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Leitartikel · KRIEG UND FRIEDEN

Worte und Taten

24.11.2015
  • Von Jürgen Kanold SWP

Einen „Weltkrieg III.“ hatte das „Handelsblatt“ gleich nach den schrecklichen Anschlägen von Paris auflagenstark ausgerufen. Und damit die größte publizistische Rakete im Lande gezündet. Als könnte man allein mit einer verbalen Aufrüstung den Terror des „Islamischen Staats“ (IS) besiegen.

Die Deutschen freilich, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, die mörderischen Bombennächte, Tod und Elend, wissen, was das bedeuten kann. In Friedenssehnsucht möchte man dann das berühmte „Kriegslied“ des Matthias Claudius, 1778 geschrieben, zitieren: „s ist Krieg! s ist Krieg!/ O Gottes Engel wehre, /Und rede Du darein!/ s ist leider Krieg - und ich begehre/ Nicht schuld daran zu sein.“

Dieses „leider“ ist ein tiefer, leidgeprüfter Seufzer. Viele Deutsche wissen aber auch, dass es die Alliierten waren, die Hitler-Deutschland in einem Krieg widerstanden und ein Volk von der Nazi-Barbarei befreiten. Das ist nicht vergleichbar mit unserer Zeit; aber nichts ist einfach in einer Debatte über explodierende Kriegs-Rhetorik.

Zur Strategie des „Islamischen Staats“ gehört die mediale Dämonisierung unserer westlichen Welt. Denn Ziele der Terroristen sind auch: Kriegsangst zu verbreiten, unsere Gesellschaft zu spalten; diskriminierte Muslime können zu Kämpfern im Dschihad werden.

Wiederum bleibt es emotional nachvollziehbar, wenn François Hollande erklärt: „Frankreich ist im Krieg!“ Das ist das Pathos der Grande Nation, die stolz die Marseillaise singt und einen Pomp zelebriert, gegen den der Große Zapfenstreich der Bundeswehr wie ein rührendes Platzkonzert anmutet. Es ist aber großartig, wenn die Einwohner von Paris als starke Waffe in diesem militärischen Konflikt auch die Lebenslust feiern und sie dem IS-Terror entgegensetzen.

Die Kriegs-Vokabel vereinfacht die Weltsicht. Und ist ein mobilisierender Begriff. Wer den Ausnahmezustand des Krieges ausruft, ordnet diesem alles unter, auch die Freiheit. Ganz zu schweigen von der völkerrechtlichen Problematik: Im Krieg ist vieles erlaubt, auch das gezielte Töten. Andererseits führt der Westen seit 2001 Krieg im Mittleren Osten, seit den Terrorangriffen auf das World Trade Center. Frieden ist daraus nicht erwachsen, aber noch mehr Chaos - und der IS löst Al-Kaida jetzt als Hauptfeind ab.

Der Politologe Herfried Münkler legt hier den Finger in die Wunde: Mit dem Begriff „Krieg“ werde suggeriert, „man könne Terrorismus mit ein paar Militärschlägen aus der Welt schaffen“. Aber wenn der Feind terroristisch, unsichtbar agiert? Weil wir „in einer binären Struktur von Krieg und Frieden denken, in der es kein Drittes dazwischen gibt, verwirrt und erschüttert uns der transnationale Terrorismus“, konstatiert Münkler.

Trotzdem: Es war ausgerechnet Friedenspreisträger Navid Kermani, ein Muslim, der zum Handeln aufrüttelte: „Der IS wird den Horror so lange steigern, bis wir in unserem europäischem Alltag sehen, hören und fühlen, dass dieser Horror nicht von selbst aufhören wird.“ Das sagte Kermani noch vor den jüngsten Terror-Anschlägen. Aber nicht zum Krieg wollte er aufrufen: „Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt - und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch . . .“

Kermani meinte den Krieg in Syrien, im Irak, den Massenmord vor der europäischen Haustür, den des IS und den des Assad-Regimes. Und er meinte keine Kriegs-Metaphorik, keine rhetorische Aufrüstung, kein mediales Pathos, sondern die besonnene, entschlossene Tat.

Rhetorische

Aufrüstung besiegt den IS nicht

leitartikel@swp.de

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24.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 24.11.2015, 06:01 Uhr

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