Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Reutlinger Oststadt im Wandel: Im Gemeinderat ging's nicht nur um ein neues Bürogebäude

Wo einst noch wuchs das Gras

REUTLINGEN. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, weiß Grünen-Stadträtin Heide Schnitzer. Wohl aber über die Frage: „Wohin entwickelt sich die Oststadt“? Denn manche im Reutlinger Rat sehen das Quartier gefährdet. Kürzlich wurde über den Bebauungsplan Ecke Schul-/Bismarckstraße diskutiert, wo anstelle des alten Gebäudes der Amtskörperschaft ein neues Bürohaus entstehen soll.

07.02.2002
  • Wolfgang Alber

Der Katasterplan von 1820 zeigt es: Reutlingen war bis ins 19. Jahrhundert hinein hinter der Stadtmauer gefangen; bis auf drei Vorstädte gab kaum eine städtebauliche Expansion. Nach dem Übergang an Württemberg 1802/03 wurde die Befestigung allmählich geschleift und als Baumaterial für eine Osterweiterung genutzt. 1816 hatte Friedrich List, damals Kommissar im württembergischen Innenministerium, dem Reutlinger Magistrat empfohlen, Mauern und Türme abzutragen: „Mit dem zunehmenden Wohlstand der Stadt und der Erweiterung der Gewerbe seye daher auch eine immer fortschreitende Erweiterung der Stadt vorzusehen.“

Wie diese vor sich ging, lässt sich in Heidi Stelzers höchst lesenswertem Aufsatz „Die Gartenstraße im Wandel der Zeiten“ in den „Reutlinger Geschichtsblättern“ von 1997 nachlesen: Ein als Stadtumgehung und Poststraße im 16. Jahrhundert angelegter Weg wurde in den 20er-Jahren nach Plänen des Bauinspektors Johann Georg Rupp zur Gartenstraße ausgebaut, 1836 entstand die Planie-Promenade, in den 80er-Jahren kam die Kaiserstraße hinzu, jeweils im Zehn-Jahres-Abstand folgten Bismarck- und Charlottenstraße. Fabrikanten, Kaufleute, Verleger, Bankiers und Handwerker wie Jacob Noah Finckh, Louis Bantlin, Johann Conrad Mäcken, Julius Votteler oder Johannes Lachenmann errichteten antikisierende, spätklassizistische, biedermeierliche Häuser und Villen.

Schönste Straße der Stadt

In den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts kamen Formelemente der italienischen Hochrenaissance, der deutsch-niederländischen Renais-sance und der französischen Klassik hinzu. Oberpräzeptor Carl Bames wunderte sich 1860 in seiner „Chronica von Reutlingen und Pfullingen“ über die Entwicklung: „Wenn er die beiden Häuserreihen/ Erblickte in der Gartenstraß,/ Die schönen Bauten, all, die neuen,/ Wo noch zu seiner Zeit wuchs Gras.“ Und 1878 beschrieb der Eninger Pfarrer Max Eifert die Gartenstraße in seinem „Führer durch Reutlingen“ 1878 „als die schönste der Stadt“.

Historismus und Jugendstil sind bis heute charakteristisch für die Oststadt. Charakteristisch ist aber zudem die Mischung aus Wohnbauten, kleinen Fabriken und größeren Verwaltungsgebäuden: Heinzelmann und Büsing, Landratsamt und Amtsgericht, Textiltechnikum oder Matthäus-Beger-Schule, gebaut von Architekten wie Philipp Jakob Manz, Vater und Sohn Heinrich Abel, Wilhelm Blaich, Albert Staiger, Markus Zimmermann, Eisenlohr & Weigle.

Blöcke im Planquadrat

Kennzeichnend für die Oststadt sind schließlich die im Gegensatz zur Altstadt regelmäßige Straßenführung im Planquadrat und die Grünzüge der Gartenstadt. Bis zum 1. Weltkrieg wurde das Quartier zwischen Karl- und Betzenriedstraße, Gartenstraße und Achalmfuß/Panoramastraße komplettiert, mit dem rechtwinkligen Straßennetz entstanden auch viereckige Blöcke. Vor einigen Jahren wurden zahlreiche Häuser nach dem Denkmalschutzgesetz erfasst und als Kulturdenkmale ausgewiesen; das reicht hin bis zu Zäunen und Balkonen. Für Lothar Gonschor vom Landesdenkmalamt Tübingen ist die Oststadt eine „einmalige Formation“, die unbedingt erhalten werden müsse.

Das jetzt zum Abriss anstehende gebäude Schulstraße 26 wurde 1898/99 für die Amtskörperschaft errichtet, die Fassade mit Rundbogenfenstern, Gesimsbändern, Giebeln und Gauben geschmückt und gegliedert. Hier waren bis 1928/29 Oberamtspflege und Oberamtssparkasse untergebracht. Später diente das bis heute stark veränderte Haus dem Storch Verlag, dem Staatlichen Hochbauamt und der Staatlichen Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen; und immer waren darin Wohnungen untergebracht.

Das Maß des Erträglichen

Nun soll hier, gegenüber der in Bau befindlichen neuen Geschäftsstelle des Regionalverbands Südwestmetall, ein Bürogebäude mit 1500 Quadratmeter Nutzfläche und 27 Tiefgaragen-Stellplätzen entstehen. Viergeschossig mit gestaffeltem Flachdach, ist es zumindest in seiner Passivbauweise „zukunftsweisend“, wie Stadtplanerin Christine Schimpfermann meint. Das Argument des Energiesparens ließ letztlich die Heide Schnitzer die Kröte schlucken, obwohl sie wie Agnete Bauer-Ratzel (Frauenliste) und Edeltraut Stiedl (SPD) erhebliche Bedenken hatte, dass die Oststadt zu sehr verdichtet, durch die Innenbebauung Grün zerstört, durch Büros Wohnraum vernichtet werde.

Dieter Weinmann (BMR) störte sich zudem an den architektonischen Proportionen. Das „Maß des Erträglichen“ sei überschritten, man brauche „humanere Formen“. Christine Schimpfermann hielt dagegen, bei einem Passivhaus sei halt ein Kubus das oberste Maß des Energiesparens, es dürfe keine überflüssigen Hohlräume geben.

Nicht unter der Käseglocke

Ursula Menton (FWV) sah freilich den „Charme der Oststadt“ gefährdet. Und mehrere Redner mahnten eine Gesamtplanung für das Quartier an. Die sagte Baubürgermeisterin Ulrike Hotz zu, sie warnte aber davor, „eine Käseglocke“ über die Oststadt zu legen. Es entstehe halt ein Spannungsfeld, wenn moderne Architektur in einem gewachsenen Umfeld realisiert werde. Ein einleuchtendes Argument, das aber Bausünden nicht entschuldigt.

Die Erosion ging scheibchenweise vor sich, das wurde immer wieder beklagt, aber bis heute nicht verbindlich geregelt. Anstelle des Fallscheer-Hauses in der Beutterstraße steht heute ein Kartonage-Klotz, an der Urbanstraße ein über die üblichen Dachlinien weit hinausragendes Punkthaus, zwischen Aulberstraße und Planie musste die Villa Hugo Hebsackers weichen. Das wunderbare Haus von Fritz Fallscheer Ecke Planie/Gartenstraße wurde durch einen gesichtslosen Funktionsbau ersetzt, mit Volksbank und C & A die Typik der Gartenstraßen-Front durchbrochen. Stilbrüche, die sich in anderen Straßen fortsetzen. Selbst die drei viergeschossigen Satteldachhäuser, die das Münchner Büro Allmann, Sattler und Wappner derzeit für Südwestmetall errichtet, mögen zwar einen Solitär bilden, sind aber weder maßstäblich noch ortstypisch.

Gewiss, das Mischgebiet Oststadt war architektonisch nie in sich geschlossen, deshalb darf es auch heute nicht im Ensembleschutz erstarren. Aber einst bezog es Maß und Ziel noch aus der Verbindung von Wohnen und Arbeiten. Heute leben hier 6200 Menschen, aber weit mehr, nämlich über 7000, pendeln an eine von 550 Arbeitsstätten, Anwalts- und Arztpraxen, Geschäfte und Behörden. Rund 50 000 Fahrzeuge verkehren hier täglich, suchen auf Schleichwegen den Durchgang Richtung Süden, verstopfen als Ziel- und Quellverkehr auf der Suche nach Parkplätzen an Schulen, am Finanz- oder Landratsamt die Straßen. Abhilfe erhoffen sich viele vom Scheibengipfeltunnel — die städteplanerischen Aufgaben in dem höchst gefährde-ten Quartiers dürfte er indes nicht lösen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

07.02.2002, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball