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Das Rätsel des Krönleinschusses

Wolfgang Schorlau schickt seinen Privatermittler Dengler zum NSU

Der Mann ist längst eine Premium-Marke: Wolfgang Schorlaus Präsentation des achten Falls („Die Schützende Hand“) seines Privatermittlers Georg Dengler lockte am Donnerstag über 200 Hörer in die edlen Säle des Tübinger Museums.

20.11.2015
  • Fred Keicher

Tübingen. Im Juni 2004 explodierte in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe. Direkt vor dem Büro des Steuerberaters Ali Demir. Der schaute aus seinem Büro und sah zwei mit Pistolen bewaffnete Deutsche, die sich nicht um Verletzte kümmerten. Anscheinend hatten sie Wichtigeres zu tun. „Sie deckten den Rückzug“, sagten erfahrene Polizisten Schorlau. Vernommen wurden die Zeugen erst zehn Jahre später vom Parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin. „Das waren andere Zeugen, als die, die ich am Tatort gesehen hatte“, sagte Ali Demir zu Schorlau.

„Ich kann doch nicht der erste gewesen sein, dem das auffällt“, sagte sich Schorlau als er dann die Ermittlungsakten im NSU-Fall durcharbeitete. Der angebliche Doppelselbstmord in Eisenach: In zwanzig Sekunden soll Mundlos Böhnhardt erschossen haben, Feuer gelegt, sich selbst mittels eines „Krönleinschusses“ in den Kopf geschossen haben und das Repetiergewehr nochmals betätigt haben. Niemand …“, sagte Schorlau und das Publikum verfiel in Gelächter. Trotz der drastischen Schilderungen. Etwa dass von mehr als einem Kilo Hirn des Mundlos jede Spur fehlt. „Achte auf die kleinen Dinge!“ ist das Arbeitsmotto des Privatermittlers Georg Dengler, Schorlaus Held. Der sitzt im Stuttgarter Bohnenviertel und hat seine Nöte. Vorwiegend finanzieller Art. Stuttgart ist für Privatermittler ein schwieriges Pflaster, wird im Roman räsonniert. Es gebe zwar reichlich viele fremdgehende Ehefrauen, aber viel zu wenige eifersüchtige Ehemänner, die dafür zahlen würden, das herauszufinden. Und als die Not am größten ist, kommt mit der Post ein Umschlag mit drei Bündeln neuer 50-Euro-Scheine. Dengler hatte wieder einen Fall: Wie kamen Mundlos und Böhnhardt zu Tode?

„Was Sie an Fakten in dem Buch lesen, sind alles Zitate aus den Ermittlungsakten“, versicherte Schorlau seinen Hörern, „die Figuren sind erfunden.“ Wie er an die Akten gekommen ist, beantwortete er ausweichend: „Wie soll ich diese Frage beantworten?“ Er habe einen professionellen Rechercheur beschäftigt: „Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht.“ Im Roman wird Denglers Vorbild, der alte Kommissar Schweigert, die Prinzipien Aktenklarheit und Aktenwahrheit beschwören: „Es steht alles in den Akten.“ In der Realität hat seine Aktenkenntnis Schorlau eine Einladung als Gutachter vor den Landtagsuntersuchungsausschuss zum Fall Kiesewetter eingebracht.

Wie Dengler seinen Fall löst, blieb am Donnerstag ein Geheimnis. Schorlau wurde aber mit Fragen nach Beate Zschäpe gelöchert. Ob es nach seinem Buch eine Wende im Prozess geben werde? Nein, so viel Wirkung habe ein Krimi wohl nicht. Ob er auch Material gesammelt habe, das zu brisant sei, als dass er es habe verwenden können? Ja, sagte Schorlau, etwa über Zschäpes Verhalten im Gefängnis. Nach deren Schweigen im Münchener Prozess wurde er gefragt. Er nannte drei Gründe, warum Angeklagte vor Gericht schweigen, auch wenn ihnen eine maximale Strafe droht. Zum einen, dass da etwas ist, dass sie noch mehr fürchten, als lebenslänglich. Zum andern, um jemand zu schützen, eine geliebte Person oder ein Kind. Zum dritten, dass im Hintergrund ein Deal läuft. Schorlau hält sich an die dritte Variante. Offensichtlich fürchte Zschäpe, dass der Deal nicht mehr gelte und kündigt eine Aussage an. Ihr Verteidiger fahre aber erst mal drei Wochen in Urlaub, um der Gegenseite Zeit zum Überlegen zu geben.

Wolfgang Schorlau schickt seinen Privatermittler Dengler zum NSU
Wolfgang Schorlau

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20.11.2015, 12:00 Uhr

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