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Zu schick fürs Dorf

Woher die Sachen in der Gomaringer Auswandererausstellung kommen

Von der China-Kiste bis zum Brautkleid: Es war alles andere als einfach, alle Exponate und Leihgeber für die aktuelle Ausstellung im Gomaringer Schloss „Das Glück in der Ferne suchen“ zu finden.

07.11.2015
  • susanne mutschler

Gomaringen. Bei 36 der 39 bisher im Gomaringer Schloss gezeigten Wechselausstellungen hat die Kulturwissenschaftlerin Birgit Wallisser-Nuber Regie geführt. Schon während ihres Studiums der Empirischen Kulturwissenschaft am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut war sie schwerpunktmäßig mit Ausstellungskonzeptionen beschäftigt. In der derzeitigen Schau im Schloss hat sie exemplarisch eine Reihe von Gomaringer Auswanderer-Biografien aufgearbeitet. Es gehe ihr nicht um Vollständigkeit, sondern darum, einzelne Schicksale anschaulich und bildhaft zu machen, erklärt sie. Die kompletten Daten aller 1460 Gomaringer, die zwischen 1679 und 1757 entweder donauabwärts oder nach Übersee auswanderten, kann man in dem von Beatrice Burst verfassten Ausstellungsbegleitband nachlesen.

Anfangs hatte Wallisser-Nuber für ihr Ausstellungsprojekt nur wenige Exponate fest im Sinn, etwa die „China-Kiste“ des Gomaringers Karl Schucker, die vom Boxer-Aufstand 1901 berichtet. Oder das aus New York mitgebrachte Brautkleid von Marie Zeeb oder das prächtige, mit einer Spieluhr versehene Fotoalbum der Familie Kirschbaum. Dieses Album ist einer der Wiedergänger in Wallisser-Nubers Ausstellungen: Es illustrierte bereits die Fotoausstellung und war als Exponat bei der Ausstellung über den Ersten Weltkrieg dabei. Jetzt ist es genau bei dem Foto aufgeklappt, das Gomaringer Bäcker vor ihrem Laden in New York zeigt. „Jeder fünfte Auswanderer aus dem Dorf war Bäcker“, erzählt Wallisser-Nuber.

Weitere Nachforschungen führten sie zu noch lebenden Nachkommen von Gomaringer Auswanderern. Von der inzwischen über 80-jährigen Eleonore Zeeb erfuhr sie vom „Amerikaner-Haus“, das ihre zurückgekehrten Eltern im New-Yorker Stil im Dorf bauen ließen. Die Pläne dazu fand sie im Bauamt. Von Zeebs Großnichte bekam sie ein mit Goldnuggets gefasstes Medaillon: Zwei Schwestern aus dem ausgewanderten Gomaringer Zeeb-Clan waren nacheinander mit einem Goldgräber aus Alaska verheiratet gewesen.

Die Gomaringer Karl und Amalie Baumann waren in den 1920ern nur so lange als „Gastarbeiter“ im fernen New York geblieben, bis sie genug Geld beisammen hatten, um später wieder einen Kolonialwarenladen in Gomaringen zu eröffnen. Als ihr Sohn, Karlheinz Baumann der Ausstellungsmacherin aus der Lebensgeschichte seiner Eltern erzählte, überließ er ihr gleichzeitig den verrosteten Aushänger vom Laden in der Lindenstraße, das amerikanische Werkzeug seines Vaters und die Wärmflasche, in der seine Mutter echte Kaffeebohnen von Amerika bis nach Gomaringen geschmuggelt hatte.

Auf umständlichen Gesprächswegen – „das sind alles Insider-Geschichten“, sagt Wallisser-Nuber – kam sie an die Silberlöffel, die der reiche amerikanische Onkel Eugen Wörner in den 30er Jahren an seine 14 Gomaringer Neffen und Nichten verteilt hatte. Für Informationen über den Luftikus Stavo Gräter, der anstatt das Korsettgeschäft seines Vaters zu übernehmen, lieber Fluglehrer in Amerika werden wollte, ging sie ins Ortsarchiv.

Auch die Leihgeber früherer Ausstellungen waren ergiebige Ansprechpartner. Von Gottlob Kurz weiß sie seit der Fotoausstellung, dass er neben Massen alter Aufnahmen auch zahlreiche amerikanische Verwandte besitzt. Kurz erklärte ihr, wie das Gesicht der Maria Katharina Kurz auf dem Familienbild von 1923 nachträglich ins Bild eingefügt wurde. Zu diesem Zeitpunkt lebte jene bereits in Amerika. Als Statthalterin für ihren Körper hatte eine Gomaringer Nachbarin posiert.

Seidenkleider aus New York

Man wollte den Daheimgebliebenen etwas zu Gute kommen lassen, erfuhr Wallisser-Nuber, als sie im Fundus der Geschichtswerkstatt New Yorker Seidenkleider in der geschätzten Größe 46 auspackte. Weil sie fürs Dorfleben viel zu elegant waren, hatten sie in Gomaringer Truhen lange überlebt. Ein kleiner Lederhalbschuh berichtet davon, dass manche Gomaringer eine Schablone in Kinderfußgröße an die Verwandten in Amerika schickten, wenn neue Schuhe gebraucht wurden. Das Kassenbuch der „Harmonie“ hatte Extra-Spalten für Dollar und D-Mark, denn betuchte Auswanderer wie Gottlieb Lutz schickten immer wieder Geld für Noten und zechfreie Abende. Eine der – im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzenen – Gomaringer Kirchenglocken hieß wegen der Spenden aus Übersee die „Amerikanerglocke“. Im ausgestellten Gemeindeblatt von 1921 sind die genauen Beträge aufgelistet.

„Mittlerweile habe ich im Dorf ganzes Netzwerk von Leuten, an die ich mich wenden kann“, so Wallisser-Nuber. Sie weiß, wer alte Münzen, landwirtschaftliches Gerät oder historische Fotoapparate sammelt, und auch, dass der verstorbene Schuhmacher Eugen Betz von allen alten Schuhsorten ein Paar aufgeoben hat.

Daneben sind die Aktiven der Geschichtswerkstatt ihr zuverlässigstes Unterstützerteam. Über deren Vermittlung bekam sie an ein Original Care-Paket aus dem Museum in Eningen. Im Donauschwäbischen Institut in Tübingen wurde das Modell einer „Ulmer Schachtel“ entdeckt, mit der Gomaringer Auswanderer donauabwärts reisten. Aus dem Neupasua Museum in Reutlingen kommt ein nachgebauter donauschwäbischer Bauernhof, aus Mössingen das von Karl Maier konstruierte Holzmodell des Überseedampfers „Bremen“ von 1928.

Hinter den meisten Exponaten, so auch hinter dem Kochbuch, in dem die Missionarsgattin Martha Junger in Borneo die Rezepte der Einheimischen notierte, stecken spannende Geschichten. Man sollte sich viel Zeit nehmen, um sie nachzulesen, findet Wallisser-Nuber oder – noch besser – „sich die Ausstellung bei einer Führung erzählen lassen“.

Info: Die Ausstellung ist jeden Sonntag von 13 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

Woher die Sachen in der Gomaringer Auswandererausstellung kommen

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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