Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Schützengesellschaft Tübingen feiert ihr 450-jähriges Bestehen

Wo der König schon eine Platte schoss

Vorbei die Zeit, als man um Hosen schoss oder der Beitritt zur Schützengesellschaft von oben bestimmt wurde, um Scharfschützen zur Landesverteidigung zu rekrutieren. Ein reiner Sportverein ist die 450 Jahre alte Schützen- gesellschaft Tübingen geworden. Seit 112 Jahren hat sie ihre Heimat im Burgholz.

12.05.2012

Wo der König schon eine Platte schoss
Das Richtfest des neuen Schießhauses in den Reutlinger Wiesen, Burgholz, am 25. März 1899. Im Jahre 1984 wurde es abgerissen.

Am 17. Juni 1900 weihte der Schützenverein seine neue, am Burgholz gelegene Schießstätte ein. Darauf brachte der damalige Oberschützenmeister Ludwig Sontheimer laut Tübinger Chronik „ein freudig widerhallendes Hoch auf das Schützenwesen im engeren und weiteren Vaterlande aus.“ Kurz darauf, heißt es weiter, „erdröhnte der erste Schuss und nun begann ein fröhliches Schießen.“

Die neue Schießhalle, die bis 1984 stand und 1929 durch eine Gaststätte ergänzt wurde, stieß auf reges Bürgerinteresse, so dass sich der Festplatz vor dem Schießhaus „als viel zu klein erwies für die Tausende von Festgästen, die im Laufe des Nachmittags hinausströmten, erwartete man doch auch den Besuch Eurer Majestät des Königs“. Wilhelm II von Württemberg kam „in schmucker Jagduniform“, besichtigte die Schießstätte „und sprach sich sehr anerkennend über ihre zweckmäßige Einrichtung aus.“ Danach ließ er sich vom Hofbüchsenmacher ein Gewehr reichen „und schoß nach kurzem Zielen eine sehr gute Platte“, lobhudelte die Chronik.

Der Umzug ins Burgholz indes war nicht freiwillig. Das alte, 1847 gebaute, Schießhaus stand am unteren Wöhrd, etwas unterhalb des heutigen Casinos. Geschossen wurde über die Steinlach hinweg in die damals noch baumbestandene und unbebaute Bismarck- und Schaffhausenstraße, die laut Antje Zacharias vom Stadtarchiv erst nach der Neckarregulierung 1910 überbaut wurden.

Wo der König schon eine Platte schoss
Mit Elvis-Locke und Lederjacke: die Schützen beim ersten Uhlandkreisschießen in Bühl 1958. Von links nach rechts: Wolfgang Schmauder, Helmut Deile, Gerhard Mang, Erich Braun, Schießleiter Hugo Früh, Adolf Weidle, Oberschützenmeister Eugen Schäfer, Willy Gulde, Ludwig Scherzler, Konrad Gulden und Günter Vetter. Mit der Schießscheibe von 1849 (unten links) demonstrierten die Schützen ihre Sympathie mit der Revolution von 1848. „Von den Frauen und Mädchen Wiens“ erhielten sie 1898 das Band als Geschenk beim Kaiserjubiläum. Es hängt über der Bürgerwehrfahne (unten rechts), die 1848 von den Frauen der Tübinger Gemeinderäte gefertigt wurde. Bilder: Schützengesellschaft

Die Schießanlage war 1865 modernisiert und ab 1887 mit elektrischem Strom versorgt worden. Möglich gemacht hatte das der Tübinger Mechanikermeister und Unternehmer Gottlob Himmel. 1895 wurde die Schießanlage am Wöhrd geschlossen. Die Stadt war gewachsen, und ein Unglücksfall in Reutlingen, wo zwei Jahre zuvor beim Landesschießen ein Bauer auf seinem Acker tödlich getroffen worden war, führte zum Verbot solcher innerstädtischen Anlagen – auch in Tübingen. Drei Jahre später erwarb der Schützenverein das Areal am Burgholz für damals 7600 Mark. Das alte Schießhaus wurde 1911 abgebrochen, weil es der Poststraße im Weg stand.

Zu seinem 350-jährigen Bestehen genehmigte sich der Verein 1912 ein üppiges Festprogramm mit Schießwettbewerben, Festumzug, „Konzert und Volksbelustigung“. Für 30 Pfennig Eintritt gab es ein „großes Brillantfeuerwerk mit elektrischem Scheinwerfer“. „Hoch her“ sei es den Nachmittag über gegangen, berichtet die Tübinger Chronik am 17. Juni, „bis abends dann leider einsetzender Regen der Lust ein Ende bereitete“.

Die Firma Weihenmaier bot über Inserate „Bromsilberkarten nach Momentaufnahmen des Festzuges vom Schützenfest“ an, und das Tübinger Lichtspielhaus zeigte „eigene Aufnahmen“ vom „so schön gelungenen Schützenfestzug“, dem „Empfang seiner Majestät“ und der „unzähligen Volksmenge“. Die Aufnahmen, versprach da „die Direktion“, seien „haarscharf und jede einzelne Person deutlich zu erkennen“.

Wo der König schon eine Platte schoss

Offiziell gegründet wurde die Schützengesellschaft Tübingen 1562. Wahrscheinlich aber ist sie deutlich älter und ging aus der 1483 erstmals erwähnten Sebastiansbruderschaft hervor. Bis heute erhalten ist eine Schützenordnung von 1605. Zentrale Aufgabe der Gesellschaft war die Landesverteidigung. „Die Bestimmung, dass der Eintritt und die Betätigung in den Schützengesellschaften nicht mehr dem freien Ermessen des einzelnen überlassen waren, sondern direkt befohlen wurden, zeigten den offiziellen Charakter der Schützengesellschaften. Die Organisation stand unter Staatsaufsicht“, schreibt Josef Forderer in seiner 1935 erschienen Geschichte des Schützenvereins.

Zur Zeit Herzog Ulrichs wog eine Muskete laut Wilhelm Gulde, der den Tübinger Verein 22 Jahre lang führte, bis zu zehn Kilo. Zum Zielen musste man sie in eine fast mannshohe Gabel legen. Die Schützenmeister hatten nach der Schützenordnung von 1605 beim Übungsschießen darauf zu achten, dass keiner „weder mit worttenn oder werkhenn verspottet oder verlacht“ wurde. Oder wie Gulde sagt: „Über Fehlschüsse durfte nicht gelästert werden.“ Bei Schützenfesten wurden damals meist Hosen als Preis ausgelobt, die man sich laut Gulde „als besonders prächtig geschneiderte Beinkleider aus teurem Tuch vorzustellen hat“.

Mitte des 18. Jahrhunderts wollte Herzog Carl Eugen den Schießbetrieb nicht länger fördern, weil „die Schießtäge“, wie er fand, „nur Gelegenheit zu allerhand Ausschweifungen mit Zechen und Spielen“ gaben. Der württembergische König Friedrich verfügte schließlich die Entwaffnung seiner Untertanen und verbot die Bürgergarden und Schützengesellschaften. So genannte „Gewehrverheimlicher“ wurden laut Gulde hart bestraft. Waffen durften nur noch Adelige, Staatsbeamte und Gemeindebedienstete tragen.

Wo der König schon eine Platte schoss

Doch schon Friedrichs Sohn und Nachfolger Wilhelm erlaubte die Schützengesellschaften wieder. In Tübingen gründeten sie sich 1817 neu und machten in ihrer Satzung auch ihren Zweck deutlich: Es solle „immer eine Anzahl Bürger mit Schießgewehren vertraut werden und solche gebrauchen lernen, um im Notfall sowohl sich als seine Mitbürger bei eintretender Gefahr zu schützen.“

Daneben sollte „die bürgerliche Harmonie und das wechselseitige Zutrauen“ gefördert und die „Sitten und Gebräuche unserer Voreltern“ weitergetragen werden. Von einem Schützenmeister wurde damals einiges erwartet. Er musste unter anderem „leserlich schreiben und hinlänglich rechnen“ können. Zudem sollte er so gut betucht sein, dass er das Vereinsvermögen „unangetastet bei sich verwahren und getreulich verwalten kann“.

Bei der gescheiterten Revolution von 1848/49 schlossen sich laut Gulde in Tübingen bewaffnete Bürgerverbände zu einem Bürgerbataillon zusammen. Die Tübinger Schützen spielten darin als Scharfschützen (wenngleich sie sich wohl etwas überheblich gebärdeten) eine wichtige Rolle und bekamen später die 1848 gefertigte Bürgerfahne überreicht, die bis heute im Besitz des Vereins ist. Er hat auch noch eine Schießscheibe vom 25. April 1849, auf der über dem Habsburger Doppeladler reine Zuversicht verkündet wird: „Das Volk hat gesiegt“.

Mit der Auflösung der württembergischen Milizverbände 1853 wurde die Schützengesellschaft ein privater Verein. Das „Schießen mit der Büchse“ übten damals auch die Mitglieder der Tübinger Turngemeinde, und zwar sonntags nach der Kirche im Freien. 1860 fragten sie schriftlich beim Schützenverein an, ob sie bei schlechter Witterung wohl das Schießhaus nutzen dürften.

Während Josef Forderer 1935 in seiner Vereinsgeschichte von den Schützengesellschaften als den „besten Hütern des Wehrgedankens“, vom „ehrbaren deutschen Mann und seiner Waffe“, von „der Kraft der Liebe zur Heimat“ und der „Bereitschaft zur Preisgabe des Lebens um diese Heimat“ schwärmte, schrieb Eugen Himmel, der den Verein über die Kriegsjahre hinweg bis 1950 leitete, 1947 zumindest von den Einschränkungen, die der Krieg brachte: Viele Mitglieder wurden eingezogen, die Telefonanlage, Munition und Waffen nach und nach konfisziert. Dennoch war bis Frühjahr 1945 Schießbetrieb.

Nach dem Krieg war der Verein, wie alle Sportvereine, verboten, sagt Gulde. 1951 gründeten ihn etwa 50 Tübinger wieder. „Viele waren im Krieg, aber die meisten sind wiedergekommen.“ 1962 spendierte sich der Verein anlässlich seines Jubiläums zum 400. Geburtstag eine neue Schießanlage, die seither immer wieder erweitert wurde. Heute zählt die Schützengesellschaft rund 200 Mitglieder, davon laut Oberschützenmeister Friedrich Stilz 35 Aktive, unter ihnen vier Frauen. Auch knapp 20 Jugendliche trainieren beim Verein, bei dem mit Luftgewehr und -pistole, Klein- und Großkaliber, Armbrust, Bogen und Zimmerstutzen sowie mit Schrot auf Tontauben geschossen wird.

Gefeiert wird am heutigen Samstag mit einem Festakt für geladene Gäste, darunter Friedrich Herzog von Württemberg, der Schirmherr beim Jubiläumsfest, Regierungspräsident Hermann Strampfer, Landrat Joachim Walter, Oberbürgermeister Boris Palmer und Fraktionsvorsitzende des Tübinger Gemeinderats. Am Samstag, 16. Juni, wird beim Schützenhaus eine Ausstellung eröffnet, ab 20 Uhr spielt dort die Gruppe Jackpot. Der große Festumzug zieht am 17. Juni durch die Altstadt. 400 Schützinnen und Schützen aus dem Kreis Tübingen und dem Bezirk Neckar ziehen um 12 Uhr zusammen mit der Feuerwehr und der Stadtgarde zu Pferd vom Haagtorplatz über den Marktplatz und die Eber hardsbrücke bis zum Europaplatz. Gegen 14 Uhr erfolgt der Fahneneinmarsch am Schützenhaus. Das Festschießen muss jedoch warten, denn die modernisierte Anlage wird wohl erst zum Herbst fertig.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.05.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball