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Wundermittel Moos
Es grünt so grün: Der Prototyp der Feinstaubwand. Foto: Marielle Friedrich/ITV Denkendorf
Die Pflanze soll gegen den Feinstaub in Stuttgart helfen

Wundermittel Moos

In Denkendorf wird an einer biologischen Methode geforscht zum Senken der Feinstaubwerte. Die Lösung: Moos bewachsene Feinstaubwände.

26.04.2016
  • LEONIE L. MASCHKE

Denkendorf. Im Laborraum riecht es nach feuchter Erde. Nicht modrig, sonder frisch und kühl. Auf einem schwarzen Wasserbottich thront eine gelbe Stahlkonstruktion, in der drei Paneele verankert sind. Darauf wächst Racomitrium canescens, das Graue Zackenmützenmoos. Nach einigen Versuchen wächst die Pflanze nun wie gewünscht die senkrecht gestellte Paneelen hoch. "Wir können den ersten Prototypen jetzt bei der Landesgartenschau in Öhringen vorstellen", sagt Christoph Riethmüller vom Institut für Verfahrens- und Textiltechnik (ITV) Denkendorf.

Die Pflanze, die vielen Hobbygärtnern ein Dorn im Auge ist, ist für das ITV eine ökologische Lösung im Kampf gegen den Feinstaub: Moos kann die feinen Staubpartikel sowie Stickoxide und Kohlendioxid binden und verstoffwechseln. Es ernährt sich quasi davon.

Gemeinsam mit dem Bauunternehmen Züblin und dem Naturkundemuseum am Löwentor arbeiten die Denkendorfer Forscher an mit Moos bedeckten Feinstaubwänden. Sie sollen in belasteten Städten und Regionen für bessere Luft sorgen.

Vor allem Stuttgart könnte von dieser Idee profitieren: Baden-Württembergs Metropole gilt als "Feinstaub-Hauptstadt". In keiner anderen deutschen Stadt wird der Grenzwert für die jährliche Feinstaubbelastung so häufig überschritten. Der Tagesgrenzwert liegt laut Umweltbundesamt bei 50 Mikrometer Feinstaub pro Kubikmeter und darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden. Stuttgart war im vergangenen Jahr an über 63 Tagen über dem Grenzwert.

"Die Verminderung von Feinstaub ist ein aktuelles Thema, das innovative Lösungen sucht", sagt Andreas Kugler, der Züblin-Projektleiter. "Allein mit Fahrverboten kommen wir nicht dagegen an, die Urbanisierung schreitet schließlich voran." Züblin stellt das Grundgerüst der Feinstaubwände her, die nicht nur die schädlichen Stoffe aus der Luft filtern sollen, sondern zudem als Lärmschutz dienen können und ästhetisch angenehmer wirken als eine graue Betonwand.

Moos eignet sich vor allem durch seine Struktur für die Feinstaubwände: "Die Moos-Pflanze an sich ist klein, aber ihre Blätter stehen sehr dicht. Dadurch erreichen sie eine vielfach größere Oberfläche als Blütenpflanzen", erklärt Martin Nebel vom Naturkundemuseum Stuttgart. Er steht als Moosexperte nicht nur dem Projekt des ITV und Züblins zur Seite, sondern auch einem ähnlichen Projekt der Universität Stuttgart und deren Partner.

Da Moose keine Wurzeln haben, nehmen sie Nährstoffe über ihre Blätter aus der Luft und dem Regen auf. Auf den Blättern befinden sich Papillen, die den Feinstaub elektrostatisch und mechanisch anziehen. "Moos resorbiert die im Feinstaub vorhandenen Nährstoffe und wandelt sie in Moos-Biomasse um." Noch liegen jedoch keine gesicherten Erkenntnisse vor, wie viel Feinstaub das Moos tatsächlich aufnehme und welche Auswirkungen es auf die Umwelt hat. "Daran forschen wir noch."

Da Moose den Feinstaub am besten binden können, wenn sie genügend Wasser haben, arbeitet das ITV an einem "intelligenten Bewässerungssystem" mit sensorischen Textilien. In diesen sind Feuchtigkeits-, Temperatur- und Lichtsensoren verarbeitet. "Die Textilien ,merken , an welcher Stelle das Moos gerade Wasser benötigt", erklärt Projektmitarbeiterin Marielle Friedrich. ITV-Projektleiter Riethmüller ergänzt: "Die Herausforderung ist, die richtigen Bedingungen zu schaffen, damit das Moos wächst. Es soll schließlich auch dann funktionieren, wenn das Wetter gerade nicht günstig ist."

Moose sind zwar widerstandsfähig, reagieren dennoch empfindlich auf Umwelteinflüsse. "Die Kombination aus Bewässerung und direkter Sonneneinstrahlung stellt beispielsweise einen irrsinnigen Stress für die Pflanzen dar", sagt Nebel. "Sie sterben dann schnell ab." Zudem gebe es nicht "das" Moos: Bei 20 000 verschiedenen Arten müsse für jeden Standort und jede klimatische Bedingung die passende Moospflanze gefunden werden. Hinzu komme, dass die Wände einstellbar und flexibel sein müssen und die Bewässerungssysteme auf die jeweilige Moosart angepasst werden muss. Es müssen Daten vor Ort an der Straße gesammelt werden, um "optimale Bedingungen für das Wachstum der Moose zu erreichen", erklärt Nebel.

Doch sobald alle Tests abgeschlossen sind, sollen die moosbewachsenen Feinstaubwände an besonders betroffenen Stellen aufgebaut oder in bereits vorhandene Tunnel oder Leitplankensysteme integriert werden. "Wir wollen erste Testwände noch diesen Sommer in Stuttgart errichten", sagt Kugler. Und Riethmüller und Friedrich ergänzen: "Es braucht noch etwas Zeit, aber dass es funktionieren wird, steht außer Frage."

Gefahr für die Gesundheit - Bürger klagen

Definition Als Feinstaub oder Schwebstaub werden Teilchen in der Luft bezeichnet, die nicht sofort zu Boden sinken, sondern noch in der Atmosphäre verweilen. Sie sind mit bloßem Auge nicht wahrzunehmen, nur während bestimmter Wetterlagen sieht man sie in Form einer "Dunstglocke". Die ultrafeinen Partikel haben einen Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometer.

Herkunft Feinstaub kann durch menschliches Handeln verursacht werden, beispielsweise durch Kraftfahrzeuge (sowohl durch Abgase als durch Reifen- und Bremsabrieb), Komfortheizungen oder die Landwirtschaft. Ebenso kann es natürlichen Ursprungs sein, etwa durch Bodenerosionen, Busch- oder Waldbrände, aber auch durch Viren und Sporen, so das Umweltbundesamt.

Partikel Die kleinen Partikel dringen beim Einatmen in die Lunge und werden durch ihre geringe Größe beim Ausatmen nicht mehr ausgeschieden. Der Staub kann Erkrankungen der Atemwege und des Herz-Kreislaufssystems sowie Krebs verursachen. Die WHO hat festgestellt, dass es keine Feinstaubkonzentration gibt, bei der keine Gesundheitsgefährdung zu erwarten ist.

Prozess Mehr Schutz vor Feinstaub sowie Stickstoffdioxid im Stuttgarter Kessel, das fordern Bürger vom Land. Heute startet ein entsprechender Prozess vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart. Konkret geht es um die Fortschreibung des Luftreinhalteplans für die Stadt. Nach Ansicht der Kläger hat das Land nach wie vor zu wenig dafür getan, dass die Grenzwerte eingehalten werden. LEMA/DPA

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26.04.2016, 06:00 Uhr

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