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Die Studentenmütter und Wirtinnen Tante Emilie und das Mammele waren bereits zu Lebzeiten echte Legenden

Wo selbst Trunkenheit noch Niveau hatte

„Tante Emilie“ und „Mammele“: Wer von den älteren Tübingern die Namen dieser beiden Wirtinnen hört, bekommt leuchtende Augen; fühlt sich in jene schlichten verrauchten Kneipen hineinversetzt, in denen Wein, Bier und Essen günstig, die Herzen der beiden Studentenmütter groß und warm waren. Bilder von dampfenden Suppen in karger Zeit tauchen dann auf, aber auch von „dionysischen Feiern“. Die Verehrung reichte so weit, dass bekennende „Emilianer“ in der ganzen Welt Stammtische gründeten. Einen Fackelzug bekamen beide Wirtinnen, Tante Emilie wurde sogar zur „Miss Tübingen“ gekürt.

22.04.2011
  • Manfred Hantke

Begonnen hat die Geschichte der Wagner‘schen Weinstube in der Tübinger Hirschgasse 1837. Auf diese Jahreszahl bezieht sich Wilhelm Wagner, der 1884 die Wirtschaft von seiner Mutter übernahm. Als er 1894 starb, schenkte dessen Frau Katherine Wagner den Wein aus. Sie zog sich 1925 mit 64 Jahren zurück und verpachtete ihre Weinstube an Wilhelm Schnaith.

Wo selbst Trunkenheit noch Niveau hatte
Der Fackelzug für Tante Emilie auf dem Tübinger Marktplatz: „Meiner war länger“, sagte sie etwas später kurz und bündig auf die Frage, wie ihr der Fackelzug anlässlich der Gründung des Südweststaates gefallen habe. Rund 3000 Menschen waren am Abend des 25. Juli 1951 für die Tante auf den Beinen.

Wie schon in den 100 Jahren zuvor, wäre die Geschichte der Weinstube auch weiter dahin geplätschert, hätte Schnaith nicht 1938 den „Bären“ übernommen und für die Weinstube einen Nachfolger gesucht. Weil die Gäste mit Schnaith das Lokal gewechselt hatten, war der Besuch in der Weinstube „ganz schlecht".

So steht es in den Akten. Niedrige Schankräume, eine enge und primitiv eingerichtete Küche und der „üble Geruch“ aus der „Abortgrube“ sowie der Gesamtzustand des Gebäudes machten das Lokal wenig attraktiv für Pächter. Ein Umbau schien nicht rentabel. Aus „hygienischer und sicherheitspolizeilicher Sicht“ war es denkbar „ungeeignet für heutige Ansprüche“. Zwei potenzielle Pächter sprangen denn auch wieder ab. Da übernahm im November 1938 die damals 64-Jährige Emilie Sauer die Verwaltung.

Königin, Chefin und Versorgerin

Emilie Sauer wurde am 17. April 1874 in Schnait, Kreis Waiblingen, geboren. Ihr Vater Gottlob Sauer war dort Metzgermeister und Ochsenwirt (Gottlieb Daimler schätzte das Lokal während seiner ersten Autoausfahrten). Von 1902 bis 1923 bediente Emilie Sauer in verschiedenen Tübinger Gaststätten und hatte bis 1929 die Wirtschaft „Zur Farb“ gepachtet. Bis 1938 lebte sie von den Einnahmen ihrer vermieteten Zimmer in der Ammergasse 23.

Am 1. Oktober 1942 erhielt die 68-Jährige schließlich die Pachterlaubnis – „mit Rücksicht auf die Kriegsverhältnisse“. In dieser Zeit hat es Emilie Sauer verstanden, ihre Gäste satt und durstfrei zu bekommen. Gut daran erinnern kann sich heute noch der 78-jährige Geologe Walter Fischer aus Lustnau. Er hat vor vier Jahren ein 15 Strophen langes Gedicht auf Emilie Sauer verfasst, das in den Konzessionsakten liegt. „Bei ihr hat man immer etwas zu essen bekommen“, sagt er. Aus ihrer Remstaler Heimat schaffte sie während des Krieges mit ihrem Wagen Milch, Most und Wein, Leber-, Streich- und Schwarze Wurst herbei und konnte – wohl durch ihre Beziehungen ins Badische – gar Tabak anbieten. Fischer: „Das war die Königin da unten, die Chefin, die Versorgerin, die Verpflegerin.

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Das Haus in der Mitte beherbergte Tante Emilie bis 1955. Heute sind in den Schaufenstern des neu erbauten Gebäudes in der Hirschgasse Möbel der Firma Hecht zu sehen.

Die relativ gute Versorgungslage in der Weinstube hatte sich herumgesprochen. Im Januar 1943 vermerkte das Landratsamt einen guten Besuch. Zu den Gästen zählten Bürger, Beamte, Studenten, Professoren und Soldaten. Wer keine Lebensmittelmarken besaß, wurde dennoch bei Emilie Sauer satt. Man konnte bei ihr „anschreiben“ lassen. So war‘s auch nach dem Krieg. Diejenigen, zu denen sie ein besonders herzliches Verhältnis hatte, durften „Tante“ zu ihr sagen. Bald bürgerte sich der Kosename „Tante Emilie“ ein

Doch die Tante konnte auch anders. Als sich Generalfeldmarschall Erwin Rommel zur Kur im Tropengenesungsheim aufhielt und morgens schon Wein wollte, verwies sie ihn selbstbewusst auf den Abend. Und einem angesehenen Juristen, der sich rühmte, zum dritten Mal Vater geworden zu sein, gratulierte die ledige alte Dame zwar, ermahnte ihn jedoch: Es sei jetzt genug für die Frau Professor. Er habe bewiesen, dass er etwas könne. Jetzt solle er sein Weib schonen. Die Tante nahm kein Blatt vor den Mund – egal, ob ihr Gast Fürst oder Prinz, Professor oder Bischof, Stadt- oder Staatsrat war.

Die Tante setzte sich mit schwäbisch-herber Direktheit durch, war aber auch herzensgut und sorgte sich wie eine Mutter um ihre Gäste. So manchem Kandidaten soll sie persönlich im Examenszimmer abgeliefert und ihn mit Wein zur Prüfung ermuntert haben. In ihrer mit einfachen Holzmöbeln ausgestatteten Kneipe saß sie vor einem großen eisernen Ofen. Manchmal schlief sie ein. Neben ihr hatte Mischlingshündin „Asta“ Platz genommen.

Wo selbst Trunkenheit noch Niveau hatte
Reliquie für „Emilianer“. Das Schild hing früher in der Neckargasse, heute hängt es im Boulanger.

Weit über Tübingen hinaus ging der Ruhm der Tante Emilie 1951. Da huldigten ihr die Universität und die Stadt mit einem Fackelzug – übrigens der erste nach dem Krieg und der einzige, der einer Frau gegolten hat, dazu noch einer, die nie studiert hatte. Denn zum damaligen Rektor, dem evangelischen Theologen Prof. Helmut Thielicke (er schwärmte von „dionysischen Feiern“, in einem „wilden, aber gebändigten Stil“), waren kurz zuvor die Studenten im Büro aufgetaucht. Sie wollten etwas „anstellen“, wüssten aber nur nicht, was. Nach einigem Hin und Her kamen sie auf einen Fackelzug für Tante Emilie. So jedenfalls erzählt es Thielicke in dem Büchlein „... in Tübingen Student“, das zum 80. Geburtstag der „Tante“ 1954 erschien.

Urbild der Studentenmütter

Am Abend des 25. Juli waren rund 3000 Menschen bei Regen auf den Beinen. Selbst der Kultusminister aus Stuttgart und Landtagsabgeordnete ließen sich blicken. In einer Sänfte wurde die Tante zum Marktplatz getragen. Hinter ihr schritten die Studenten und trugen Fackeln. Am Marktbrunnen sprach zunächst Thielicke, der das „Urbild der Tübinger Studentenmütter“ zur „Miss Tübingen“ kürte. In ihrer Person sollten sinnbildlich alle Tübinger Studentenmütter geehrt werden. Anschließend „vermählte“ der einstige Tübinger Philosophieprofessor und ehemalige Vikar Theodor Haering die Studentenschaft mit der Stadt und ließ beide einander ewige Treue und Liebe versprechen.

Der Lustnauer Walter Fischer hat die Szenen noch gut vor Augen: „Das hat schon Spaß gemacht“, sagt er, „da war man stolz, hinter der Sänfte herlaufen zu dürfen.“ Am Schluss sangen alle eine „Hymne an Tante Emilie“. Die Leihgebühr für die Sänfte in Höhe von 150 Mark (rund 75 Euro) teilten sich brüderlich der OB Wolfgang Mülberger, Rektor Thielicke und TAGBLATT-Verleger Will Hanns Hebsacker.

Wo selbst Trunkenheit noch Niveau hatte
Beim Zwingel am Neckartor waren bis 1959 Tante Emilie und bis 1973 das Mammele die Wirtinnen: Keine Musikbox, keine Konserve. Stattdessen Gitarrenmusik live.

Doch vier Jahre später sollte das Haus abgerissen werden und einem Zweiradgeschäft weichen. Die Tante und auch die Studenten wehrten sich, sammelten gar das Geld für den Hauskauf. Aus der gesamten Republik reisten Reporter an und berichteten über die angedrohte Räumung. Es nutzte nichts. Die 81-Jährige musste raus.

Als Ersatz bot im September 1955 Ferdinand Fischer seine Räume in der Neckargasse 20 an – am Zwingel, gegenüber der heutigen Pizzeria neben dem Neckartor. Die Stuttgarter Brauerei Wulle pachtete die Räume.

Ein „Pariser Platz“ in Tübingen

Gesundheitlich schon länger nicht mehr auf der Höhe erlitt Emilie Sauer am 9. Januar 1959 abends um halb zehn in ihrer Wirtschaft einen Gehirnschlag. Ein Gast brachte sie heim, eine Stunde später starb sie im 85. Lebensjahr – sitzend in ihrem Sessel. Zur Beerdigung am 12. Januar auf dem Bergfriedhof kamen hunderte von Studenten. Sechs Mitglieder der Landsmannschaft Palatia trugen ihren Sarg, sowohl der ASTA- als auch der Vertreter des Tübinger Farbenrings würdigten die „menschliche Güte“ und „mütterliche Fürsorge“ der Tante.

Obwohl OB Hans Gmelin die Konzession der Gaststätte 1955 als eine persönliche für Emilie Sauer bezeichnet hatte, stand doch eine Nachfolgerin bereit: Theresia Albus, die zuvor als Köchin im Weilheimer Kneiple und im Tübinger Hauptbahnhof gearbeitet hatte. Sie wurde später als „Mammele“ bei ihren Gästen berühmt und versammelte eine große internationale Familie um sich.

Wie zuvor die Tante sorgte sie sich ebenfalls mütterlich und uneigennützig um „ihre“ Studenten. Korporierte und Nicht-Korporierte saßen hier am Zwingel noch einträchtig zusammen. Am Heiligen Abend kamen bis zu 40 Gäste aus 20 bis 30 Nationen in ihre kleine Kneipe (und Sozialstation), spielten Gitarre, sangen Studentenlieder. Französische Soldaten sollen sogar auf ihren Heimaturlaub verzichtet haben, um bei Mammele unterm Baum zu sitzen.

„Der Laden, das bin ich“, pflegte Theresia Albus zu sagen. Sie wachte – stets mit einer langen Zigarettenspitze in der einen, ein Glas Pernod in der anderen Hand – mit ihrer Trillerpfeife und ihrer rauchigen Stimme über Sitte und Moral der Gäste. Und die schwärmten von der familiären Gemütlichkeit, von Mammeles Idealismus, ihrer Herzlichkeit, ihrer „mütterlichen Sorgelust“ und priesen den „ehrlichen Kontakt von Mensch zu Mensch“. „Selbst Trunkenheit hat hier noch Niveau“, schrieb ein Mammele-Fan in einem Leserbrief ans TAGBLATT. „Emilianer“ und „Mammele“-Verehrer gab es in der ganzen Welt – Stammtische von Tokio bis Nairobi.

Mitte Juni 1959 häuften sich Beschwerden der Nachbarn. Dreck, Lärm („ständige Ansammlung von Halbstarken, randalierende Betrunkene“) und „Anstoß erregendes unsittliches Verhalten“ wurden kritisiert. Sogar Geschlechtsverkehr und „öffentliche Hurerei“ soll es an der Mauer gegeben haben. Der Zwingel werde in „Pariser Platz“ umgetauft, argwöhnte man. Anfang 1961 lagen 60 Anzeigen vor.

So kündigte die Brauerei Wulle auch auf Drängen des Amtes für öffentliche Ordnung im Juni 1961 Theresia Albus. Doch ein Nachfolger fand sich nicht. Nachdem sich Ex-Mammele-Besucher aus aller Welt für die Wirtin eingesetzt hatten, darunter auch Tsewang Tetkong, persönlicher Dolmetscher des Dalai Lama, ließ die Stadt sie im „Wohnzimmer“, wie die Kneipe von den Gästen liebevoll genannt wurde.

Doch die Nachbarn beklagten sich abermals. Zum 31. März 1973 erhielt die Wirtin die Kündigung. Eine Fischbratfiliale wollte die Räume nutzen. Etwa 8000 Menschen setzten sich mit ihrer Unterschrift für den Erhalt des „Wohnzimmers“ ein. Umsonst.

Im Zwingel ist danach nie wieder eine Kneipe untergekommen, auch das Mammele hat trotz angestrengter Suche nie wieder hinterm Tresen gestanden. 1982 veranstalteten die einstigen Gäste zum 70. Geburtstag von Theresia Albus einen Fackelzug. Er startete beim LTT, endete an ihrer Wohnung in der Christophstraße. Theresia Albus starb im September 1986. Wie die Tante wurde auch sie auf dem Bergfriedhof begraben.


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22.04.2011, 12:00 Uhr

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