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Die Mössinger Volksbank feiert 125. Geburtstag

Woran Banker sich erinnern …

Volksnah wollen sie immer noch sein – aber glücklich sind sie wohl schon, sich von der rustikalen Kleinbank zum etablierten Institut für Mittelständler und Privatleute gemausert zu haben: die Mössinger Volksbänker feiern derzeit 125. Geburtstag.

12.09.2012
  • Eike Freese

Woran Banker sich erinnern …
Wenig Glamour, aber ausreichend rustikale Bürgernähe: frühe Mössinger Dependance des Darlehens-Kassen-Vereins im Kaufmannshaus Hummel.

Mössingen. Volksbanken werben bekanntlich gern damit, volksnah zu sein. Weil es ihre Filialen dort gibt, wo manche Großbank nicht hinmöchte. Und weil sie gern die klassische Hausbau-Banken für die Leute von nebenan sein wollen. Alte Bilder aus der Gründerzeit der Mössinger Volksbank zeigen indes bestens, was für eine Graswurzel-Angelegenheit das Darlehenswesen auf dem Land im 19. Jahrhundert wirklich einmal war.

1887, vor genau 125 Jahren, trafen sich in der Mössinger Gasthaus-Brauerei „Zum Lamm“ ein paar Dutzend Bürger. Eingeladen hatte der Schultheiß persönlich, Johannes Bauer. Es war die Zeit von wirtschaftlichen Erneuerern wie Friedrich-Wilhelm Raiffeisen – aber auch eine Zeit teils bitterer Armut. Gerade Mössingen hatten damals zahlreiche Auswanderer Richtung Amerika verlassen. Ein eigener „Darlehenskassen-Verein“ schien Bürgern der Stadt eine gute Idee.

Woran Banker sich erinnern …
Zeitgleich mit der Tübinger Kreissparkasse hatte die Mössinger Volksbank den ersten Geldautomaten bundesweit. Er funktionierte mit Lochkarten, die sich Kunden zuvor mit einem festgelegten Betrag vorfertigen lassen hatten. „Der lief eigentlich ganz gut“, erinnert sich der ehemalige Vorstandchef Wolfgang Nill heute. „Er hatte Vorteile, gerade für Leute, die am Wochenende mal knapp bei Kassen waren.“

Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Ärzte, Zimmerer, Bauern, Lehrer, Schlosser und Müller. Eintrittsgebühr: zwei Mark. Jedes Mitglied durfte sich bis zu 500 Mark vom Verein leihen, zu einem Zinssatz von 5,25 Prozent. Ab einer Frist von 15 Tagen gab es auch für Anleger Zinsen: drei Prozent im Gründungsjahr. Heimstatt der frischgebackenen Finanzwirtschaftler waren in den frühen Jahren Läden wie das Stoff-, Kurzwaren- und Gardinengeschäft von Kaufmann Hummel. Dass so ein Darlehens-Verein mitten aus dem Bürgertum kommt, sah man in den frühen Zeiten den Dependancen deutlich an.

Woran Banker sich erinnern …
Johannes Bauer

Deshalb bezeichnet heute Volksbank-Ruheständler Willy Mezger, knapp 30 Jahre im Vorstand, auch den Einzug ins Volksbank-Hauptgebäude in der Karl-Jaggy-Straße als kleine Revolution im örtlichen Finanzwesen: „Da hatte man das erste Mal als Kunde das Gefühl: Ja, jetzt betrete ich eine richtige Bank.“ Die Mössinger wollten sich 1968 mehr professionalisieren, neue Kundenkreise und Geschäftsfelder erschließen. Beziehungsweise bestehenden Geschäftsfeldern einen entsprechenden Auftritt verschaffen. „Vorher haben wir in unseren Filialen ja nebenher noch Düngemittel und Tierfutter verkauft“, beschreibt Mezger die Lage in den damaligen Dependancen der Genossenschaftsbank.

Woran Banker sich erinnern …
Karl Jaggy

Kurz darauf, die Bank hieß nun auch „Volksbank“ mit richtigem Namen, begann die zweite Revolution im Bankenwesen: die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung. Mössingen als kleine Regionalbank war damals nicht schlechter gestellt als größere Banken, sagt der langjährige Vorstandsvorsitzende Wolfgang Nill. Er hatte in den 60ern seine Ausbildung bei der Commerzbank gemacht: „Glauben Sie mir, bei denen war das genau dasselbe.“

Und führend war die Mössinger Volksbank sogar beim damals letzten Schrei in der Privatkunden-Betreuung: einem echten Geldautomaten, betrieben mit Lochkarten. Ende der 1960er-Jahre war die Maschine an der Karl-Jaggy-Straße die bundesweit einzige – gemeinsam mit dem Geldautomaten der Kreissparkasse am Lustnauer Tor in Tübingen. Betrieben mit Lochkarten, die der Kunde zuvor bestellen musste – aber immerhin.

Woran Banker sich erinnern …
Wenn man von antiken Fotos ausgeht (siehe Bilder unten) hätten diese Männer in ihren Positionen früher sicher Bärte getragen: Die derzeitigen Volksbank-Vorstände Hans Müller (links) und Thomas Bierfreund (rechts) nehmen IHK-Vize-Hauptgeschäftsführer Walter Herrmann in ihre Mitte. Anlass: die Kammer-Auszeichnung zum 125. Geburtstag der Mössinger Volksbank. In der Hauptstelle an der Karl-Jaggy-Straße stehen Sie für das Foto fast an dem Ort, an dem Ende der 60er-Jahre einer der bundesweit ersten Geldautomaten stand (siehe Bild oben links).Bild: Freese

Es waren selige Zeiten für alle, die sich nach geordneten Verhältnissen sehnten: So eine Commerzbank, erzählt Nill, war für das große Geld zuständig („Studenten wurden bei uns gleich wieder rausgeschickt“), eine Volksbank für die kleine Frau und den kleinen Mann von nebenan.

Die jüngste Zeit haben die derzeitigen Vorstände Hans Müller und Thomas Bierfreund aus der Nähe erlebt. Prägende Erfahrungen: der Aktien-Hype der 1990er und die Finanzkrise. „Ende der Neunziger bis zum ersten Crash hat jede Oma versucht, Aktien zu kaufen“, erinnert sich Müller.

Medienrummel und Enkel am Puls der Zeit trugen die Verheißung schneller Renditen in jedes Wohnzimmer. Nach dem Platzen der Träume und vor allem im Zuge der Finanzkrise besönnen sich die Kunden jetzt wieder auf bleibende Werte. „Seit etwa 2008 gibt es eine Kehrtwende“, sagt Thomas Bierfreund. „Die Wohnbaufinanzierung hat bundesweit massiv zugenommen.“

Bei Zinsen um 0,5 Prozent und sogar Negativzinsen bei Staatsanleihen kein Wunder. Im Jahr vor ihrer Fusion mit der Volksbank Steinlach-Wiesaz-Härten sind sich die Mössinger Volksbänker sicher, dass der Trend ihnen gerade sehr in die Karten spielt.

Derzeit läuft in den Räumen der Hauptstelle in der Karl-Jaggy-Straße eine Ausstellung über die Geschichte der Mössinger Volksbank. Dort erfährt der Besucher vieles über die Gründungszeit der Bank und ihre ersten Vorsteher, die Bürgermeister Johannes Bauer (links) und Karl Jaggy (rechts). Geöffnet ist die Schau zu den üblichen Öffnungszeiten: Werktags 8.30 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 16.30 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr.

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12.09.2012, 12:00 Uhr

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