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Wo warst du, Ahmed?
Zur Ruhe kommen im Münster: Ahmed Yahya, der im Oktober aus der vom IS besetzten Stadt Mossul floh, ging in Ulm zur Grundschule. Foto: Lars Schwerdtfeger
Ein 19-Jähriger ist in Ulm zur Grundschule gegangen, hat im Irak gelebt und ist jetzt Flüchtling

Wo warst du, Ahmed?

19.04.2016
  • ULRIKE SCHLEICHER

Es war ein Fehler. Das wurde Ahmed Yahya klar, als er vor dem Haus im Ulmer Stadtteil Böfingen stand, in dem er einst zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hat. Er war neugierig gewesen, ob er vertraute Gesichter entdecken würde, ob der Drogeriemarkt noch an der Ecke ist, wer hinter den Vorhängen der Wohnung lebt. Aber Ahmed traf niemanden, und den Drogeriemarkt gibt es längst nicht mehr. Alles, was ihm der Ausflug brachte, war Wehmut. "Die Erinnerungen an diese Zeit und meine Situation heute - das geht nicht zusammen."

Ahmed ist eins von vier Kindern irakischer Eltern, die Anfang der 90er Jahre Asyl in Deutschland beantragt hatten und bekamen. Er ist in Magdeburg geboren, dann zog die Familie - der Vater war Fahrer bei einer Spedition - nach Ulm. Vier Jahre lang besuchte Ahmed hier die Grundschule, hatte Freunde, spielte Fußball. Bis zu jenen Sommerferien 2007, die sie in Syrien verbrachten "weil mein Vater dort immer mal wieder Verwandte traf". Am Abend vor der Heimreiseverkündete der Vater: "Wir gehen nicht zurück, wir gehen in den Irak." Begriffen hat es niemand, vor allem die Mutter nicht: "Was wollen wir dort, wir haben nichts. Und es ist Krieg", habe sie argumentiert. "Aber Frauen entscheiden in dieser Kultur nicht über solche Dinge", erklärt der 19-Jährige. Also gab die Familie die Pässe in der deutschen Botschaft zurück.

Ahmed betrat ohne Abschied von seinen Freunden von heute auf morgen eine fremde Welt: "Ich konnte kaum Arabisch, wusste nichts über das Leben dort und hatte vor allem furchtbare Angst vor den Soldaten." Sie lebten in einem Haus in Mossul. In der Stadt, die 2006 von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) zu ihrer Hauptstadt ausgerufen worden ist und deren Bewohner seitdem in Angst und Schrecken leben. Obwohl Ahmed Moslem ist, kannte er keine Moscheen, sondern Kirchen - etwa das Ulmer Münster, das er immer gern besuchte.

Die Folge: Selbst die Verwandten blieben skeptisch, die Familie war auf sich gestellt - mit einem Vater, der seine Entscheidung bereute und psychische Probleme bekam; mit einer Mutter, auf der alle Verantwortung lastete. Ahmed quälte sich drei Jahre durch die Schule. "Dann war Schluss, ich hab als Lagerarbeiter gearbeitet." Der junge Mann spricht leise. An manchen Tagen fühle er sich, als sei er 50 Jahre alt. Mindestens. "Ich habe so vieles erlebt und gesehen."

Im vergangenen Oktober begab er sich mit dem Vater auf die Flucht nach Europa. Über die Türkei, wo sie in der Hafenstadt Izmir in ein Schlauchboot stiegen: "Wenn man das sieht, dann bekommt man Angst - da kann alles passieren." Tat es auch: Das Boot kenterte bei hohem Wellengang, Ahmed schwamm mehr als eine Stunde im Wasser zurück, um am nächsten Tag den gleichen Wahnsinn zu begehen: "Warum? - Weil es kein Zurück gibt. Sterben kann ich in Mossul und auf der Flucht. Dann lieber Letzteres."

In Mossul, wo die Raketen der Anti-IS-Allianz den Menschen um die Ohren fliegen, existierten drei Staaten, erklärt Ahmed: einer der sunnitischen Dschihadisten, einer der Schiiten und ein irakischer Staat. Keiner davon ist für Ahmed gedacht. "Ich bin Sunnit, aber kein IS-Dschihadist, ich habe keinen irakischen Pass und die Shiiten muss ich auch fürchten." Das Geld für die Schlepper reichte nur für Zwei aus der Familie. "Das war so schwer zu entscheiden. Jetzt sitze ich hier und sehe meine Mutter und meine Geschwister im Feuer. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken."

Seit Oktober ist er mit seinem Vater in Ulm. Ahmed lebt in der Keplerhalle, der Vater - von dem der 19-Jährige bewusst Abstand nimmt - wohnt in der Meinlohhalle. Von den 180 Euro Taschengeld, die Ahmed bekommt, schickt er immer wieder einen Teil zur Familie im Irak, - "so können sie Essen kaufen". Der Bruder arbeite. "Aber es gibt nicht mehr viel in Mossul."

Ahmed wartet wie viele: Wer keinen Pass habe, besitze keine Hände, erklärt der 19-Jährige. Er will den Hauptschulabschluss machen und wartet darauf, dass im Juli sein Praktikum in einem Betrieb in Blaustein beginnt: "Ich will eine Chance bekommen." Auch davor würde er gern arbeiten, weil er nicht "mehr rumsitzen und nachdenken" will. Vieles am Asylverfahren versteht er nicht. "Alle fragen, warum es bei mir nicht schneller geht. Ich bin doch in Deutschland geboren."

Manchmal setzt sich Ahmed ins Münster, so wie früher. "Es ist ruhig dort." Er hat ein paar Klassenkameraden von der Grundschule auftreiben können und sie getroffen. Einer habe Klassenfotos mitgebracht. Alle hatten die gleiche Frage: "Wo warst du, Ahmed?"

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19.04.2016, 06:00 Uhr

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