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Bauarbeiter fanden beim Samariterstift Knochenteile und Asche

Womöglich Spuren der Euthanasie-Morde

GRAFENECK (re). Sind es Spuren der Euthanasie-Morde durch die Nazis? Den wissenschaftlichen Nachweis sollen Tübinger Archäologen liefern. Vorigen Dienstag fanden Bauarbeiter bei Kanalarbeiten für neue Wohngruppen am Samariterstift Grafeneck mit Asche vermengte Knochenreste — dem Augenschein nach menschliche Überreste.

18.07.2000

Die Fundstelle liegt nicht weit von der Stelle, wo sich Gaskammer und Krematorium befanden. Von Oktober 1939 bis Dezember 1940 brachten die Nazis dort 10.645 Kranke und Behinderte um — Kinder und Alte, Frauen und Männer.

Jetzt fanden Bauarbeiter mit Asche vermischte Knochenteile, als sie einen Graben zur Erschließung ausbaggerten. In zwei Metern Tiefe rieselten plötzlich Knochenreste von den Grabenrändern. „Man weiß nicht, wie tief das reingeht“, sagt Jens Eckstein, Wohnbereichsleiter im Samariterstift. Die etwa einen halben Quadratmeter große Fundstelle wurde mit Planen abgedeckt. Anfang kommender Woche sollen Wissenschaftler vom Archäologischen Institut in Tübingen mit der Untersuchung beginnen: Wie alt die Knochen sind, und ob es sich tatsächlich um menschliche Überreste handelt. Der Augenschein spreche dafür, sagt Eckstein.

„Kein Begräbnisfeld“, meint Thomas Stöckle, Historiker in Grafeneck. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit Überreste der Opfer. Der Historiker hält es für möglich, dass die Täter diese beim Abzug im März 1941 verscharrten. Bekanntlich hatten die Nationalsozialisten die Pflegeanstalt für Behinderte im Oktober 1939 beschlagnahmt. Für die „Euthanasie-Aktion T4“, dem Auftakt zum planmäßigen Massenmord an Kranken und Behinderten, dem bis 1945 fast 200.000 Menschen zum Opfer fielen.

„Tötung lebensunwerten Lebens“ hieß das in der unmenschlichen Sprache der Nazis — nicht minder unmenschlich war, was mit den Überresten der Opfer geschah. Die Leichen wurden verbrannt, danach die Knochen teilweise mit dem Hammer zerschlagen und mit Asche vermischt. Das belegt, so Stöckle, die Aussage eines Mediziners, der die Tötungsanstalt 1940 während eines Erholungsurlaubs besuchte.

Die zerkleinerten Überreste wurden in Urnen verpackt und den Angehörigen auf Wunsch zugeschickt: 2,5 Kilo Einheitsgewicht. Dazu gab es ein standardisiertes Einheitsschreiben. 270 solcher Urnen ließen die Nazis zurück, als sie abzogen. Möglicherweise auch die jetzt gefundenen Überreste. Die sehen, sagt Stöckle, genau so aus wie der Inhalt der Urnen: zerkleinerte Knochen und Asche. „Die Bauarbeiter waren geschockt, als sie das auf den zweiten Blick erkannten.“

Es war der erste solche Fund in Grafeneck — abgesehen von einem Schädel, der vor einigen Monaten in der Umgebung entdeckt wurde. Mit abgesägter Schädeldecke und innen eingravierten Buchstaben- und Zahlenkombination. „Das ist noch unklar, ob das Grafeneck zuzuordnen ist“, sagt der Historiker. Einen Sezierraum gab es in der Tötungsan-stalt nicht, eventuell aber sei einigen Leichen das Gehirn entnommen worden. Derzeit prüfen Gerichtsmediziner den Schädelfund.

Nach dem Fund vergangene Woche hat sich die Behinderteneinrichtung rechtlich abgesichert. Ergebnis: Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei werden nicht ermitteln. „Für die Polizei ist das nur zur Kenntnisnahme“, so der Reutlinger Polizeisprecher Bernhard Bauer. Die Täter seien bereits 1949 verurteilt worden.

Beim Prozess in Tübingen waren acht angeklagt, fünf wurden freigesprochen — Polizisten, Sekretärinnen, Schreib- und Pflegekräfte, die laut Stöckle teilweise aus Berlin zwangsverpflichtet worden waren. Fünf Jahre bekam ein Obermedizinalrat aus dem Stuttgarter Innenministerium, zu eineinhalb und zwei Jahren wurden zwei leitende Ärzte aus Zwiefalten verurteilt. Der Direktor der Tötungsanstalt, Ernst Baumhardt, fiel im Krieg. Der Arzt Horst Schumann, der später noch in Sonnenstein und Auschwitz Tausende in den Tod schickte, setzte sich nach Afrika ab. Jahrzehnte später wurde er ausgeliefert: kein Prozess, verhandlungsunfähig.

Grafeneck, einen Kilometer entfernt vom Marbacher Gestüt gelegen, ist heute wieder Samariterstift für Behinderte. Die Bauarbeiten werden vom Fund wohl nicht weiter beeinträchtigt, entstehen sollen zwei neue Wohngruppen und Mehrzweckgebäude. Die Überreste — so es welche sind — werden nach den Untersuchungen auf dem Friedhof an der Gedenkstätte beigesetzt.

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18.07.2000, 12:00 Uhr

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