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Wo wir sterben wollen
Autorenfoto Foto: Könneke Volkmar
Leitartikel

Wo wir sterben wollen

19.11.2016
  • ANTJE BERG

Ulm. Wir haben keine Zeit mehr, in Ruhe zu sterben – und Menschen, die wir lieben, in Ruhe sterben zu lassen. Zu Hause, in einer Atmosphäre von Zuneigung, Geborgenheit und Trost. Damit sie diese Welt so verlassen können, wie wir es auch für uns selbst wünschen. Zwei von drei Deutschen verbringen die letzten Stunden ihres Lebens an einem Ort, an dem sie in diesen Augenblicken niemals sein wollten: in einem Pflegeheim oder im Krankenhaus. Und die allermeisten, die heute mitten im Leben stehen, haben Angst, „so zu enden“.

Viel ist in unserer Gesellschaft die Rede vom würdigen Sterben, seit Jahren gibt es einen gesetzlichen Anspruch Todkranker, zu Hause palliativ versorgt zu werden – von fachkundigen Ärzten, gut ausgebildeten Pflegern, einem Hospizdienst und Angehörigen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen oft Welten. Vor Jahrzehnten, als mehrere Generationen unter einem Dach lebten, war es normal, zu Hause zu sterben. Kaum einer wäre auf die Idee gekommen, einen Sterbenden noch einmal in die Klinik zu geben, einen lange reservierten Platz im Heim endlich abzurufen oder das Leben mit fragwürdigen Methoden zu verlängern.

Nein, es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verklären, die Menschen in jener Zeit mussten viel häufiger als heute einen qualvollen Tod erleiden, weil die Medizin ihre Schmerzen kaum lindern konnte. Aber wenn wir uns heute einreden, der Tod sei kein Tabu mehr und das Ganze eine Angelegenheit, der wir uns als aufgeklärte Menschen unbefangen stellen, belügen wir uns selbst. Viel zu oft verdrängen wir den Tod, vielleicht sogar öfter denn je, lagern das Sterben aus in Institutionen, wo die Angehörigen von Fremden versorgt werden, die ihre Arbeit in der Mehrheit zwar gut tun, aber eben nicht vertraut sind.

Im Zweifelsfall existieren gute Gründe, sich nicht rund um die Uhr den sterbenden Eltern zu widmen. Da ist der Beruf, der einen fordert, es gibt Kinder, die zu ihrem Recht kommen sollen, und einen Partner, für den man ohnehin zu wenig Zeit findet. Die Gewissheit, dass all das hintan stehen muss, wenn der Sterbende begleitet werden soll, erscheint erdrückend, wirft Zweifel auf, macht Angst. Alles verständlich. Gleichzeitig sagt es manches über unsere Gesellschaft aus, dass kaum einer den vor kurzem eingeführten Anspruch auf Pflegezeit wahrnehmen will. Viele meinen, sie könnten sich nicht einmal dieses Innehalten leisten, weder beruflich noch finanziell, obwohl der Gesetzgeber für Letzteres eine Lösung anbietet.

Auf die Ankunft eines neuen Lebens bereiten wir uns monatelang vor. Stirbt ein Mensch, geht es um Wochen, wenn nicht nur Tage. Soll das zu Hause geschehen oder will man Mutter oder Vater zu sich holen und mit professioneller Hilfe umsorgen, muss auch das gut geplant sein. Deshalb ist es nötig, frühzeitig darüber zu reden, auch wenn es schwer fällt. Der Lohn dafür sind innerer Frieden – und das gute Gefühl, sich Zeit für einen wichtigen Abschied genommen zu haben, der keine Wiederkehr kennt.

leitartikel@swp.de

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19.11.2016, 06:00 Uhr

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