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Leitartikel · Sprachkultur

Worte können töten

Ach, waren das noch Zeiten, als man mit einem NaziVergleich wochenlang für Schlagzeilen sorgen konnte. Sogar zu diplomatischen Verwicklungen führte es, als Helmut Kohl 1986 Gorbatschow mit Goebbels verglich.

13.11.2015

Von Magdi Aboul-Kheir

Und als Bundesjustizminister Herta Däubler-Gmelin 2002 die Methoden von US-Präsident Bush mit denen Hitlers gleichsetzte, war das ihr politisches Ende. Skandale waren das!

Und heute? Als Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck kürzlich die von der Union geforderten Transitzonen für Flüchtlinge mit KZs verglich, hoben sich einige Augenbrauen, der Bischof entschuldigte sich tags drauf, und gut war's.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Mensch mit humanistischer Bildung und klarem Wertesystem - das darf man einem katholischen Bischof unterstellen - muss darüber schlafen, bis ihm klar wird, dass er Unsinn geredet hat: Seine Wortwahl habe "viele Irritationen und Verletzungen ausgelöst", die ihn "sehr nachdenklich und betroffen" machten. In der Tat macht das einen nachdenklich. Nur anders, als der Bischof meint.

Wie unsere Sprachkultur in diesen von Flüchtlingsdebatte und Pegida-Unflätigkeiten geprägten Tagen verroht, ist erschreckend und entlarvend. Und nicht wenige Worte - was sind Worte anderes als laut ausgesprochene Gedanken? - sind Gift für unsere Gesellschaft. Auch gibt es einen Zusammenhang zwischen technokratischer Sprache und seelenlosem Handeln.

Abstumpfung mag das eine sein, politisch-ideologisches Kalkül das andere. Da warnt der Philologenverband Sachsen-Anhalt vor der "Immigranteninvasion", da ist von einfallenden "Horden" die Rede. Auch ein Begriff wie die "Flüchtlingslawinen", die Wolfgang Schäuble unser Land überrollen sieht, spielt mit unguten Assoziationen.

Grob, zynisch wird mit Ressentiments gespielt und Angst gemacht. Empathie und Hilfsbereitschaft werden dafür pathologisiert, Hetzer hingegen selbst in der "Tagesschau" als "Asylkritiker" verharmlost.

Es geht nicht nur um Anstand, nicht um Geschmacksfragen. Nein, wir leben in einer Erregungskultur, in der vielen das Gefühl für jegliches Maß abhanden gekommen ist. Zwangsläufig führt das zu einer Abstumpfungskultur und in der Folge zu einer Verrohungskultur.

Offenbar muss es immer die radikale Wortwahl, die maximale Beleidigung sein. Wer das nicht glaubt, braucht keinen politischen Streit verfolgen. Es genügt, auf Youtube die menschenverachtenden Tiraden zu lesen, wenn jemandem ein Künstler nicht gefällt. Gerade die in dem Fall asozialen Medien haben sich zum Durchlauferhitzer für Debatten entwickelt. Das führt zu höheren Aufregungswellen, zu kürzeren Skandal-Halbwertszeiten - vor allem aber zu Desensibilisierung.

Die Folge ist ein Diskurs, der von Unaufrichtigkeit, Infantilität und Aggression geprägt wird. Argumente? Polemik ist doch unterhaltsamer! Differenzierung? Langweilig! Gesunder Menschenverstand? Erkrankt! Was soll man noch sagen, wenn auf Kundgebungen erwachsene Menschen von sich geben, Angela Merkel sei der schlimmste Kanzler seit Adolf Hitler?

Klar, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Doch wir haben eine Situation, in der es so vieles ernsthaft zu diskutieren gibt. Gewiss: Jeder sollte sagen, was er meint. Aber auch meinen, was er sagt. Freilich nicht, ohne die Folgen seiner Worte abzuwägen.

Denn wenn wir eines, und nur dieses Eine, aus der Geschichte gelernt haben sollten, dann dies: Worte können Menschen töten.

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Erstellt:
13. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. November 2015, 12:00 Uhr

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