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Übrigens

Wo ein Wille ist, ist auch eine Radstraße

Es war der Dienstag nach Pfingsten, ein sonniger Tag Ende Mai 2010. Auf dem Weg zur Arbeit radelte ich wie jeden Morgen an der Steinlach entlang Richtung TAGBLATT-Redaktion. Diesmal wurde ich abrupt gestoppt: Als ich auf die Wendeplatte an der Fürststraße fuhr, erwischte mich eine junge Polo-Fahrerin. Weil ein parkender Transporter uns beiden die Sicht versperrte, hatte das Auto nach dem Crash eine kleine Beule.

03.11.2015

Dafür war mein rechter Arm gebrochen, das Fahrrad ziemlich ramponiert. 1:0 fürs Auto. Ok, dachte ich, Pech gehabt, geteilte Schuld, geteiltes Leid. Lassen wir’s gut sein. Doch leider, wie das halt so ist mit kleinen Beulen im Blech: Sie kurbeln die Wirtschaft an. Sorgen für jede Menge Beschäftigung bei Versicherungen, Kfz-Werkstätten, Anwälten – und in diesem Fall leider auch beim Tübinger Amtsgericht. Die junge Frau und ihr Anwalt bestanden darauf.

Vor der Zivilkammer argumentierte ich, der durchgehend asphaltierte, durch kein Schild, keinen Bordstein, keine Begrenzungslinie unterbrochene, breite Übergang vom Steinlach-Begleitweg in die Fürststraßen-Wendeplatte sei Teil einer durchgängigen Radfahrer-Route – so wie auch im städtischen Fahrrad-Stadtplan eindeutig gekennzeichnet. Doch sowohl der gegnerische Anwalt wie auch der von mir angeschriebene Leiter der städtischen Fachabteilung Straßenverkehr sahen das anders – und am Ende leider auch der ansonsten durchaus verständnisvolle Richter. Rechtlich gesehen war ich an jenem Morgen wie aus einer Garageneinfahrt oder einem Grundstück heraus auf die Wendeplatte gefahren. Ich hätte mich vorsichtig herantasten müssen – die Polofahrerin nicht. 2:0 fürs Auto.

Da half es nichts, dass ich auf Gleichberechtigung für Radfahrer pochte, dabei sogar auf das Wahlprogramm des grünen OB Boris Palmer verwies: „Ich will ein durchgängig benutzbares, sicheres und attraktives Radverkehrsnetz in Tübingen schaffen.“

Immerhin: Als kurz darauf ein 14-jähriger Radfahrer an exakt der gleichen Stelle von einem Auto verletzt wurde, geschah etwas. Eine weiße Linie am Ende des Wendekreises wurde als „Stopp“-Zeichen auf den Asphalt gepinselt, einige Parkplätze am Straßenrand mit einem hölzernen Zaun gesperrt, der besseren Sicht wegen. „Eine weitere Verdeutlichung ist uns nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung nicht möglich“, hieß es damals von Seiten der Stadt. Man sei aber jederzeit für Vorschläge offen, „die zu einer Verbesserung der Verkehrssicherheit beitragen“.

Fünfeinhalb Jahre später: Oberbürgermeister Boris Palmer und Landesverkehrsminister Winfried Hermann eröffnen Tübingens vierte Fahrradstraße. Auf der 1,2 Kilometer langen Fürststraße direkt neben der Steinlach haben Radfahrende jetzt freie Fahrt. Sie haben Vorfahrt und dürfen auch nebeneinander fahren. Autos müssen besonders gut achtgeben. Endlich ein Punkt fürs Bike. Und die Erkenntnis: Wo ein politischer Wille ist, ist auch ein Weg. Oder eine Radstraße. Volker Rekittke

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03.11.2015, 12:00 Uhr

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