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Wohnen wie bei einem monatelangen Erdbeben
Gordona Pintar und Georg Ganser stehen vor ihrem Haus. Foto: Matthias Kessler
Neubaustrecke Stuttgart–Ulm

Wohnen wie bei einem monatelangen Erdbeben

Nur neun Meter unter einem Haus im Lehrer Tal wurde ein Jahr lang der ICE-Tunnel nach Stuttgart gebaut. Jetzt sind Schäden aufgetaucht.

17.01.2017
  • ULRIKE SCHLEICHER

Ulm. Nur neun Meter unter dem Keller des Hauses von Gordona Pintar und Georg Ganser im Ulmer Lehrer Tal sind annähernd ein Jahr Felsen gesprengt worden, und Bohrer fraßen sich durch das Gestein. Am 22. November wurde schließlich der Durchschlag des Albabstiegstunnels gefeiert, Teil der Bahnneubaustrecke nach Stuttgart. Gordona Pintar und Georg Ganser feierten nicht mit.

Das Paar saß stattdessen in seinem Haus und verstand die Welt nicht mehr. Der Grund: Ein 79-seitiges Gutachten des Bayerischen Versicherungsverbands über Bauschäden an ihrem Drei-Familienhaus von 1969. Mit dem Ergebnis, dass weder Risse in den Wänden, verzogene Fenster, gesprungene Scheiben, abgefallene Fliesen im Flur, die Senkung des Gebäudes noch ein verzogener Dachstuhl durch die Bauarbeiten verzeichnet waren. „Wir waren sprachlos“, sagt die kleine Frau und schlägt einen Aktenordner auf.

Darin ist eine Geschichte dokumentiert, die wohl auch andere Hauseigentümer im Zusammenhang mit Stuttgart 21 erleben – in Ulm und Stuttgart. „Als erstes haben wir den Gestattungsvertrag unterschrieben“, sagt die 51-Jährige. Dieser erlaubt der Bahn die Arbeiten unter den Häusern. „Wir hatten kein Problem damit.“ Bei Infoveranstaltungen sei stets versichert worden, dass Schadensfälle unbürokratisch geregelt würden. Wer sich weigert, die Gestattung zu unterschreiben wie der Nachbar des Paars, Thilo Gasser, wird enteignet.

Weil das Paar auf Nummer sicher gehen wollte, beantragte die gelernte Lkw-Fahrerin eine Beweissicherung. Dabei wird der Zustand eines Hauses vor den Bauarbeiten dokumentiert. „Jeder kleinste Riss und Spalt wurde fotografiert“, sagt Pintar. Anfang 2014 ging es los. Zunächst mit Sprengungen bis 150 Meter vor ihrem Haus: „Alle zwei Stunden knallte es, das Haus wackelte“. Danach kam der Bohrer, der sich 24 Stunden lang unter ihnen drehte. „Es war wie ein andauerndes Erdbeben“, beschreibt es Ganser. Bilder seien von den Wänden gefallen. Deshalb verlangte sie von der Bahn, das Maß der Erschütterungen zu erfassen. Ein Ingenieurbüro stellte Seismografen auf. An den Protokollen sei zu sehen: „Wir lagen oft im roten Bereich.“

EIn Angebot der Bahn

Keine Frage: Der andauernde Lärm und die Erschütterungen gingen den 13 Bewohnern des Hauses gehörig auf die Nerven. Auf der anderen Seite musste die Bahn Rücksicht auf die Leute nehmen, etwa bei Sprengungen. Schließlich machte die Bahn den Bewohnern ein Angebot. „Wir sollten ins Hotel ziehen“, sagt Pintar. Bis zu 140 Euro pro Nacht wurden genehmigt. Von April bis August, insgesamt 70 Tage, lebten das Paar, seine Familie und Mieter wie Nomaden. Tagsüber seien sie zurück ins Haus, um zu kochen, Kleider zu waschen. „Gegen 18 Uhr ging's ins Hotel.“

Irgendwann fiel ihnen auf, dass über dem Küchenfenster Risse entstanden, dass der Putz fehlte, dass Fensterschächte sich gelöst hatten, Dachplatten lose waren. Auch das Abwasserrohr sei auseinandergebrochen. „Das Wasser drückte in den Keller.“ All diese Schäden hätten sie gemeldet. Eine Zwischen-Beweissicherung sei gemacht worden. Und eben nach Ende der Bohrungen ein Abschlussbericht mit Gutachten.

Nach diesem Gutachten ist jeder Schaden entweder auf üblichen Verschleiß, auf Unterhaltsmängel wie bei den Fenstern, auf Frost wie beim Abwasserrohr, auf Wind und Wetter wie beim Dachstuhl sowie vor allem auf falsches Baumaterial und falsche Bauweise zurückzuführen. Die Schäden seien zudem weitestgehend schon vorhanden gewesen, schreibt der Sachverständige. Und: Die gemessenen Schwinggeschwindigkeiten durch die Bohrungen seien zu gering, um Schäden zu verursachen.

Ein Ingenieur habe den Schaden inoffiziell auf 200 000 Euro geschätzt, sagt er. „Klar, alles kommt nicht vom Tunnelbau. Aber das meiste ist 2014 entstanden. Schon komisch.“ „Wir müssen klagen“, sagt Gordona Pintar. Das koste viel Geld und Nerven. Dem Gutachten haben sie vorsorglich widersprochen.

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17.01.2017, 06:00 Uhr

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