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VW-Chef Müller: Wir fahren auf Sicht

Wolfsburger Autokonzern kürzt als Folge des Abgas-Skandals Investitionen

Sparen und zugleich in die Zukunft investieren: Bei Volkswagen bemühen sich Vorstand und Aufsichtsrat, die Folgen der Dieselaffäre abzufedern. Experten sind skeptisch, ob diese Strategie aufgehen kann.

21.11.2015
  • DPA

Wolfsburg "Dieselgate" zwingt Volkswagen zur Bescheidenheit. Nur 208 Sekunden braucht Konzernchef Matthias Müller gestern, um die mit Spannung erwarteten Sparpläne von Europas größtem Autobauer zu verkünden. Große Zahlen sind in seiner kurzen Rede, die auf einer einzigen DIN-A4-Seite Platz findet, rar.

Dafür ist die Botschaft klar. VW muss wegen der Milliardenkosten für die Abgas-Krise zwar den Gürtel enger schnallen. Aber: "Was wir definitiv nicht tun werden, ist, auf Kosten der Zukunft zu sparen." Sparen und gleichzeitig investieren - in Zahlen drückt sich die Quadratur des Kreises in einer Rücknahme der Sachinvestitionen um 1 Mrd. EUR aus. 2016 stehen dafür nur noch 12 Mrd. EUR zur Verfügung. Rund die Hälfte davon solle in die 28 deutschen Standorte fließen - laut Müller ein Bekenntnis zu den heimischen Werken und zur Industrienation Deutschland. Dazu passt auch seine wiederholte Ansage, "alles" dafür tun zu wollen, ohne Jobabbau bei der Stammbelegschaft durch die Krise kommen zu wollen.

"In den vergangenen Jahren hat Ihnen der Volkswagen-Konzern an dieser Stelle Investitionen in Rekordhöhe vorgestellt. Heute ist das aus gutem Grund etwas anders", betont Müller - und kündigt eine "Fahrt auf Sicht" an. Zuvor hat er genau diese Botschaft dem Aufsichtsrat erläutert. Knapp dreieinhalb Stunden dauert die Sitzung - verglichen mit anderen jüngsten Krisensitzungen ein kurzes Intermezzo.

Normalerweise stellt VW im Herbst ein 5-Jahres-Investitionsprogramm zusammen. Wegen der hohen Risiken durch den Skandal um manipulierte Abgastests und falsche CO2-Angaben aber zurrt der Konzern dieses Mal nur ein Paket für 2016 fest - das nennt man dann "auf Sicht fahren".

Die Formulierung erinnert stark an gleichlautende Aussagen der Branche 2008/2009, als die Finanz- zu einer Wirtschaftskrise wurde und auch der Autoabsatz einbrach. Das "Dieselgate" aber hat sich VW selbst eingebrockt. Ein Ende dieser schwersten Krise in der Konzerngeschichte ist auch zwei Monate nach dem Ausbruch noch nicht absehbar. Reicht die nun eingesparte Milliarde pro Jahr wirklich aus, um die Kosten des millionenfachen Betrugs abzufedern? Rund 100 Mio. EUR könnten eingespart werden, weil das geplante Designzentrum in Wolfsburg zunächst nicht gebaut wird. In Mexiko wird der Bau einer Lackiererei überprüft.

Der angekündigte Elektro-Phaeton werde verschoben. Im Gegenzug kündigt der neue VW-Chef aber sogleich Mehrausgaben für alternative Antriebe von rund 100 Mio. EUR an: "Wir werden nicht den Fehler machen und uns um unsere Zukunft sparen." Vor allem die zügige Weiterentwicklung elektrischer Antriebe bei den VW Pkw, Audi und Porsche stehe im Vordergrund.

"Ein Befreiungsschlag ist das nicht", meint Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen: "Müller hat bisher noch keinen vernünftigen Plan vorgelegt. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes." VW müsse mutiger und nachhaltiger sparen.

Der Aufsichtsrat hält die Zeit noch nicht reif für konkretere Sparansätze. Sobald konkrete Zahlen für Kosten auf dem Tisch liegen, werde neu geschaut, was "gestrichen oder geschoben" werden kann oder muss. Wegen drohender Prozesse und Nachrüstungskosten sei erstmal nur Reagieren angesagt.

Eines ist auch den Akteuren in Wolfsburg klar: Der Diesel-Skandal wird teuer. Bisher hat der Konzern dafür 6,7 Mrd. EUR zurückgelegt, dazu kommen geschätzte Kosten von 2 Mrd. EUR für die falschen CO2-Angaben. Noch nicht enthalten sind Kosten etwa für mögliche Strafzahlungen. Branchenschätzungen zufolge könnte der Skandal VW 30 bis 40 Mrd. EUR kosten - manche gehen noch darüber hinaus.

Wolfsburger Autokonzern kürzt als Folge des Abgas-Skandals Investitionen
Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, informierte gestern in Wolfsburg die Presse über Konsequenzen aus dem Abgasskandal. Foto: dpa

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21.11.2015, 12:00 Uhr

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