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Die „Schottei“ in der Haaggasse war vielleicht eine der frühen Tübinger Brauereien

Wo Wilhelm Hauff schrieb und die Schotten tranken

Tübingen. Das letzte Mal hatte die Tübinger Restauration Schottei wohl am 24. November 1960, einem Samstag, offen. Nur einen Tag wirteten die Geschwister Kuttler, so wie sie es auch am 15. Dezember 1956 getan hatten. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg öffneten die Kuttlers ihr Wirtshaus in der Haaggasse nur noch alle vier Jahre für einen Tag. Sie verhinderten damit konform zum damals gültigen Gaststättenrecht, dass sie ihre Konzession verlieren.

27.04.2011

Eine Konzession, die auf einem „dinglichen Recht“ basierte. Die „Schottei“, deren Namen vermutlich auf den ersten Besitzer Carl Schott zurückckgeht, ist eines der älteren Tübinger Wirtshäuser. Spätestens im Jahr 1838 wird das Gasthaus, zu dem einst auch eine Brauerei gehörte, wohl geöffnet haben. Denn zu dieser Zeit wurde das älteste Schreiben aufgesetzt, das in den Konzessionsakten des Tübinger Stadtarchivs erhalten ist. Ein Carl Schott ist dort als Wirt erwähnt. Möglicherweise ist dieser Mann der selbe, der bei der Stadt Tübingen schon im Jahre 1814 als Carl Elias Schott ein Baugesuch „zur Errichtung einer Brauerei“ eingereicht hatte.

Wo Wilhelm Hauff schrieb und die Schotten tranken
Die „Schottei“ von der Judengasse aus gesehen. Das Foto zeigt im Hintergrund das 1904 errichtete Haus der „Königsgesellschaft Roigel“.

Sicher ist jedoch, dass der Schriftsteller Wilhelm Hauff den Großteil seines kurzen Lebens in der Haaggasse 15 wohnte. Von 1809 bis 1824 lebte er dort bei seinem Großvater Karl Friederich Elsässer. Hauff ging in Tübingen zur Schule, studierte am Evangelischen Stift und war Mitglied der hiesigen Burschenschaft Germania.

Mit der Geschichte der „Schottei“ ist allerdings vor allem die Historie einer anderen Tübinger Verbindung verknüpft. Vom Sommersemester 1850 an kneipte in der Haaggasse 15 eine Gesellschaft, die inoffiziell „Marbacia“ genannt wurde. Zwar verließen die Studenten, von denen einige aus Marbach stammten, die „Schottei“ schon 1852 wieder; angeblich war „das Bier fade“ und „die Kneipe schlecht beheizt“, aber sie nahmen einen neuen Namen mit. Weil sie in der damals noch kleinen Stadt den Spitznamen „Schotten“ verpasst bekam, beschloss die heutige Landsmannschaft noch im gleichen Jahr, den Namen „Schottland“ offiziell zu übernehmen.

1945 begann das Ende

In den folgenden Jahren wechselte die „Schottei“ dann immer wieder den Besitzer. Bekannte Tübinger Familiennamen wie Flammer, Sauter oder Haug finden sich in den Konzessionsakten des Stadtarchivs. Und von 1875 an taucht in regelmäßigen Abständen ein Name auf, der auch sonst mit der Tübinger Brauerei- und Gastronomie-Geschichte verbunden ist: Gösele. Jener Johannes Gösele, der 1880 die Tübinger Schlossbrauerei in der Schwärzlocher Straße gründete, dessen Sohn Heinrich und schließlich auch ein Julius Gösele traten bis ins Jahr 1893 als Inhaber oder Pächter der „Schottei“ auf.

Wo Wilhelm Hauff schrieb und die Schotten tranken
Die Tübinger Haaggasse um 1900. Die „Schottei“ links dominiert den oberen Zugang zur Judengasse.

Wie sich die Besitzverhältnisse in der Haaggasse 15 dann entwickelten, ist nicht mehr lückenlos nachzuvollziehen. Dokumentiert ist aber ein wichtiger Einschnitt: Im Jahr 1914 übernahm Johanna Kuttler die „Schottei“. Etwa 30 Jahre lang, bis zu ihrem Tod im April 1944, war sie Chefin des Wirtshauses. Bei Kriegsende 1945 schloss die „Restauration“, nach der die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren die Judengasse in „Schotteigasse“ umbenannt hatten.

Im Oktober 1945, zwei Monate nachdem die Judengasse per Erlass wieder ihren alten Namen zurück bekam, zeigten die „Geschwister Kuttler“ der Stadtverwaltung laut Konzessionsakte an, dass sie ihr Wirtshaus wieder öffnen werden. Doch so weit kam es nicht mehr. Von 1946 an beschlagnahmten die französischen Besatzer die Wirtsräume in der Haaggasse als Büros. Und als sie auszogen, öffnete die „Schottei“ nur noch an den Tagen, an denen es galt, die Konzession zu erhalten. Heute ist in der Haaggasse 15 der Naturkostladen „Kornblume“ samt seinem Imbiss zu finden.

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27.04.2011, 12:00 Uhr

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