahm dann Jakob Göhners Sohn Heinrich die Bäckerei samt Weinstube. Der leidenschaftliche Hobby-Geiger wurde landauf, landab als „Violinbäck“ bekannt. Über Jahrzehnte geprägt wurde der „Göhner“ aber von Heinrichs Frau Hermine. Die Tochter des Gärtnermeisters Biesinger aus der Herrenberger Straße war die zweite Frau, die sich in Tübingen hinter das Lenkrad eines Automobils setzte.

Und sie war eine Wirtin vom alten Schlag. Ihr Wort zählte in der Wirtsstube, und wer sich nicht benahm, konnte statt der Kutteln oder Bratwürste auch einfach einen Anschiss bekommen. Einen deutlichen, der auch schnell wieder vergessen war. In der Weinwirtschaft, die erst von 1952 an auch Bier ausschenken durfte, herrschte ohnehin ein offener Umgangston.

Aus den 1920er Jahren ist so ein Begrüßungsritual zwischen Studenten und Gôgen überliefert: „Ihr Schdudendalombabuba, wölled d’r wieder eurem Vader sei Geld versaufa“, riefen die Weinbauern, wenn Studenten das Lokal betraten. Letztere konterten: „Ond ihr Urwaldsrauba, wölled ihr euer Gosch halda?!“ Ob es danach Krach gab, oder sogar ein gestiftetes Viertele hing von der Stuben-Besatzung und ihrer Tagesform ab.

Unmoralische Kriegsgeschäfte

Mit diesen Stammkunden handelte sich Hermann Göhner während des 2. Weltkriegs auch ordentlich Ärger ein. Als Kriegsteilnehmer hatte er sein Lokal von 1940 an immer wieder geschlossen. Und wenn er selbst auf Urlaub nach Tübingen kam, schenkte er zumindest seinen Stammkunden hinter verschlossenen Türen aus.

Das brachte ihm im September 1942 die Anzeige eines Obersturmführers der 63. SS-Standarte ein. „Diese Art der Geschäftsführung im Krieg ist unmoralisch und verstößt gegen die Volksgemeinschaft“, schrieb der Klageführer an die örtliche Polizei. Hermann Göhner wurde daraufhin mehrfach vorgeladen, und hatte Mühe die Vorwürfe zu entkräften.

Der „Violinbäck“ starb im Jahr 1965. Sein Frau Hermine stand aber noch bis 1971 in der „Weinstube Göhner“. Im TAGBLATT vom 3. August 1971 wurde das Ende einer Ära beklagt: „Wie es ihr zumute war, als sie in der Nacht zum Sonntag in den Türen der Gaststube von der Schmiedtorstraße und der Madergasse her zum letztenmal den Schlüssel umdrehte, weiß nur sie allein.“ Die 73-jährige Tradition der Tübinger Gastwirtsfamilie ging damit endgültig zu Ende.

In der „Alten Weinstube Göhner“ bewirtete fortan Roswitha Fischer. Die Mutter des heutigen Bundesvorsitzenden des Deuschen Hotel- und Gaststättenverbandes Ernst Fischer war die zweite weibliche Legende des Unterstadt-Wirtshauses. Zwölf Jahre war Roswitha Fischer die Herrin im Haus. In den Ruhestand ging sie erst im Alter von 70 Jahren.

Noch aus dieser Zeit kennt der heutige Inhaber Helmut Kress den „Göhner“. Als junger Bursche arbeitete er in der Schmiedtorstraße. Dann zog es ihn weg von Tübingen. 2003 kehrte „Poldy“, wie der Wirt von seinen Freunden genannt wird, als „Göhner“-Pächter zurück. Inzwischen hat Kress die Weinstube gekauft und wird bald umbauen. Aus dem alten Bäckerladen, in dem zuletzt Harinder-Blumen verkauft wurden, will der Wirt ein Nebenzimmer machen – mit viel Holz im „Göhner“-Stil.

Wo Urwaldsrauba auf Schdudendalombabuba trafen
Die Weinwirtschaft nebst Bäckerei von Jakob Göhner. Die Aufnahme entstand während des 1. Weltkriegs.

Wo Urwaldsrauba auf Schdudendalombabuba trafen
Hermine Göhner war 42 Jahre lang Wirtin der Weinstube.

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28.12.2006, 12:00 Uhr

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