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Fahndung nach Terror-Verdächtigem

Wo ist Anis Amri?

Der zuerst verhaftete Verdächtige war ein Fehlgriff. Nun suchen die Fahnder einen Tunesier. Er ist als Islamist und „Gefährder“ bekannt. Ist es diesmal die richtige Spur?

22.12.2016
  • AFP/AW/DPA/HAB/JON

Es geht um einen mutmaßlichen Terroristen auf der Flucht. Er gilt als radikaler Islamist, ist möglicherweise bewaffnet. Vielleicht hat er Mittäter oder Komplizen, vielleicht kann er auf ein Unterstützernetzwerk zurückgreifen. Eine intensivere Fahndung als die nach Anis Amri ist nicht vorstellbar.

Seit gestern Abend wird der 24-jährige Tunesier europaweit öffentlich gesucht. Amri ist ein abgelehnter und geduldeter Asylbewerber, der als „islamistischer Gefährder“ bekannt ist und nun verdächtigt wird, beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche mit zwölf Toten und rund 50 teils lebensbedrohlich Verletzten beteiligt gewesen zu sein. 100 000 Euro Belohnung sind ausgesetzt. Amri ist gerade der meistgesuchte Mann Deutschlands.

Jochen Schröder, der als Dekan der kriminalwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg Ermittler ausbildet, erklärt, wie Fahnder in solchen Fällen vorgehen: „Als erstes muss man im Fahrzeug nach Anhaltspunkten auf den Täter suchen. Das ist ein enormer Aufwand für die Spurensicherung,“ sagt Schröder.

Geldbeutel im Führerhaus

Doch offenbar fanden Ermittler im Fußraum des Lkw-Führerhauses am Tatort des Anschlags in Berlin einen Hinweis, der an Eindeutigkeit nicht zu überbieten ist: eine Geldbörse samt Papieren.

Mehreren Medien zufolge handelt es sich um ein im Kreis Kleve (Nordrhein-Westfalen) ausgestelltes Personaldokument, eine sogenannte Duldung. Der Inhaber: Anis Amri. Jedenfalls ist er unter diesem Namen behördlich bekannt, doch möglicherweise verwendete der Tunesier weitere Identitäten.

Amri scheint der richtige Name zu sein. Wie die Nachrichtenagentur afp gestern Abend meldete, haben tunesische Anti-Terror-Ermittler gestern die Familie des Gesuchten befragt. Laut dem Bericht war Anis Amri bereits in seinem Heimatland mehrfach wegen Drogendelikten festgenommen worden. Er sei 2011 von Tunesien nach Italien gelangt, wo er rund drei Jahre verbracht habe. Dann sei Amri nach Deutschland weitergereist.

Darüber, was er hier machte, war bis gestern Abend nicht besonders viel bekannt. Amri sei, sagt der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) gestern, „zuletzt kurz“ in Nordrhein-Westfalen gewesen. Er habe als „hochmobil“ gegolten und seine Aufenthaltsorte häufig zwischen Berlin, Freiburg und NRW gewechselt. Fest stehe: Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er blieb aber in Deutschland geduldet.

Eigentlich sollte er abgeschoben werden. Ende Juli war Amri kurz in Abschiebehaft in Ravensburg. Ein Bereitschaftsrichter des Ravensburger Amtsgerichts hatte am 30. Juli den Abschiebehaftbefehl für eine Person mit dem Namen Anis A. erlassen. Das bestätigt das Justizministerium in Stuttgart gestern auf Anfrage. Am 1. August aber kam Amri wieder frei. Die zuständige Ausländerbehörde im Kreis Kleve hatte die Freilassung beantragt. Die geplante Abschiebung platzte vermutlich wegen fehlender Ausweispapiere. „Der Mann konnte nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte“, erklärt Jäger. Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich bei Amri um einen Tunesier handele.

Es hätte gute Gründe gegeben, Amri schnell abzuschieben. Laut Jäger wurde gegen ihn seit Monaten wegen Terrorverdachts ermittelt. Er sei als „Gefährder“ eingestuft gewesen: „Diese Person ist verschiedenen Sicherheitsbehörden in Deutschland durch Kontakt zu einer radikalislamistischen Szene aufgefallen.“ Aus taktischen Gründen könne er keine konkreten Angaben zum Umfeld machen. Kontakte des Tunesiers zum Anfang November in Hildesheim festgenommenen Hassprediger Ahmad Abdelazziz A., (Abu Walaa), wollte Jäger weder bestätigen noch dementieren,

Die Behörden tauschten Informationen zu Amri über das gemeinsame Terrorabwehrzentrum von Bund und Ländern aus, zuletzt im November. Das NRW-Landeskriminalamt habe „beim Generalbundesanwalt ein Verfahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“ initiiert. Die Ermittlungen habe in Berlin der Generalstaatsanwalt geführt.

Es waren offenbar intensive Ermittlungen: Amri wurde von März bis September observiert. Bei den Ermittlungen sei es um Informationen gegangen, wonach Amri einen Einbruch plane, um sich Mittel für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen – „möglicherweise, um dann mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen“, erklärte die Generalstaatsanwaltschaft gestern Abend. Der Verdacht habe sich nicht erhärtet.

Erwiesen ist noch nichts

Jäger betonte, dass noch unklar sei, ob Amri am Anschlag beteiligt war. Auch aus dem Innenausschuss des Bundestags, der gestern unterrichtet wurde, mahnten Abgeordnete zur Vorsicht. Frank Tempel (Linke) verwies darauf, dass es sich bei der Geldbörse samt Papieren im Lkw-Führerhaus auch um eine gelegte Spur handeln könne. Bis gestern Abend wurde auch nicht bekanntgegeben, ob neben dem Geldbeutel auch weitere Spuren zu Amri im Lkw gefunden wurden.

Unabhängig davon ermitteln die Polizisten ohnehin weiter. Polizei-Ausbilder Schröder erklärt: „Die Polizei wertet in einem solchen Fall auch systematisch alle infrage kommenden Kameraaufnahmen aus, sowohl öffentliche als auch private.“ Die Kripo sichtet also Videoaufnahmen vom Breitscheidplatz aus, von der Umgebung und auch von anderen Orten, an denen der Täter sich aufgehalten haben könnte, aus.

Dazu gehört auch das Friedrich-Krause-Ufer in einem Berliner Industriegebiet. Dort soll der Attentäter den polnischen Lkw-Fahrer überwältigt und den Lastwagen entführt haben. Für Aufnahmen von Privatleuten richtete die Polizei eine Datenbank ein, in die jeder Foto und Filme stellen kann. „Das ist natürlich eine ganze Menge Material und entsprechend eine riesige Arbeit“, sagt Schröder.

Außerdem würden immer Zeugen befragt, um die Täterbeschreibung zu konkretisieren. Die Polizei hat nach eigenen Angaben bis gestern mehr als 500 Hinweise zum Anschlag erhalten. Allerdings zeigt die frühe Festnahme eines anderen Verdächtigen kurz nach dem Anschlag, der nicht der Täter war, dass Zeugenaussagen in die Irre führen können.

Auch ermitteln Polizisten im Internet, „etwa in islamistischen Foren, wo sich Nutzer über solche Taten unterhalten“, wie Schröder erklärt. Klar sei auch, dass bei Bezügen zum Islamismus die Szene abgeklopft werde. „Wenn der Verdacht eines islamistischen Hintergrunds besteht, muss man auch die sogenannten ,Gefährder‘ überprüfen“, sagt Schröder. „Sind noch alle da, oder ist einer womöglich abgetaucht? Gibt es Hinweise, dass jemand bei solchen Leuten vielleicht Unterschlupf sucht?“

Routinemäßig werten Fahnder auch Handy- und GPS-Daten aus, etwa das Navigationssystem und die Elektronik des Lkw. Daraus ergab sich wohl, dass der Laster am Montag nach 16 Uhr mehrfach gestartet wurde. Auch die gefahrene Strecke vom Abstellplatz des Lasters zum Weihnachtsmarkt dürfte klar sei. Entlang der Route kann die Polizei dann alle Handydaten analysieren, um eine oder mehrere Telefonnummern herauszufiltern und ein Bewegungsbild zu erstellen.

Ob all diese polizeilichen Ermittlungen am Ende ein klares Bild liefern? Ob der Gesuchte Anis Amri wirklich der Täter ist? Ob er Komplizen hatte? Warum der Täter die Tat beging? All das ist bislang unklar.

afp/aw/dpa/hab/jon

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22.12.2016, 06:00 Uhr

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