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Nahverkehrs-Standards werden diskutiert

Wohin fahren Bus und Bahn in Zukunft?

Welcher Ort ist wie erreichbar, mit welchen Verkehrsmitteln, zu welchen Zeiten? Der Nahverkehrsplan setzt die künftigen Standards für die Versorgung der Bevölkerung im Kreis Tübingen mit Bussen und Bahnen.

19.05.2012
  • Eike Freese

Kreis Tübingen. Die Welt hat sich verändert seit 1998: Benzin- und Parkplatzkosten sind gestiegen, Ladenöffnungszeiten haben sich verlängert, mehr Autos verstopfen die Straßen. Zeit also für einen neuen Nahverkehrsplan. Denn der aktuelle ist 14 Jahre alt.

Derzeit beginnt die Anhörungsphase für das Schriftstück, das Richtlinien dafür festschreibt, wann und wie welche Gemeinden erreichbar sein sollen und welche weiteren Standards der ÖPNV den Nutzerinnen und Nutzern in den kommenden Jahren bieten soll.

Über 70 Städte, Gemeinden, Behörden, Unternehmen und Interessenvertreter brüten derzeit über dem Papier. Die Gemeinden Ofterdingen und Bodelshausen haben bereits die bessere Einbindung ihrer Orte angemahnt. Der Behindertenbeauftragte des Kreises Willi Rudolf fordert etwa verbindliche Vorgaben dafür, ab welchem Zeitpunkt Busse und Bahnen barrierefrei sein müssen.

Transparenz in Zeiten der Fußball-EM

Weitere Wortmeldungen sind absehbar und, so das Landratsamt, auch gewünscht: „Umfassende Transparenz und Bürgerbeteiligung“ verspricht Landrat Joachim Walter. Die Kreisverwaltung hat für den 13. Juni eine Informationsveranstaltung im Landratsamt angesetzt – um 17 Uhr, damit auch Fußballfreunde (Deutschland-Holland) keinen Grund zum Schwänzen finden. Bis dahin soll der 75-Seiten-Entwurf ab kommender Woche im Landratsamt ausliegen und im Internet einsehbar sein. Über eine zentrale E-Mail-Adresse sollen Bürgerinnen und Bürger bis Ende Juli Stellungnahmen abgeben können. Nach der Auswertung aller Stimmen beschließt der Kreistag die finale Version am 17. Oktober.

Der aktuelle Entwurf ist an gegenwärtige und prognostizierte Verkehrsbedingungen angepasst. Für das so genannte „Grundnetz“ des Plans, das alle Kreisgemeinden mindestens in Richtung auf das nächstliegende Zentrum verbindet, sind unter anderem vorgesehen: ein früherer Beginn der Fahrten an jedem Werktag, lückenloser Abendverkehr in beide Richtungen, am Wochenende erweiterte Zeiten und dichterer Takt sowie grundsätzliche Versorgung am Samstagnachmittag.

Davon, dass alles besser wird, sind dennoch nicht alle Kreistags-Mitglieder überzeugt. So monierte etwa Grünen-Rat Gerd Hickmann bei der Verabschiedung der Offenlegung am Mittwoch unter anderem „einen Abbau der Versorgung im ländlichen Raum“, „heftige Lücken im Netz“ und „keine Verbindung zur Albhochfläche“.

Für Landrat Joachim Walter kommt solche Kritik zu früh – diese Woche würde zunächst über die Offenlegung beraten, die Nachbesserungen seien das Thema der kommenden Monate: „Dieser Anhörungsentwurf ist nur ein Startschuss, wir müssen hier und jetzt nicht alles diskutieren.“

Von diesem Startschuss bis zum Zieleinlauf bleiben den Kreisbewohnerinnen und -bewohnern anderthalb Monate. Nicht viel, wie zumindest SPD-Rätin Renate Schelling kritisch bemerkte: „Es wird knapp bis Ende Juli. Der Entwurf muss durch die Gemeinderäte, den Betroffenen muss Zeit bleiben, sich einzuarbeiten.“

Auch die anderen Fraktionen nehmen die Nahverkehrs-Weichenstellung für die kommenden Jahre ernst. So ist eine attraktive Verkehrsanbindung gerade für abgelegene Gemeinden ein wesentlicher Standortfaktor mit absehbaren wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen. „Der Nahverkehrsplan hat ganz weitreichende Folgen“, kündigt folglich auch der FWV-Fraktionschef und Hirrlinger Bürgermeister Manfred Hofelich ein verstärktes Engagement seiner Gruppe an. Und CDU-Fraktionschef Eugen Höschele will in der kommenden Diskussion „viele eigene Schwerpunkte“ umsetzen und bald „eine eigene Fraktionssitzung zum Thema“ abhalten.

Streitthema Bus- und Bahntakt

Wesentliche Detailfrage ist die Taktung der Busse und Bahnen. So schlagen etwa die Kreis-Grünen vor, das oben beschriebene „Grundnetz“ in Hauptverkehrszeiten grundsätzlich halbstündlich zu bedienen – und monieren am neuen Plan „einen gravierenden Rückschritt“, weil hier bislang nur stündliche Fahrten vorgesehen sind. Die Verwaltung rechnet in einem Gegenstatement vor, dass dieser Plan knapp 600 000 Euro kostete – und eh vorgesehene „Verdichterfahrten“ künftig für eine angemessene Versorgung sorgten.

FDP-Fraktionschef Dietmar Schöning wird in seiner Vorausschau auf die kommende Debatte grundsätzlicher: „Die Diskussion muss auch darum gehen“, so Schöning, „welche Verbindlichkeit wir dem Nahverkehrsplan zumessen wollen.“ In welchen Bereichen würden die Richtlinien zur Pflicht, in welchen zur Kür für die beteiligten Einrichtungen. „Wir müssen da ja nur den Bereich der Barrierefreiheit nehmen“, so Schöning: „Nicht alles ist finanziell machbar. Wir müssen im Vorhinein die Reichweiten definieren.“

INFO: Das TAGBLATT meldet kommende Woche alle Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, sich an der Debatte über den Nahverkehrsplan zu beteiligen. Die zentrale Veranstaltung im Landratsamt ist am Mittwoch, 13. Juni, 17 Uhr.

Wohin fahren Bus und Bahn in Zukunft?
Tabula rasa an der Bushaltestelle? Beinahe. Derzeit werden neue Standards für den Nahverkehr im Kreis festgelegt – und vorher breit diskutiert.Archivbild:Franke

Bei der so genannten „Standardisierten Bewertung“ für das Verkehrsprojekt Regionalstadtbahn wurde eine ÖPNV-Prognose für die Region bis zum Jahr 2020 erstellt. Sie erwartet einen Rückgang der Nachfrage um rund 5,5 Prozent, allerdings hauptsächlich verursacht durch rund 18 Prozent weniger Schüler-Fahrten. Erwachsene dagegen werden insgesamt öfter Bus fahren (plus 2,6 Prozent) und folglich aufs Auto verzichten (minus 2 Prozent). Anders die Prognose des Generalverkehrsplans Baden-Württemberg für das Jahr 2025: Das Land rechnet landesweit mit mehr Autofahrern auf den Straßen (plus 11 Prozent) und weniger Bussen, Radlern und Fußgängern (minus 6 Prozent). Die Planer der Kreisverwaltung Tübingen relativieren allerdings diese Landesprognose von 2004: Geringere Schülerzahlen sind nicht herausgerechnet, steigende Benzin- und „nur moderater Anstieg der Energiekosten“ seien nicht berücksichtigt.

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19.05.2012, 12:00 Uhr

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